Immer höhere Preise

Wohnzimmer ohne Fenster: Zwei Familien erzählen, was sie bei der Haussuche in Herringen erleben - diskutieren Sie mit!

Alexandra, Ludwig und Luke Baggemann (rechts) sind auf der Suche nach einer passenden Immobilie in Herringen Hamm
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Alexandra, Ludwig und Luke Baggemann (rechts) sind auf der Suche nach einer passenden Immobilie in Herringen.

Zwei junge Familien wollen ein Haus in Herringen kaufen, doch finden einfach nichts keins. Sie haben uns erzählt, was sie bei der Haussuche erlebt haben - und machen auf etwas aufmerksam, was Herringen verpasst haben. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

Herringen – Für manch einen Herringer ist es ein Horrorszenario: Wird Pelkum in Kürze mehr Einwohner als „ihr“ Stadtbezirk haben? Vor 15 Jahren schien das noch undenkbar. Herringen zählte 21.279 Einwohner und damit über 2 000 mehr als Pelkum (19.000). Und heute? Heute ist der Vorsprung von Herringen (19.937 Einwohner, Stand: Ende 2020) vor Pelkum (19.416) auf gerade einmal 500 Einwohner geschrumpft. Ein Zufall? Dabei hat Herringen – augenscheinlich – doch mehr zu bieten als der „kleine Nachbar“. Es gibt ein richtiges Stadtteilzentrum, die Gesamtschule und den Lippepark. Und auch die ärztliche Versorgung ist besser.

StadtteilHerringen
Einwohner19.937 (Stand: 31.12.2020)
Geplante Wohneinheiten210 (mittelfristig, ohne Heinrich Robert)

Was Herringen versäumt hat: Es fehlt an Bauland

Aber Herringen (Hamm) hat in den vergangenen Jahren auch etwas versäumt, wie unter anderem CDU-Ratsherr Peter Scholz eingesteht: Es wurde zu wenig gebaut. Die letzten großen Baugebiete entstanden Ende der 1990er-Jahre an der Herringer Heide, am Löbbeweg und an der Holzstraße. Erst seit zwei Jahren hat die Bautätigkeit im Stadtbezirk wieder spürbar angezogen, wie die Baugebiete „Am Heidekamp“ an der Rosenstraße, auf dem ehemaligen Sportplatz Diesterwegstraße und an der Waldenburger Straße zeigen. Hier sind mehr als 100 Wohneinheiten entstanden, angefangen von der öffentlich geförderten Seniorenwohnung bis zum hochwertigen Eigenheim. „Das ist genau der Mix, den wir brauchen“, sagt Scholz. Und man müsse vor allem sehen, dass junge Familien aus unterschiedlichen Schichten hier ihr Zuhause finden.

Doch das ist aktuell gar nicht so einfach. Die Familie Baggemann wohnt im Hammer Norden. Seit drei Jahren sucht sie nach einer passenden Immobilie in Herringen. Die Familie Marek hat ein Jahr lang gesucht – in Herringen war die Suche vergeblich, sagt Sabine Marek. Die Familie wohnt nun in Werne.

Die Familie Marek – mit Lena, Sophia, Sabine und „Nesthäkchen“ Johann – suchte vergeblich ein Haus in Herringen, fand aber eines in Werne.

Haussuche in Herringen: 500 Euro Belohnung bei Vermittlung

Sabine Marek und ihre beiden Töchter Lena (10) und Sophie (7) sind in Herringen keine Unbekannten. Die Herringer Interessengemeinschaft konnte sie vor einigen Jahren für ihre Werbekampagne „Herringer Gesicht“ gewinnen. Und auch Alexandra und Ludwig Baggemann haben einen engen Bezug zu Herringen: Hier wohnen zwei Großeltern ihres Sohnes Luke (viereinhalb Monate). Ihretwegen sowie wegen der guten Infrastruktur und den vielen Angeboten für Kinder wolle man gerne nach Herringen ziehen, sagt die 38-Jährige. Zurzeit wohnt sie mit ihrer Familie in einer kleinen Dachgeschosswohnung. Spätestens in einem Jahr wolle man dort raus.

Ob Neu- oder Altbau ist Alexandra Baggemann egal. Sie sei kurz davor zu nehmen, was kommt. Ihr Mann bremst sie dabei noch aus. „Uns muss unser neues Heim schon gefallen.“ Aber sie wissen auch: Sie sind nicht die einzigen. Die Suche nach Immobilien in Herringen geht sogar so weit, dass Suchende Flyer in Briefkästen werfen und fragen, ob die Bewohner jemanden kennen, der sein Haus verkaufen möchte. An der Jägerstraße seien solche Zettel aufgetaucht. Und es seien sogar 500 Euro Belohnung bei erfolgreicher Vermittlung geboten worden, erzählt die junge Mutter.

