Zahlen steigen: Corona verschärft Situation der Wohnungslosen massiv

Obdachlose schlafen in Hamm in Hauseingängen, unter anderem vor dem Sentidos an der Antonistraße
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Herzlich willkommen... So wie hier sieht mancher Schlafplatz in der Stadt aus.

Hamm – 477 Menschen in Hamm sind ohne eigenes Mietverhältnis, ohne Wohnung: Mit der Stichtagserhebung Ende Juni sendeten die freien Träger der Wohnungslosenhilfe ein Alarmsignal. Die Zahlen hatten sich seit 2015 (236) verdoppelt und gegenüber dem Vorjahr waren sie um 125 (35 Prozent) gestiegen.

„Die Corona-Pandemie hat die Lebensumstände gerade dieser Menschen erheblich verschlechtert“, sagt Ewald Wehner, Leiter des Drogenhilfezentrums und ambulant betreuten Wohnens beim Arbeitskreis Jugendhilfe e.V. (AKJ). „Sie haben kaum noch Zugang zu Vermietern, weil zu Corona-Zeiten die meisten Vorgänge digital laufen.“

„Eine Bewerbung per Internet ist eine solch hohe Hürde, an der die meisten ohne eine Eins-zu-eins-Betreuung scheitern“, sagt Wehner. Nachdem Zwangsräumungen wegen Corona ausgesetzt worden sind, könnte die Zahl der Menschen ohne Mietverhältnis später noch einmal steigen. Zudem seien mit der Pandemie vermutlich viele bis dahin funktionierende Sub-Systeme weggebrochen.

Chancen auf Wohnraum „gegen null“

„Aus Angst vor dem Virus bieten Bekannte vielleicht nicht mehr so einfach Übernachtungsmöglichkeiten an.“ Deshalb will Sozialamtsleiter Frank Schulte möglichst viele Menschen „ins Betreuungssystem bekommen“, um ihnen über die Fachstellen Hilfen in den meist vielschichtigen Problemlagen anbieten zu können. Für Ewald Wehner gehen die Chancen auf Wohnraum ansonsten „gegen null“.

Gefühlt schlafen in diesem Jahr mehr Menschen in Hamm auf offener Straße: in Hauseingängen, vor leer stehenden Kaufhäusern oder Gastronomiebetrieben. Sie zeigen sich offen und verschwinden nicht in Hinterhöfen. Ein Hilferuf? „Die meisten der Menschen, die sich in der Innenstadt aufhalten, sind uns bekannt“, sagt Frank Schulte. „Die Personen werden von uns angesprochen, aber wir können ihnen nicht vorschreiben, wo sie übernachten sollen“, so Schulte. Grundsätzlich seien sie aber an Hilfesysteme angebunden. Hinzu kämen Ortsfremde, die quasi testeten, ob die Umstände in Hamm für sie bessere seien.

Manchem allerdings sind die Lagerplätze in der Innenstadt ein Dorn im Auge. Einige Geschäftsleute und Eigentümer sehen den Ruf der Innenstadt weiter ramponiert und halten derartige Aufenthalte für geschäftsschädigend. Umgekehrt wirbt Ewald Wehner für Verständnis für die schwierige Situation der Menschen. „Sie haben die wenigsten Ressourcen“, sagt er.

Plätze nie ausgeschöpft

Ausgeschöpft gewesen seien die Plätze in der städtischen Übernachtungsstelle an der Dortmunder Straße während der Corona-Pandemie nie, sagt Sozialarbeiter Frank Göbel, der die Menschen dort mit Kollegen von der Caritas betreut. Die Belegung der Zimmer in der Einmalübernachtung sei auf maximal zwei Personen begrenzt worden (sonst bis zu fünf), Ankömmlinge würden alternativ auf Einzelzimmer verteilt.

Von Januar bis Ende Oktober 2020 sind 1888 Übernachtungen an der Dortmunder Straße registriert. 2019 waren es insgesamt 2169. Heraus sticht der Mai 2020 mit 240 Übernachtungen, also der Monat, in dem erste Lockerungen nach dem ersten Lockdown eintraten. Grundsätzlich, so heißt es von der Stadt, falle zu den Vorjahren eine deutlich höhere Zahl von Übernachtungsgästen in den Sommermonaten auf.

