Junge Klimaschützer bleiben aktiv

„Wirklich brutal“: Fridays for Future Hamm über die Flut und die Wahl

Vor der Europawahl 2019 stellten Tausende Schüler die Lokalpolitik vor dem Rathaus zur Rede.
+
Vor der Europawahl 2019 stellten Tausende Schüler die Lokalpolitik vor dem Rathaus zur Rede.

Seit Beginn der Corona-Pandemie treten die jungen Aktivisten von „Fridays for Future“ in Hamm kaum noch in Erscheinung. Doch die Themen sind nicht weniger wichtig geworden, im Gegenteil.

Hamm - 2019 mobilisierte „Fridays for Future“ in Hamm gleich mehrfach Tausende Schüler, Eltern und Lehrer. Damit machten die jungen Klima-Aktivisten auch auf gestandene Politiker gehörig Eindruck und verschafften sich schnell Gehör. Das soll - natürlich - wieder erreicht werden. Wie? WA.de hat mit Mit-Organisator Jannis Arndt (21) über die aktuelle Situation von „Fridays for Future“ in Hamm gesprochen.

Um „Fridays for Future“ ist es ruhig geworden. Wie kommt das?
Seit Beginn der Pandemie sind uns für größere Aktionen die Hände gebunden. Stattdessen haben wir kleine Veranstaltungen wie zum Beispiel mehrere Fahrrad-Demos organisiert, an denen sich immer rund 50 Menschen beteiligt haben.
Im Netz waren Sie weiter präsent ...
Ja, da bedienen wir viele Kanäle. Darüber erreichen wir die jungen Menschen in Hamm nach wie vor – auch ganz ohne große Veranstaltungen mit Tausenden Teilnehmern.
Wie groß ist die „Fridays for Future“-Gruppe in Hamm aktuell?
Der Kern besteht aus 15 bis 20 Menschen, die regelmäßig an organisatorischen Treffen teilnehmen – seit drei Wochen wieder in Präsenz, davor monatelang ausschließlich über Zoom. Darüber hinaus kommen einige dazu, die uns aktiv unterstützen. Insgesamt sind es rund 50 bis 60 Hammer.
Zuletzt waren nicht mehr ausschließlich Schüler, sondern auch Mitglieder von Umweltorganisationen oder Parteien dabei. Wird „Fridays for Future“ unterwandert?
Bei diesem Wortlaut würde ich nicht bleiben. Klar ist, dass der Altersschnitt gestiegen ist. Es muss aber zwischen „Fridays for Future“ und „Parents for Future“ unterschieden werden. Es stimmt, dass die Gruppe bunter und auch älter geworden ist. Die Leute, die schon in den 70er-Jahren auf der Straße waren, haben unfassbar viel Erfahrung. Der Kern ist noch immer 18 bis 19 Jahre alt.
Wie wollen Sie es schaffen, den Ruf einer unbefangenen Gruppe Schüler zu bewahren?
Hauptsächlich über den Nachwuchs aus den Schulen – ganz egal, ob aus der 7., 8. oder 5. Klasse. Wir haben unsere Kanäle im Netz, wollen sie aber auch über Demos erreichen. Bei den letzten größeren Veranstaltungen sind im Nachhinein immer etwa zehn Schüler auf uns zugekommen und wollten mitmachen. Damit hatten wir im vergangenen Jahr verständlicherweise etwas Probleme.
„Fridays for Future“ war bisher auch immer mit dem Reizbegriff Schulstreik verbunden. Wie sehen Sie das Thema?
Jeder ist selbst für sich verantwortlich. Bei größeren Demos wollen wir die Schülervertreter ins Boot holen und die SV-Lehrer. Die können die Teilnahme an der Demo als Ausflug zum Thema Politik organisieren; die Lehrer wären als Aufsichtspersonen immer mit dabei. Darüber hinaus haben wir auch schon Klassenbesuche gemacht.
Rufen Sie trotzdem aktiv zum Streik auf?
(Überlegt lange) Ja, ich denke schon. Einfach, weil Klimaschutz vor der Bundestagswahl ein so wichtiges Thema ist, können wir das trotz aller Nachholbedarfe durch Corona nicht sein lassen. Wir rufen aber auch zum Niederlegen der Arbeit auf. Wir kennen die Verpflichtungen, die jeder hat, und wissen, dass man nicht immer fehlen kann. Aber da, wo es geht, sollte man das machen.
Jannis Arndt: „Armin Laschet sagt am gleichen Tag Ja und Nein zu mehr Klimaschutz. Das kenne ich sonst eigentlich nur von der Satire-Partei ‚Die Partei‘ um Martin Sonneborn.“
Wie glaubwürdig sind nach der Flutkatastrophe die Beteuerungen der Politik, jetzt mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen?
Das kommt darauf an, von wem sie kommen. Armin Laschet sagt am gleichen Tag „Ja“ und „Nein“ zu mehr Klimaschutz. Das kenne ich sonst eigentlich nur von der Satire-Partei „Die Partei“ um Martin Sonneborn. Da fühle ich mich auf den Arm genommen und veralbert. Was da für Äußerungen kommen, passt hinten und vorne nicht.
Sind Sie wütend darüber, dass etwa erst verbal auf die Bremse getreten wird in Sachen Klimaschutz und nur Stunden später im Angesicht der Flut mehr Anstrengungen gefordert werden?
Mittlerweile ist es nur noch ein müdes Belächeln, weil wir so etwas ja schon gewohnt sind. Eigentlich ist das ein furchtbares Zeichen, wenn die Leute in einer Demokratie davon ausgehen und das Gefühl haben, dass sie ständig belogen werden. Das ist wirklich brutal.
Was wünschen Sie sich von der Bundestagswahl?
Erst einmal sind wir unparteiisch. Es muss von allen Parteien eine Schippe drauf gelegt werden beim Klimaschutz. Die Anstrengungen müssen um ein Fünffaches erhöht werden. Erneuerbare Energien müssen ausgebaut werden, die Verkehrswende und ein Tempolimit müssen kommen. Wir wünschen uns einen Kurswechsel und dass die Parteien mutiger werden.
Plant „Fridays for Future“ in Hamm Aktionen zur Bundestagswahl?
Für den Freitag vor der Wahl – den 24. September – planen wir eine große stationäre Demo in der Innenstadt, wenn die Corona-Fallzahlen das zulassen. Es kommen hoffentlich viele Leute. Wir rechnen mit mehreren Hundert.

