Unsere Serie „Was braucht Pelkum?“

Zwischen Industrie und Acker: Experte fordert mehr Umweltschutz in Pelkum

Das ehemalige Bergwerk Ost wird als Creativrevier Heinrich Robert weiterentwickelt.
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Das ehemalige Bergwerk Ost wird als Creativrevier Heinrich Robert weiterentwickelt.

„Umwelthauptstadt“ war einmal. Als der Umweltexperte Edmund Spindler vor 30 Jahren nach Hamm in den Bezirk Pelkum zog, spielte der Naturschutz eine große Rolle. Doch das ist nicht mehr so, kritisiert der Experte. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit! (Formular im Artikel)

Pelkum – Als Edmund Spindler mit seiner Familie vor 30 Jahren nach Hamm zog, führten naturbetonte Highlights wie der Maxipark dazu, dass die Stadt den Titel „Umwelthauptstadt“ tragen durfte, verliehen von der Deutschen Umwelthilfe. Das habe er spannend gefunden, erzählt der heute 71-Jährige. Heute jedoch würden Hamm und sein Heimat-Stadtbezirk Pelkum diesen Titel wohl nicht mehr erhalten, meint er.

BezirkPelkum
Fläche30,14 Quadratkilometer
Ackerfläche im Bezirk41 Prozent
Waldfläche im Bezirk10 Prozent

Umweltexperte Spindler: Licht und Schatten beim Naturschutz in Pelkum

Das Wort Koryphäe mag etwas abgegriffen klingen, doch es passt, um Spindler zu beschreiben. Der studierte Raumplaner hat mehr als ein Dutzend Bücher zu verschiedenen Umweltthemen geschrieben. Die Bundesregierung schickte ihn einst zur UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro, auch an Hochschulen referierte er über Umweltthemen.

Edmund Spindler zählt zu den führenden Umweltexperten in Hamm.

Pelkum und Hamm stellt er nun kein gutes Zeugnis zum Umweltschutz aus. Die große Flächenstadt Hamm wirke zwar – wie im „Masterplan Freiraum“ dargestellt und lobend erwähnt – von oben sehr grün. Doch neben Licht gebe es auch Schatten.

Experte fordert: Für Verkehrswende muss mehr getan werden

Da wäre der Verkehr. Spindler fehlen viele Dinge, die für eine Verkehrswende nötig sind. Dazu gehörten etwa die Herstellung von barrierefreien Bahnübergängen sowie ein effektiver Lärmschutz entlang der Bahnstrecken. Er fordert eine Verkehrsberuhigung in allen Wohnstraßen, mehr Fahrradwege, die Sperrung des Osterbönener Wegs für den Autoverkehr, die Streichung der K 13n sowie eine Minimal-Anbindung des reaktivierten Rangierbahnhofs als neues Drehkreuz für den kombinierten Verkehr.

Und wie könnte der Rangierbahnhof erschlossen werden? Spindler verweist auf eine Konzeptstudie des EVG-Ortsverbands Hamm/Bielefeld zum „Multi Hub Westfalen“ vom August 2019, in der die Nord-West-Anbindung an die Hafenstraße offensiv angedeutet wird. „Daraus folgt, dass sich die B 63n nach Süden erübrigt, weil die Erweiterung des Inlogparc-Geländes aufgegeben wurde“, sagt er.

Experte Spindler: Es braucht mehr Bäume in Pelkum

Weiteres Beispiel: die Freiflächen. Spindler fordert, sie aufzuwerten, mehr Bäume zu pflanzen. „Der beste Klimaschutz ist der Waldschutz.“ Er betont, dass auch Wirtschaftswiesen eine hohe Bedeutung haben, weil sie die Biodiversität verbessern und den Boden schonen.

Und welchen Beitrag kann jeder einzelne Bürger zum Umwelt- und Klimaschutz leisten? Für Edmund Spindler ist das keine Frage des Könnens. „Jeder Bürger muss etwas tun“, sagt er. Das sei allein schon wegen des Klimawandels und dessen Folgen nötig, die auch in Pelkum zu spüren sind. Er nennt die heißen und trockenen Sommer sowie absterbende Wälder wie im Selbachpark als Beispiele.

So setzt der Experte sich in seinem Privatleben für die Umwelt ein

Spindler selbst betreibt auf dem Dach seines Hauses in der Selmigerheide eine Photovoltaikanlage, mit der unter anderem sein E-Auto gespeist wird. Eine Steinwüste findet man in seinem Garten nicht. Die möchte er am liebsten ganz aus Hamm verbannen. Denn: „Stein- und Schottergärten sind klimaschädlich.“ Daher seien Anreize für eine naturnahe Gartengestaltung bis hin zur Permakultur dringend nötig.

Ausdrücklich begrüßt der Experte die privaten Initiativen zum Umweltschutz. Hammer legen Blühwiesen an, die Evangelischen Kirchengemeinde hat ein Nachhaltigkeitskonzept. Zudem lobt er, dass die Sandbochumer Heide unter Schutz gestellt wurde, und die Initiative für grünen Wasserstoff und ein CO2 -neutrales Creativrevier Heinrich Robert. Das alles sei richtig und wichtig und doch seien es nur kleine Schritte.

Umweltzerstörung so gravierend, dass Aufenthaltsqualität leidet

So stört Spindler die allmähliche Umweltzerstörung in seinem Bezirk Pelkum, durch die die Aufenthaltsqualität leide, man sich schlechter erholen könne. „Für Familien mit Kindern und Ältere wird die Situation immer beschwerlicher. Auch hier sind neue Werte und Zielsetzungen notwendig“, sagt er.

Für die ganze Stadt sieht er mit dem Klimaaktionsplan und dem Masterplan Freiraum gute Ansätze. „In Hamm müssen wir aber feststellen, dass viele Dinge nur halbherzig oder gar nicht angegangen werden. Die Politik ist verantwortungsscheu geworden.“ Die Verwaltung ergehe sich in einer Bürokratieverliebtheit, die ohnmächtig und depressiv mache. Sie arbeite fast nur noch juristisch im Absicherungsmodus. „Doch genau darin sehe ich den Fehler in der Hammer Umweltpolitik: Neue und innovative Dinge werden nicht konsequent angepackt.“ Es fehle der Mut zum Experiment und zum bürgernahen Vorgehen. „Wer eine solche Strategie benutzt, wird die Umwelt – und schon gar nicht die „Mitwelt“ an Pflanzen und Tieren und unsere ,Unswelt’ – nicht retten.“

Spindler: Motivatoren für Nachhaltigkeit fehlen

Spindler macht dies an einigen konkreten Beispielen deutlich. So fehlen ihm Motivatoren für Nachhaltigkeit vor Ort – also Menschen, die anderen bei diesem Thema beraten. Ferner fordert er für Hamm einen Ernährungsrat sowie einen Bodenschutzbeauftragten. Auch müsse die Stadt endlich Mitglied im Netzwerk deutscher Bio-Städte werden. Das habe er bereits 2018 im Umweltamt angeregt. Weitere Schritte seien PV-Anlagen auf allen südorientierten Dächern sowie energieautarke Baugebiete und Pilotprojekte zum ressourcenschonenden Bauen. Und: Er möchte, dass die Zivilgesellschaft stärker in die kommunale Politik und Verwaltung einbezogen wird. Er denke da unter anderem an das Klimabündnis Hamm, in dem „viele kompetente Menschen sitzen“.

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