Lärm, Licht und Gestank

Ein Bahngebäude macht Familie Stock das Leben zur Hölle

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Die Zufahrt zum Zugwartungswerk am Nordenstiftsweg. Die Anwohner sind entsetzt über das Vorgehen der Bahn.

Familie Stock wohnt am Nordenstiftsweg, zwischen den Bahngleisen. Ihr Leben dort ist inzwischen die Hölle, weil vor wenigen Jahren in unmittelbarer Nähe ein Zugwartungswerk gebaut und mit dem Fahrplanwechsel 2018 in Betrieb genommen wurde.

Hamm-Norden – Das Zugwartungswerk soll jetzt noch erweitert werden, sodass die Züge bis auf wenige Meter an ihr Haus heranrücken. Und, so habe man ihnen mitgeteilt, es werde noch ein Teil ihres Grundstücks dafür benötigt, berichtet Katja Stock. Zudem habe die Bahn auf Teilen ihres Grundstücks bereits eine Zufahrt und eine Treppe gebaut, um das Wartungswerk mit Lkw anfahren zu können. Dazu seien auch ihre Zäune abgerissen worden. „Ich bin entsetzt über diese Vorgehensweise. Das war Grundstücksdiebstahl. Ich möchte mein Grundstück zurück“, sagt sie.

Mit der geplanten Erweiterung würden die Beeinträchtigungen durch Lärm, Licht und Gestank noch schlimmer, befürchten beide. Der Betrieb des Werkes kann nach ihrer Auffassung schon jetzt nicht rechtens sein. Ihr Grundstück sei in der Dunkelheit taghell erleuchtet. Auch nachts würden die Signalanlagen der Züge getestet, sodass sie durch das laute Hupen aus dem Schlaf geschreckt werden.

Gisbert Stock hat nach eigener Aussage mit einem eigenen geeichten Messegerät schon Lärm mit einer Lautstärke von 105 dB(A) auf seinem Grundstück gemessen, und zwar im Haus bei geschlossenem Fenster. Das ist deutlich lauter als ein Presslufthammer. Außerdem stinke es bisweilen unerträglich, wenn die Zugtoiletten geleert würden. Offenbar seien keine Geruchsfilter in die Ablässe eingebaut, schildert er die Situation, mit der sich das Ehepaar täglich auseinandersetzen muss.

Wenn sie das gewusst hätten...

Als sie vor einigen Jahren das Haus kauften, hätten sie sich mit einem gewissen Maß an Bahngeräuschen abgefunden, sagt Gisbert Stock. Doch wenn sie gewusst hätten, dass die stillgelegten Gleise hinter ihrem Grundstück in ein solches Zugwartungswerk umgebaut würde, wäre ein Kauf gar nicht in Frage gekommen, so Gisbert Stock. Wohnen sei dort jetzt nicht mehr möglich. Ihre Gesundheit sei stark beeinträchtigt und ihr Haus habe inzwischen massiv an Wert verloren. Und weder vor dem Bau des Zugwartungswerkes noch für dessen Erweiterung habe die Bahn Kontakt mit ihnen aufgenommen.

Aus Sicht der Bahn ist das alles in Ordnung. Ein Bahnsprecher teilte auf Anfrage des WA mit, dass für das Werk sämtliche Betriebsgenehmigungen und alle planungsrechtlichen Zulassungen zur Wiederinbetriebnahme der Gleise vorlägen. Der Bereich sei mit umweltfreundlichen und energiesparenden LED-Leuchten ausgestattet worden, die die Betriebsanlagen gezielt ausleuchtet. Die Züge müssten aus Sicherheitsgründen grundsätzlich vor dem Verlassen des Werkes ein akustisches Warnsignal geben, um die Funktionstüchtigkeit der „Hupe“ zu belegen.

Die Bahn sieht keine Probleme

Die Entleerung der Zugtoiletten erfolge über ein geschlossenes Drucksystem. Weder Geruch noch etwa Fäkalienreste dürften dabei entweichen. Das gelte schon aus Gründen der Sicherheit für die Mitarbeiter. Zudem würden regelmäßige Prüfungen und entsprechende Nachweise durch externe Gutachter erbracht und dokumentiert.

Weiter stellte er fest, dass für die Wiederinbetriebnahme der Gleise kein zusätzliches Grundstück benötigt worden sei. Er räumte allerdings ein, dass in der Tat unterschiedliche Auffassungen über die Grundstücksgrenze bestünden. „Deshalb wurde ein staatlich anerkannter Vermesser von der DB beauftragt, den Sachverhalt zu klären. Mit der Anliegerfamilie sind wir hier in entsprechendem Austausch“, so der Bahnsprecher. Die DB stehe selbstverständlich auch weiterhin für Gespräche im Sinne eines guten Einvernehmens zur Verfügung. „Bislang hat sich niemand bei uns gemeldet“, sagt dazu Gisbert Stock.

"Wir kämpfen um unser Haus"

Offenbar ist aber inzwischen das Eisenbahnbundesamt (EBA) tätig geworden. Teile der Anlage würden mittlerweile durch das nicht-bundeseigene Eisenbahnverkehrsunternehmen Abellio Rail NRW GmbH betrieben, das dort Züge wartet, teilt ein Sprecher auf WA-Anfrage mit. Hierauf hätten sich auch Anwohnerbeschwerden von Ende 2018 bezogen, die das EBA daher an die Landesbehörde weitergeleitet hatte. Aufgrund einer aktuellen Anfrage der unteren Immissionsschutzbehörde aus Hamm habe das EBA den Sachverhalt nun erneut aufgegriffen. Derzeit ermittele das EBA die genauen Umstände, um die Zuständigkeiten zu klären und gegebenenfalls zu prüfen, ob vorliegend alle rechtlichen Anforderungen, zum Beispiel in Bezug auf den Immissionsschutz, eingehalten würden, heißt es in der Mitteilung des EBA.

Wie Katja Stock gegenüber dem WA sagte, habe sie gehört, dass jetzt auch der weitere Ausbau des Werkes gestoppt worden sei. Abfinden will sich Familie Stock mit der Situation nicht. „Wir kämpfen um unser Haus“, sagt Katja Stock. Und das Ehepaar überlegt, bei den Nachbarn Unterschriften gegen die Belästigungen zu sammeln, denn auch sie hätten sich bereits über den Lärm beklagt.

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