Pfarrer glaubt: "Viele sind einfach enttäuscht"

Zahl der Kirchenaustritte steigt in Hamm immer stärker an

918 Hammer haben im Jahr 2019 ihrer Kirche den Rücken gekehrt und gegenüber dem Amtsgericht ihren Austritt erklärt.
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918 Hammer haben im Jahr 2019 ihrer Kirche den Rücken gekehrt und gegenüber dem Amtsgericht ihren Austritt erklärt.

Den Kirchen laufen in Zeiten von Missbrauchs- und Finanzskandalen die Mitglieder davon. Allein in Hamm gab es im Jahr 2019 bald 1000 Austritte!

Hamm – 918 Hammer haben im vergangenen Jahr ihrer Kirche den Rücken gekehrt und gegenüber dem Amtsgericht ihren Austritt erklärt. Das waren 524 Katholiken, 393 Protestanten und ein Mitglied der Neuapostolischen Kirche. Das sind fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Bereits vor einem Jahr wurde die Zahl der Austritte als „nennenswert“ bezeichnet. Damals waren es 691 Hammer – 371 Katholiken, 317 Protestanten und drei Mitglieder der Neuapostolischen Kirche. Nicht erfasst sind in dieser Statistik die Sterbefälle.

Das Amtsgericht nannte diese Zahlen auf Nachfrage. Die Gründe, die zum Exodus der Gläubigen führen, werden dort indes nicht erfasst. Allerdings stand gerade die katholische Kirche in Deutschland im vergangenen Jahr wieder deutlich wegen ihres Missbrauchsskandals in der Kritik.

Kirchenaustritte machen heimischen Pfarrer wütend

Ob die hohe Zahl in Hamm auch mit den Enthüllungen über den ehemaligen Kaplan Heinz Pottbäcker in Verbindung steht, darüber kann nur spekuliert werden. Pottbäcker hatte zwischen 1968 und 1971 mehrere Kinder in Bockum-Hövel missbraucht.

Rolle der Frau, Sexualmoral, Kindesmissbrauch

Klar ist aber auch: In Hamm verlieren die Kirchen Mitglieder auch durch den demografischen Wandel. Die Zahl der Taufen, Neueintritte und Wiedereintritte liegt deutlich unter der Zahl der kirchlichen Bestattungen.

So wurden im Bereich der St. Franziskusgemeinde im vergangenen Jahr 162 Katholiken beerdigt und 64 durch die Taufe in die Kirche aufgenommen. Vier Personen sind wieder in die Kirche eingetreten. Insgesamt gehören der Gemeinde aktuell 13.429 Katholiken an, 219 Katholiken weniger als ein Jahr zuvor. 86 sind in dem Bereich der Franziskusgemeinde aus der Kirche ausgetreten.

Ähnlich sieht das auch in der Pfarrei St. Laurentius aus. 112 Beerdigungen stehen 29 Taufen gegenüber. Die Zahl der Gemeindemitglieder schrumpfte von 6670 im Jahr 2018 auf 6476 im Jahr 2019 –194 weniger, vier traten aus.

Im Pfarrverbund Hamm-Mitte-Osten stehen 159 Beerdigungen 75 Taufen gegenüber. 37 Personen sind aus der Kirche ausgetreten.

Pfarrer Bernd Mönkebüscher hat mit Christen, die aus der Kirche ausgetreten sind gesprochen. „Viele sind einfach von der Kirche enttäuscht“, sagt er. „Sie vermissen in der Kirche, was sie in der Gesellschaft stärker vorfinden“. Als Beispiele nennt er die Rolle der Frau, Sexualmoral und den Umgang mit Kindesmissbrauch.

 

Und im evangelischen Kirchenkreis?

Auch der Evangelische Kirchenkreis Hamm schrumpft. 2097 Menschen weniger als vor einem Jahr waren zuletzt Mitglieder des Kirchenkreises So gab es 978 Beerdigungen und 593 Taufen. Das sind Zahlen aus dem Jahr 2018. Aktuelle Daten wird es erst im Mai 2020 geben.

Weitere Zahlen aus den katholischen Gemeinden – vor allem im Norden der Stadt – liegen der Redaktion noch nicht vor.

Infos zum Kirchenaustritt:

Der Austritt aus der Kirche ist ein Verwaltungsakt. Personen, die nicht mehr Mitglied einer Kirche sein wollen, müssen das beim Amtsgericht beantragen. Dazu müssen sie ihren Personalausweis mitbringen. Eine Austrittserklärung in Schriftform ist nach dem Kirchenaustrittsgesetz nicht möglich. Sie kann nur höchstpersönlich abgegeben werden. Möglich ist ein Austritt von Personen, die das 14. Lebensjahr vollendet haben – auch gegen den Willen des gesetzlichen Vertreters.

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