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Nach Zwangsversteigerung: Wie eine Familie vergeblich darum kämpft, in ihr Haus einzuziehen

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Von: Constanze Juckenack

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Timo und Diana Schulte vor ihrem Haus: Wann sie einziehen können, ist völlig unklar.
Timo und Diana Schulte vor ihrem Haus: Wann sie einziehen können, ist völlig unklar. © Andreas Rother

Eine Familie aus Hamm kauft bei einer Zwangsversteigerung ein Haus, doch einziehen kann sie nicht: Der frühere Eigentümer droht mit Suizid, falls er geräumt wird. Der Fall beschäftigt das Landgericht, doch eine Entscheidung steht seit Jahren aus.

Hamm – Wer in Hamm ein Haus sucht und finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, hat es schwer. Der Quadratmeter Bauland wird zu Startpreisen von 300 Euro und mehr versteigert. Immobilienmakler bieten Häuser in „verkehrsgünstiger Lage“ für „Selbstverwirklicher“ (also Bruchbuden an Bundesstraßen) für Hunderttausende Euro an. „Wir haben den Immobilienmarkt lange beobachtet, aber nichts Adäquates gefunden“, erzählt Timo Schulte. Bis er im Winter 2019 dieses Schnäppchen unter den Zwangsversteigerungen entdeckte: ein Architektenhaus, ebenerdig, mit großem Grundstück. „Ich dachte, das ist perfekt für meine Familie und mich.“

Zur Familie des 40-Jährigen gehören seine Frau Diana, 47, und der 14 Jahre alte Sohn. Einziger Haken des Traumhauses: Der bisherige Besitzer wohnte noch im Haus. Er war insolvent. Das Haus sollte versteigert werden, um die Gläubiger auszuzahlen. „Wir sollten den Räumungstitel gleich mitbekommen“, sagt Schulte. Er ging davon aus, räumen zu können, das habe der Rechtspfleger ihm gesagt.

Zwangsversteigerung: Haus geht mit Räumungstitel an Hammer Familie

Für 400.000 Euro ging das Haus im Februar 2020 an die Schultes, samt Räumungstitel. Doch darin wohnen können sie auch heute nicht, zweieinhalb Jahre später. Es ist unklar, ob und wann sich daran etwas ändert.

Zwangsversteigerung: Große Nachfrage nach Häusern

Zwangsversteigerungen sind vergleichsweise selten. Dem Fachverlag Argetra zufolge waren im vergangenen Jahr 32 von 100.000 Haushalten in Deutschland davon betroffen. Potenziellen Immobilienkäufern aber erschienen sie attraktiv: „Zwangsversteigerungsobjekte werden vermehrt nachgefragt, weil auf dem normalen Markt kaum noch bezahlbare Immobilien zu finden sind“, erklärten die Experten von Argetra im Sommer 2021. Wie viele Häuser pro Jahr in Hamm versteigert werden, teilt das örtliche Amtsgericht nicht mit.

„Nachdem wir den Zuschlag bekommen hatten, ist der Bewohner völlig aufgelöst auf uns zugekommen“, erzählt Diana Schulte. Er habe nicht glauben können, dass er sein Haus tatsächlich verloren hatte. Der Mann ist etwa 80 Jahre alt. Das Haus hatte er für sich gebaut und als Alterssitz geplant. Mehrfach hatte er vor der Privatinsolvenz gestanden und sie abwenden können. Die Schultes sagten ihm, er dürfe bis August 2020 bleiben, um eine neue Wohnung zu suchen. Dann solle er ausziehen.

Schwerer Schicksalsschlag: Geld für das Haus war Entschädigung nach schlimmem Unfall

Für die Schultes bedeutete das ein großes Zugeständnis. Das Geld für das Haus haben sie nur, weil Timo Schulte einen Arbeitsunfall erlitten hat: Er arbeitete als selbstständiger Elektromeister, als er 2018 in Uentrop einen Kran reparieren sollte. Er sei damals in die Kabine eines Staplermontagekorbs gestiegen und sieben Meter in die Höhe gefahren. Doch der Stapler war defekt. Schulte stürzte in die Tiefe. Bei vollem Bewusstsein wartete er in einem Körper voll gebrochener Knochen auf den Notarzt, 40 Minuten lang. „Die Schmerzen waren unerträglich“, sagt er.

