Jörg Hensel und Rainer Wilke

Nix mit Wohnen und Gewerbe: Wie zwei Hammer den Rangierbahnhof retteten

Rainer Wilke (links) und Jörg Hensel.
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Rainer Wilke (links) und Jörg Hensel.

Was macht man eigentlich mit einem alten Güterbahnhof? Bei der Bahn setzte man jahrelang auf Gewerbegebiete und Wohnungsbau. Mit der Idee, auf dem Hammer Rangierbahnhof wieder Züge fahren zu lassen, stießen zwei Hammer Gewerkschafter zunächst auf wenig Gegenliebe.

Hamm – Jörg Hensel und Rainer Wilke sind Hammer Eisenbahner durch und durch. Beide sind seit Jahren in der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) aktiv. Und sie kennen die Deutsche Bahn: Hensel als Betriebsrat, Vorsitzender des EVG-Ortsverbandes und Mitglied des Aufsichtsrates, Wilke als früherer IT-Leiter der Gütertochter DB Cargo und Ex-Chef des Güterverkehrs der Region Hamm, zu der auch der Rangierbahnhof gehörte.

Hamm war der größte Rangierbahnhof Europas

Die beiden haben den Niedergang des einst größten Rangierbahnhofs Europas über Jahre verfolgt. Als die Bahn vor einigen Jahren begann, in Hamm in großem Stil Gleise stillzulegen und auch noch einen Verkauf des Geländes ankündigte, beschlossen sie, zu handeln. „Die Bahn wollte den Rangierbahnhof räumen“, sagt Hensel heute. Aber was hätte man mit dem Gelände gemacht? Hensel war klar: „Kann man da nicht was mit Eisenbahnen machen?“

Die Idee kam offenbar im richtigen Augenblick. Die Klimadiskussion brachte der alten Idee, Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern, neuen Schub. Die Bahn selbst hatte jahrelang so viel Gelände verkauft, dass Flächen für eine Ausweitung ihrer Güteraktivität knapp sind. Und in Hamm, so bemerkt Hensel, gibt es 60 Hektar, die zwar aktuell kaum genutzt werden, die rechtlich aber nach wie vor Eisenbahngelände sind. Um dort wieder Güter zu rangieren, bräuchte es kein umfangreiches neues Planungsverfahren. Eine Entwidmung, also eine Umwandlung von Bahn- in sonstiges Gelände, wollte Hensel auf jeden Fall verhindern.

Mehr Güter auf die Schiene bringen

Doch er brauchte Ideen: Eine reine Verlagerung von Güter-Aktivitäten nach Hamm mache keinen Sinn, sagt er. Man brauche ein Konzept, um zusätzlichen Verkehr auf die Schiene zu bringen. Hier haben von Anfang zwei Mitarbeiter von DB Cargo in Hamm, die als Planer bzw. als Lokführer tätig sind, mit unterstützt. Und hier kam Rainer Wilke auch ins Spiel, der zwar Pensionär ist, den Hammer Rangierbahnhof und das Gefüge der Deutschen Bahn aber wie kein Zweiter kennt. Die beiden tüftelten ein Konzept aus, das seit 2019 bei Bahn, Behörden und Unternehmen zirkuliert. Er habe das nicht nur als EVG-Mitglied oder für die Bahn-Gütersparte DB Cargo gemacht, sagt Wilke, sondern vor allem als „Idealist und Bahn-Experte“.

In Hamm soll nach Vorstellung der beiden Gewerkschafter ein „Mega-Hub“ entstehen, ein Umschlag zwischen Schiene, Straße und Wasserstraße. In Hamm könne man im Güterverkehr Mengen bündeln und praktisch alle Relationen in Deutschland, sogar in Europa anbieten. Und man könne hier sofort loslegen. Das, da sind die beiden sich sicher, brächte Neuverkehre auf die Schiene. Dass Spediteur Hermann Lanfer sich gleichzeitig für ein Güterterminal am Datteln-Hamm-Kanal mit Schienenanschluss entschied, dürfte die Idee eines Multi-Hubs in Hamm noch befördert haben.

Im Hammer Rathaus sei das alles gut angekommen, sagt Hensel. Bereits der damalige Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann habe da ein offenes Ohr gehabt, sein Nachfolger Marc Herter ebenfalls. Auch in der Wissenschaft habe es sofort Interesse an dem Projekt gegeben. Die Schwierigkeiten im eigenen Konzern seien größer gewesen. Die DB Netz AG hatte die Stilllegung des Hammer Areals jahrelang aufwändig vorbereitet; das Umdenken, sagt Hensel, sei vielen schwergefallen. Außerdem gehe es natürlich um hohe Investitionskosten und in der Bundespolitik nach wie vor um einen Hang zum Lastwagen.

DB Cargo und Spediteure stehen hinter dem Konzept

Doch inzwischen sieht es gut aus für Hamm. DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta steht hinter dem Projekt, Hermann Lanfer als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Kombiverkehr GmbH & Co. KG, eines bundesweiten Zusammenschlusses von Spediteuren, ebenfalls.

Mit dem Lanfer-Terminal, das 2022 in Betrieb gehen soll, könne man in Hamm anfangen, meinen Hensel und Wilke; auch Anlagen in Bönen und Gütersloh könnten für die Verladung genutzt werden. Eine Weile, sagen die beiden, lasse sich ein MegaHub in Hamm auch ohne den Neubau der Bundesstraße 63n betreiben. Hier könne insbesondere die Verladung von Ladeeinheiten auf Güterwagen in Gleisanschlüssen oder Terminals und die Sammlung auf die Schiene nach Hamm ein wichtiger Schritt sein. In Hamm würden dann die Züge für die Zielumschlagbahnhöfe gebildet. Für das volle Potenzial der Anlage brauche man aber eine Straßenanbindung an das Autobahnnetz.

Ein Güterzug ersetzt 52 Lastwagenfahrten

Wenn alles funktioniert, sehen die beiden Hamm als Drehscheibe für zahlreiche Güterzügen, die Rede ist von einer zwei- bis dreistelligen Zahl pro Woche. Wichtig ist für die Gewerkschafter, dass ein Zug immerhin 52 Lastwagenfahrten ersetzt und damit einen großen Beitrag zum Klimaschutz leistet.

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