Eine Person landet im Knast

Von den Übernachtungsgästen wurden bis zum 11. November 30 Personen in feste Einzelzimmer eingewiesen. Das geschieht mit der Perspektive auf Vermittlung in Wohnraum. 19 von ihnen wurden in Zusammenarbeit der städtischen Fachstelle, der Caritas und den rechtlichen Betreuern in eine eigene Wohnung vermittelt, eine Person kam ins Pflegeheim, drei in Therapieeinrichtungen, eine in Haft. Zwei Personen mussten die Übernachtungsstelle wegen Verstößen verlassen, vier sind noch dort.

In der Einmalunterkunft, also in Gemeinschaftszimmern, haben bislang 45 Personen jeweils länger als eine Woche übernachtet. 15 von ihnen wurden vermittelt: neun in eine Wohnung, sechs in stationäre Einrichtungen. Eine Person ist mit 277 Übernachtungen quasi durchgängig da, ist auf dem Wohnungsmarkt aber nicht vermittelbar.

Die Corona-Schutzmaßnahmen inklusive Kurz-Screening mit Symptom-Check würden in aller Regel akzeptiert. Infektionen habe es in der Unterkunft bisher nicht gegeben, ergänzt Amtsleiter Schulte. Sollte der Bedarf für die Übernachtungsstelle in diesem Winter steigen, habe man Reserven.

Anlaufstellen trotz „Lockdown“ erreichbar

Schulte, Wehner und auch Berthold Schöpe, Fachbereichsleiter bei der Caritas, machen deutlich, dass alle sozialen Dienste während der Corona-Pandemie arbeiteten und funktionierten. „Hier gibt es keinen Lockdown“, so Schöpe. Allerdings bedeuteten die veränderten Bedingungen für Mitarbeiter und auch Ehrenamtler (zum Beispiel in der Franziskusküche) eine teils sehr hohe Belastung und ein hohes Maß an Flexibilität.

Dass sich die Angebote der Wohnungsnotfallhilfen weiter entwickeln, zeigt ein neues Projekt des AKJ am Bockumer Weg: Unter dem Titel „Zimmer mit Zukunft“ erhalten acht Wohnungslose in einer gemieteten Immobilie ein Zimmer. Eine Betreuerin ist vor Ort. Jeder Teilnehmer hat einen Mietvertrag und auch die Hausordnung unterschrieben. „Die Menschen sollen hier wieder an Mietfähigkeit herangeführt werden“, erklärt Ewald Wehner. Dafür müssen sie sich an die Regeln halten. Die Betreuerin steht ihnen helfend zur Seite. „Ohne Betreuung funktioniert solch ein Angebot nicht“, so Wehner. Er verspricht sich viel von dem Projekt, für das es Fördermittel vom Land gibt. Für Frank Schulte ist es ein weiterer wichtiger Baustein in einem Netz von Hilfen in Hamm.

Kälte-Shuttle weiter unterwegs

Der Kälte-Shuttle, der Menschen in den vergangenen zwei Jahren zur Übernachtungsstelle an der Dortmunder Straße gebracht hat, fährt auch in diesem Jahr wieder. Besetzt ist er mit Mitarbeitern von freien Trägern der Wohnungslosenhilfe und sechs bis sieben Ehrenamtlichen. Finanziert wird er per Ratsbeschluss inzwischen über den städtischen Haushalt. Für Schöpe ist der Bus ein wichtiges Angebot, das sich inzwischen verstetigt hat. Er selbst ist ihn als Hauptamtlicher im Wechsel mit Kollegen gefahren.

In diesem Jahr sind die Bedingungen aufgrund von Corona andere: Zwei Fahrgäste maximal können das Angebot gleichzeitig nutzen. Fahrer und Beifahrer sind durch eine Schutzfolie abgeschirmt. Schöpe geht davon aus, dass mehr Fahrten am Abend erforderlich sein werden und sich die Zeiten verlängern. Der Bus kommt bei Temperaturen um null Grad zum Einsatz.

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