Seitdem hat Schulte Angst- und Panikattacken, Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Er ist querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Seine Firma hat er verloren, er ist berufsunfähig. Ein Gericht sprach Schulte eine Entschädigung zu. „Das Geld war sicherlich auch dazu gedacht, dass er in einer rollstuhlgerechten Wohnung leben kann“, sagt Schultes Anwalt Ralf Schlaap.

Mehrere Räumungstermine angesetzt, doch das Gericht setzt sie aus

Die Wohnung, in der Schultes wohnen, eignet sich nur bedingt für einen Rollstuhlfahrer. Gedacht war sie als Übergangslösung, bis sie das Haus beziehen könnten.

Der August 2020 kam und ging, der Bewohner blieb. Die Schultes erwirkten doch noch einen Räumungstermin. Der Schuldner legte einen Widerspruch ein, dem das Gericht folgte: Werde er geräumt, begehe er Suizid, so lautete die Begründung. Der Termin wurde ausgesetzt.

Schwierige Lage: Suizid nach Zwangsräumung kommt vor

„Zu sagen, dass man sich umbringt, wenn man geräumt wird, ist der erste Tipp, den man im Internet dazu findet, wie man eine Zwangsräumung abwenden kann“, sagt Timo Schulte.

Allerdings gibt es auch Berichte über Menschen, die sich bei oder nach einer Zwangsräumung tatsächlich das Leben nehmen. So machte 2018 der Fall einer Seniorin Schlagzeilen, die sich während der Räumung aus dem Fenster ihrer Wohnung in Porta Westfalica stürzte.

Landgericht macht Auflagen, doch Schuldner erfüllt sie nicht

Für die Schultes folgte ein Hin und Her. Das Verfahren landete beim Landgericht Dortmund. Es machte dem Schuldner Auflagen: Er sollte den Schultes ein Nutzungsentgelt von 1200 Euro pro Monat zahlen und sich einer Therapie unterziehen. Ein halbes Jahr lang habe er dem Gericht monatlich über die Behandlung zu berichten. Erfülle er die Auflagen nicht, werde das Räumungsverfahren wieder aufgenommen.

Wir hatten mehrere Räumungstermine. Der Schuldner hat Widerspruch eingelegt, wegen der Suizidgefahr.

Timo Schulte, Hauseigentümer

Der Schuldner legte nur zwei der sechs Berichte vor. Er machte keine längere Therapie. Mehrere Gutachten wurden über ihn angefertigt, um die Suizidgefahr bei Räumung zu prüfen und zu klären, ob eine Therapie als Alternative in Frage kommt. Das letzte Gutachten stammt vom März 2022. Die Ärztin schreibt, dass sie den Suizid nicht ausschließen könne und eine Therapie nicht zielführend sei: Weil Therapien nur helfen, wenn der Patient sich behandeln lassen will und einsieht, dass er sich ändern muss. Beides sei beim Schuldner nicht der Fall.

Räumungstermine: Ein Termin wird nur 45 Minuten vorher abgesagt

Auch die Nutzungsentschädigung zahlte der Bewohner nicht immer. Er erfüllte die Auflagen des Gerichts also nicht. „Wir hatten mehrere Räumungstermine. Der Schuldner hat Widerspruch eingelegt, wegen der Suizidgefahr“, sagt Schulte. Alle Termine wurden wieder abgesagt, einer mit 45 Minuten Vorlauf.

Zwischenzeitlich war die Familie Schulte so verzweifelt, dass sie das Haus wieder verkaufen wollte. Es gab Interessenten. Doch der Bewohner habe keine Besichtigungen zugelassen. Zum Verkauf kam es nicht. Inzwischen haben Schultes ihre Meinung geändert. Sie planen nun doch, wie bei der Ersteigerung, eines Tages in ihr Haus einzuziehen.

Schuldner: Habe das Haus für mich gebaut

Der Schuldner selbst erklärt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass die Situation für ihn schwierig sei. Er habe angeboten, das Haus von Schultes zurückzukaufen – dafür hätte er Geld von Unterstützern bekommen können, sagt er. Die Frage, wieso diese Unterstützer die Zwangsversteigerung nicht verhinderten, beantwortet er nicht. Schultes glauben nicht, dass sie von ihm Geld sehen würden.