Musiker gesucht

Für die geplante Demonstration am 24. September sucht die „Fridays for Future“-Gruppe Hamm Bands und Künstler, die sich am Programm beteiligen. Interessierte können sich per E-Mail an hamm.fridaysforfuture@gmail.com melden.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der neuen Ampel-Koalition unter OB Marc Herter?
Bis eine neue Regierung große Projekte ans Rollen bekommt, dauert es eine Zeit lang. Die meisten Projekte, die aktuell laufen, wurden von der vorherigen Koalition übernommen. Wir blicken deshalb erst einmal neutral darauf, was da passiert. Es ist noch zu früh, das zu bewerten. Wir wünschen uns aber, dass mehr gegen Flächenversiegelung und mehr für erneuerbare Energien und Bürgerbeteiligungen getan wird.
Bürgerbeteiligung kostet Zeit und ist mit Blick auf Windkraft oft auch ein Hemmschuh ...
Die Bereitschaft wird ungemein erhöht, wenn die Leute beteiligt werden und auch in die Windenergie investieren können. Die Akzeptanz steigt, wenn dann nach ein paar Jahren Gewinne da sind wie beispielsweise in einigen Kommunen in Bayern.
Was fordern Sie im Detail von der Politik?
Wir haben da einiges ausgearbeitet, wollen das aber noch nicht verkünden. Das machen wir am Freitag vor der Bundestagswahl.
Ist das nicht ein bisschen spät?
Wir haben uns basisdemokratisch auf diesen Weg geeinigt. Bei der Europawahl hat das auch gut geklappt. In Hamm hatten unsere Demos einen starken Effekt. Als wir unseren ersten Antrag zur Ausrufung des Klimanotstands eingereicht haben, hieß es aus der Verwaltung nur „Nee, lasst das mal“. Dann kam die Europawahl immer näher und mit uns demonstrierten rund 2000 Hammer. Auf einmal stand die Tür offen. Der Klimanotstand wurde ausgerufen. Die Politik merkt den Druck.
Trotzdem: Was sollte vor Ort am ehesten noch stärker angepackt werden?
Die Innenstadt ist eine Parkplatzwelt, von der wir wegkommen müssen. Die Stadt ist viel zu autofreundlich. Das muss sich schnell ändern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare