Wirecard-Skandal

„Ich brauchte Personenschützer“ - Investigativ-Journalistin deckt Milliardenbetrug auf

Dubiose Machenschaften von Immobilienfirmen, zwielichtige Geschäfte von Banken und Geschäftsberichte, mit denen irgendwas einfach nicht stimmt. Melanie Bergermann hat investigativ recherchiert - zum Wirecard-Skandal.

Hamm – Die gebürtige Hammerin Melanie Bergermann ist Investigativ-Journalistin bei der Wirtschaftswoche und war dort in den vergangenen Jahren an der Aufdeckung mehrerer Wirtschafts-Skandale beteiligt. Ihr letzter großer Treffer: Wirecard.

UnternehmenWirecard
HauptsitzAschheim (München)
Gründung1. Januar 1999
BrancheFinanzdienstleistung

Der Dienstleister für bargeldlose Zahlungen hatte jahrelang mit falschen Bilanzen gearbeitet, Investoren und die Politik hinters Licht geführt und damit einen Schaden in Milliardenhöhe verursacht. Jetzt sitzen mehrere Spitzen-Manager in Untersuchungshaft, der Ex-Vertriebsvorstand Jan Marsalek ist auf der Flucht.

Wirecard-Skandal: Investigativ-Journalistin Melanie Bergermann deckt Wirtschaftsskandal auf

Angefangen hat Bergermanns Karriere in Hamm. Hier ist Bergermann geboren und aufgewachsen und hat bereits früh ihre ersten Erfahrungen als Journalistin gemacht. „Mein erster Kontakt zur Zeitung war mit 14 Jahren. Da bin ich in die Lokalsportredaktion gestapft, weil ich begeisterter Fußballfan bin und war. Und wollte irgendwas über Fußball schreiben. Sie haben mich dann zu einem Damenfußballspiel geschickt. 20 Zeilen durfte ich schreiben. Dann haben sie gesagt: ,Du bist erst 14. Das ist noch ein bisschen zu jung, komm mal in zwei Jahren wieder‘“, erinnert sie sich. Und das tat sie dann auch. Während ihrer Abi-Zeit am Märkischen Gymnasium schrieb sie für die monatlich erscheinende Jugendseite des WA, später war sie dann als Freie Mitarbeiterin in Hamm und Soest unterwegs.

Dass sie Journalistin werden wollte, war Bergermann immer schon klar: „Seit ich mit 13 Jahren im Radio Sabine Töpperwien gehört habe. Dann war ich fest davon überzeugt, ich müsste irgendwann auch das Derby kommentieren.“

Statt von Fußballspielen berichtet Bergermann heute aber von frisierten Bilanzen und Wirtschaftskriminalität. „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, 30 Jahre lang am Spielfeldrand zu stehen und Sportler zu interviewen. Bei meinem Volontariat beim Handelsblatt habe ich dann den Wirtschaftsjournalismus entdeckt“, sagt sie.

Melanie Bergermann arbeitet als Investigativ-Journalistin bei der Wirtschaftswoche und hat dort zuletzt an der Aufdeckung des Wirecard-Skandals mitgearbeitet.

Darin war sie schnell erfolgreich. Knapp zwei Jahre nach Abschluss ihrer Ausbildung gewann sie 2008 den Deutschen Journalistenpreis in der Kategorie Banken und Versicherungen. Weitere Preise folgten, unter anderem der renommierte Henri-Nannen-Preis „Investigativ“ für ihre Titelgeschichte über Vertriebsdruck in der Finanzbranche (2008).

Mittlerweile lebt die Hammerin in Frankfurt, ist aber mit ihrer Heimat noch immer eng verbunden. Die vergangenen fünf Jahre verbrachte die 40-Jährige damit, Bilanzen zu deuten, Gelder nachzuverfolgen und einen Anhaltspunkt dafür zu finden, dass mit dem Dax-Unternehmen „Wirecard“ etwas nicht stimmt. Und das alles neben der normalen Arbeit in der Redaktion.