Völlig zugebaut: Haus ohne Fenster im Wohnzimmer zu verkaufen

Aber was macht die Wohnungssuche so schwer? In dem einen oder anderen Fall seien sie, wie sie sagt, schlichtweg zu spät gekommen. „Für ein Haus an der August-Bebel-Straße, das uns sehr interessiert hat, hatten wir als Fünfte oder Sechste einen Besichtigungstermin.“ Der sei kurz vorher abgesagt worden. „Das Haus war verkauft.“ In einem anderen Fall hatte sich die Familie für ein altes Zechenhaus interessiert, das, wie Ludwig Baggemann sagt, einen „gewissen Charme versprühte“. Das Problem hier: Das Haus war so zugebaut, dass das Wohnzimmer kein Fenster mehr hatte. Die Familie entschied sich dagegen.

Andere Häuser seien völlig überteuert. Die Preise in Hamm sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Andere Häuser seien in einem schlechten Zustand gewesen, oder man habe den Eigentümern, so wie an der Marie-Juchacz-Straße, die Art der Energieversorgung vorgeschrieben. Ein Haus sei ihnen für 300.000 Euro angeboten worden – also für fast das Doppelte seines Werts. In die Renovierung hätte man auch noch etwas reinstecken müssen. „Für das Geld können wir dann auch neu bauen“, sagten die Baggemanns, die davon ausgehen, dass ein neues Haus mit 120 Quadratmeter Wohnfläche und einem 300 Quadratmeter großen Grundstück etwa 400.000 Euro kosten dürfte.

Haussuche in Herringen: Jeden Tag ein Blick in Immobilienportale

Die beiden Enddreißiger haben die Hoffnung nicht aufgegeben, noch fündig zu werten. „Jeden Tag schauen wir in den gängigen Immobilienportalen nach und haben bei den Maklern unseren Namen hinterlassen.“ Aber sie wissen auch: „Wir müssen schnell sein“, sagt Alexandra Baggemann, die sogar mit dem Gedanken spielt, Hamm ganz zu verlassen und nach Bönen oder Werne zu ziehen.

Genau dort hat die Familie Marek vor einem Jahr ihr Traumhaus gefunden. In Herringen habe man sich einige Objekte angeschaut, sagt Sabine Marek. Das Passende sei aber nicht dabei gewesen. Ihre Erfahrungen sind ähnlich wie die der Familie Baggemann. Häuser, die im Internet gut ausgeschaut haben, konnten den Eindruck bei der Besichtigung nicht mehr bestätigen. Andere Objekte seien zu klein für die fünfköpfige Familie gewesen oder man habe sich mit dem Eigentümer nicht einigen können. „Denn wenn wir schon investieren, dann sollte es auch passen“, sagt die dreifache Mutter, die mit ihrer Familie von 2013 bis 2020 zur Miete an der Schachtstraße gewohnt hat. Auch in Westtünnen sei ihnen eine Immobilie angeboten worden. So richtig warm sei sie mit dem Stadtbezirk aber nicht geworden.

Familie über Stadtbezirk: „Herringen hat viel zu bieten“

Doch obwohl die Familie seit mittlerweile rund einem Jahr in Werne lebt: Kontakte nach Herringen hat sie noch. Sie habe hier, wie Tochter Lena erzählt, Freunde aus der Kindergartenzeit. Zudem gehen die Kinder in Herringen beziehungsweise Hamm zum Tennis, zur DLRG und zur Musikschule. Und zwei- bis dreimal in der Woche besucht die Familie ihre früheren Nachbarn, das Ehepaar Brockhoff. Zu ihnen habe man in all den Jahren ein herzliches Verhältnis aufgebaut. Für die Kinder seien sie so etwas wie die Ersatz-Großeltern, da die „richtigen“ Großeltern in Süddeutschland und Tschechien leben. Mehrmals sei man auch schon am Kanal entlang in ihre alte Heimat geradelt. Und dann müssten sie immer feststellen: „Herringen hat viel zu bieten.“ Fündig geworden sei man dann aber per Zufall in Werne.

Aber so sehr sich Scholz für die Mareks freut: Fälle wie der ihre und der Familie Baggemann geben ihm zu denken. Denn: Auch andere suchten händeringend nach Bauland oder Immobilien in Herringen. Und gerade junge Familien seien wichtig für die Zukunft des Stadtbezirks. Es sei sehr schade, wenn sie wegziehen, sagt Scholz. Daher setzt er auch auf die Wohnbaulandinitiative. Mit ihrer Hilfe soll neuer Wohnraum geschaffen werden – und das möglichst bald.

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Unser aller Leben hat sich deutlich verändert – durch die Pandemie, aber auch durch die Digitalisierung, Alterung der Gesellschaft und viele andere Prozesse. Doch wie steht es um das Leben in Herringen überhaupt? Darum geht es in der Serie „Was braucht Herringen?“. Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 20. Juli. Dem nächsten Schwerpunkt widmen wir uns in zwei Wochen.

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