Der Schuldner erklärt, er habe angeboten, ein anderes, passenderes Haus für die Familie zu finden. Das hätten sie abgelehnt. „Wenn wirklich gute und brauchbare Vorschläge abgelehnt werden, dann mache ich von meinem Recht Gebrauch, hier wohnen zu bleiben“, sagt er. Er verweist auf die Gutachter, die bestätigt hätten, dass ein Suizid im Fall einer Räumung nicht auszuschließen sei. Außerdem habe er Möbel, die in keine andere Wohnung passten. Auf den Einwand, dass man die Möbel ja abgeben könne, sagt er, das sei für ihn keine Option. Ihm sei bewusst, dass auch andere Menschen Möbel verkaufen und umziehen. „Aber für mich kommt das halt nicht in Frage. Ich habe dieses Haus für mich gebaut“, sagt er. „Nur annähernd so was, wie wir hier haben, gibt es sonst nicht.“

Finanzieller Schaden für Familie geht in Zehntausende

Die Situation ist für die Familie Schulte längst zur riesigen Belastung geworden. Den Kaufpreis mussten sie zahlen. Sie zahlen auch jeden Monat die Rate an die Bank, Grundsteuer, Nebenkosten und die Miete für ihre Wohnung, die sie sonst nicht bräuchten. Die bisher gezahlte Nutzungsentschädigung deckt diese Kosten nicht. Schulte beziffert seinen Schaden auf mindestens 35.000 Euro. Die Kosten für seinen Anwalt hat er nicht eingerechnet. Ein anderes Haus kaufen? Das kann die Familie sich nicht leisten.

Meiner Meinung nach entzieht sich der Staat der Verantwortung und lädt sie auf die Bürger ab.

Ralf Schlaap, Anwalt

Wie eine Räumung in einem solchen Fall zu erfolgen hat, beschäftigt Gerichte immer wieder. So entschied das Bundesverfassungsgericht 2020 in einem Fall aus Düren, eine Räumung für sechs Monate auszusetzen, weil der Suizid des Bewohners laut einem Gutachten nicht auszuschließen war. Zugleich erklärte der Bundesgerichtshof 2017, dass in solchen Fällen zu prüfen ist, ob der Lebensgefahr für einen Betroffenen nicht auch durch andere Maßnahmen begegnet werden kann. Schließlich würden die Grundrechte des Gläubigers auf Eigentum und effektiven Rechtsschutz verletzt, wenn die Räumung ausgesetzt wird.

Gericht im Dilemma: Überwiegt der Schutz des Schuldners? Oder der neuen Eigentümer?

Zum konkreten Fall sagt eine Sprecherin des Dortmunder Landgerichts, es sei Aufgabe der Gerichte, Gesetze umzusetzen, aber nicht, sie zu ändern. Fälle wie dieser seien nicht abschließend geklärt.

Mein Vertrauen in den Rechtsstaat ist weg.

Diana Schulte, Hauseigentümerin

Schultes Anwalt Ralf Schlaap sagt, dass das Gericht im schlimmsten Fall die Räumung einstweilig aussetzen könne. Er versteht das Dilemma, in dem das Gericht steckt – schließlich kennt er Fälle, in denen es nach oder vor einer Räumung zum Suizid gekommen ist. Zugleich kritisiert er, dass die Zwangsräumung nicht vollstreckt wird: „Meiner Meinung nach entzieht sich der Staat der Verantwortung und lädt sie auf die Bürger ab.“ In diesem Fall auf seinen Mandanten.

Neue Eigentümerin ist erschüttert - und braucht nun selbst therapeutische Unterstützung

Diana Schulte ist erschüttert, dass sie ihr Haus auch nach zweieinhalb Jahren nicht beziehen kann. „Mein Vertrauen in den Rechtsstaat ist weg.“ Ihre psychische Belastung ist so groß geworden, dass sie sich selbst in therapeutische Behandlung begeben hat – um sicherzugehen, dass sie sich nichts antut.

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