Skandal um Milliarden: Wirecard übt Druck aus

„Ich habe einen Anruf bekommen, von einem Kontakt aus einer früheren Recherche. Er wollte in Wirecard-Aktien investieren und hatte sich den Geschäftsbericht angeschaut und verstand ihn nicht. Und auch ich wurde daraus nicht schlau“, erinnert sie sich. Fast ein Jahr dauerte es, bis aus dem ersten Verdacht bestätigte Informationen wurden. „2016 konnte ich den ersten Artikel veröffentlichen“, erzählt die Journalistin.

Es folgte eine anstrengende Zeit, denn es war nicht nur schwer, überhaupt etwas zu finden, das Unternehmen versuchte auch jede Berichterstattung zu verhindern und Journalisten zu diffamieren. „Sie haben am Abend kurz vor Redaktionsschluss bei meinem Chef angerufen und gesagt, dass alles, was ich geschrieben habe, falsch sei. Mein Chef hat das zwar nicht geglaubt, aber er hat mich natürlich noch einmal gefragt, ob ich mir ganz sicher sei. Denn man darf sich bei so etwas keine Fehler oder Ungenauigkeiten erlauben“, so Bergermann.

Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn ich erkenne, da wird betrogen, dann kann ich das nicht so laufen lassen

Melanie Bergermann

Auf jeden Artikel folgten Hass-Mails von Lesern und Aktionären. „Das ist natürlich kein schönes Gefühl, für all die Arbeit nur negative Reaktionen zu bekommen“, sagt sie. Persönliche Drohungen habe es aber nicht gegeben. „Das hatte ich bei einer anderen Recherche. Da brauchte ich sogar Personenschutz“, erzählt sie fast beiläufig.

Warum sie trotzdem immer weitermacht? „Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wenn ich erkenne, da wird betrogen, dann kann ich das nicht so laufen lassen“, sagt sie.

Als im Sommer dieses Jahres das volle Ausmaß des Skandals ans Licht kam und Manager und Vorstand verhaftet wurden, fiel der Hammerin ein Stein vom Herzen. „Ich habe mich erst einmal in eine Ecke gesetzt und geweint. Vor Erleichterung, weil der ganze Druck abgefallen ist“, sagt Bergermann. Eigentlich würde sie jetzt gerne in den Urlaub fahren und ausspannen. „Das ist aber ja leider gerade nicht möglich“, sagt sie. Über ihre Recherchen hat die Hammerin zusammen mit ihrem Kollegen Volker ter Haseborg ein Buch geschrieben. „Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge“, ist in dieser Woche erschienen. Und auch neue Unternehmen hat die Investigativ-Journalistin schon ins Auge gefasst. „Aber ich gehe es jetzt erst einmal langsam an“, sagt sie.

Pikante Enthüllungen: Die Journalisten Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg haben „Die Wirecard Story“ geschrieben.

Serie für ARD und Sky über den Wirecard-Skandal geplant

Auch die Filmrechte des Buches sind schon verkauft. Die Produzentin Gabriela Sperl wird für die ARD und Sky eine Doku und eine Serie drehen, die zum Teil auch auf den Informationen aus dem Buch „Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-Lüge“ basieren. Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg stehen dabei nicht nur beratend zur Seite. „Ich durfte auch vor die Kamera“, sagt die Journalistin. Einen Ausstrahlungstermin gibt es aber noch nicht.

Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg waren natürlich nicht die einzigen Journalisten, die über die Geschehnisse rund um das Unternehmen Wirecard berichtet haben. Eine große Rolle in der Aufdeckung des Skandals spielte auch die Financial Times. Der Skandal-Konzern Wirecard soll verkauft werden. Eine Entscheidung über den Käufer soll noch im November fallen.

Rubriklistenbild: © Sven Hoppe / dpa

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