Stimmen zur Bevölkerungsentwicklung

Wird der Stadtbezirk Rhynern eine Schlafstadt?

Die Bevölkerungsentwicklung im Stadtbezirk Rhynern.
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Rhynern – Der Fortschritt des demografischen Wandels macht sich im Stadtbezirk Rhynern besonders stark bemerkbar. Jeder fünfte Einwohner ist mittlerweile im Rentenalter. Muss sich der bevölkerungsärmste Stadtbezirk Hamms in den folgenden Jahren auf ein weiteres Schrumpfen gefasst machen? Was bedeutet dies für die Infrastruktur? Wie kann die Entwicklung begleitet oder sogar gestoppt werden? Wir haben uns bei Verantwortlichen von denkbar betroffenen Institutionen umgehört.

Martin Frederking, Pfarrer der Emmaus-Gemeinde: „Ich habe in den 30 Jahren Tätigkeit als Pfarrer die stetig sinkende Gemeindegliederzahl verfolgen und hinnehmen müssen. Das hat sicherlich damit zu tun, dass immer weniger junge Menschen nachgerückt sind. Dabei gab es zudem immer mehr ein Ungleichgewicht zum Beispiel zwischen Berge und Rhynern. Die Zahl der Konfirmanden ist in Berge stets deutlich größer als in Rhynern. In Rhynern gingen die Zahlen der jungen Gemeindeglieder stark zurück. Die Verkleinerung der Gemeinde könnte in Zukunft noch extremer werden, da der Anteil an sehr alten Menschen groß ist, die ja auch nicht unbegrenzt alt werden. Früher habe ich noch alle 80-Jährigen in meiner Gemeinde besuchen können. Das sind heute mehr als doppelt so viele. Wir als Kirche können an der Gesamtentwicklung allerdings nicht viel ändern.“

Kai Hegemann, Geschäftsführer des Hammer Sportclub 08: „Wir haben frühzeitig über diese Entwicklung gesprochen und unsere Angebote angepasst. Unser Augenmerk richtet sich längst vermehrt auf Rehasport-Angebote, auf Sport für Ältere, die zudem auch mehr Zeit haben, Sport zu treiben. Aber: Mit 2 300 Jugendlichen sind wir hier immer noch gut aufgestellt. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass unser Einzugsgebiet durch die Vielzahl an Sportmöglichkeiten auch deutlich größer ist als nur der Stadtbezirk Rhynern. Das zeigen auch die beiden Sport-Kitas, die wir betreiben. Die Kinder kommen aus dem ganzen Stadtgebiet.“

Ursula Harkenbusch, Leiterin der Carl-Orff-Schule: „Wir als Grundschule spüren die Überalterung des Stadtteils Rhynern ganz unmittelbar. Als ich vor 15 Jahren die Leitung der Schule übernahm, hatten wir noch 430 Kinder. Da gehörte zwar die Außenstelle in Hilbeck noch dazu, aber dennoch haben wir heute (235 Kinder) deutlicher weniger. Wir waren immer dreizügig, jetzt sind wir das wohl auf Dauer nicht mehr. Und wir haben noch rund zehn Kinder pro Jahrgang, die von außerhalb kommen. Die Eltern melden sie bei uns an, weil sie zum Beispiel im Gewerbepark arbeiten. Wir als Schule können nur hoffen, dass innerhalb von Rhynerns Ortsgrenzen Neubaugebiete entstehen.“

Simon Kottmann, Quartiersentwickler Westtünnen: „Für uns als neue Institution sind die Bevölkerungszahlen nicht überraschend, da wir uns ja im Vorfeld mit der Sozialraumanalyse beschäftigt hatten. Westtünnen ist mit das älteste Quartier der Stadt Hamm. Daher spielen die Bedürfnisse älterer Menschen in unserer Arbeit auch eine große Rolle. Aber wir machen uns auch Gedanken darüber, was hier im Quartier fehlt. Was können wir anbieten, um das Wohnen für junge Familien attraktiver zu machen? Denn ich glaube, dass der Zweitbezug der Wohnhäuser aus den 1970er-Jahren ein immer aktueller werdendes Thema wird.“

Annemarie Jürgenliemke, Vorsitzende Werbe- und Interessengemeinschaft Rhynern: „Für uns Geschäftsleute sind dies keine erfreulichen Entwicklungen. Ich als Apothekerin bin durch die große Zahl an älteren Menschen vielleicht nicht direkt betroffen. Für andere Branchen sieht es da womöglich etwas schlechter aus. Vieles deutet darauf hin, dass wir eine Schlafstadt werden, in der nur noch vereinzelte Ladenlokale als solche genutzt werden. Das hat aber nicht unbedingt mit dem Stadtbezirk, sondern auch etwas mit dem Image von Hamm zu tun. Viele jungen Menschen wollen nach der Schule hier weg.“

Andreas Obering, Bezirksbürgermeister: „Wir sind der älteste Stadtteil. Das ist bekannt. Und das ist auch unser primäres Ziel, dagegen an zu arbeiten. Daher wird auch die Klimasiedlung am Dierhagenweg ein wichtiger Bestandteil unserer politischen Arbeit in der näheren Zukunft sein. In Rhynern ist das Bauland nun mal knapp. Wir müssen aber dahin kommen, dass sich junge Familien das Wohnen im Stadtbezirk auch erlauben können. Parallel müssen wir daran arbeiten, dass das Leben im Stadtbezirk attraktiv bleibt oder noch attraktiver wird. Und dabei müssen wir auch an die älteren Bürger denken. Ein gut, auch über den ÖPNV, erreichbares medizinisches Versorgungszentrum ist zum Beispiel eines unserer größten Ziele.“

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Mit welchen Gefühlen blicken die Bürger auf die Bevölkerungsentwicklung im Stadtbezirk Rhynern? Müssen zwingend Neubaugebiete ausgewiesen werden, um die noch gute Infrastruktur zu retten? Ist eher ein Mix aus neuem Wohnraum und Nachnutzung des Altbestands die Lösung? Oder würde dem Stadtbezirk mit Blick auf die enorme Verkehrsbelastung ein Schrumpfen der Einwohnerzahl sogar gut tun? Muss diese Entwicklung besser begleitet werden, indem sich die Angebote und Bedingungen für ältere Menschen verbessern? Wir freuen uns auf die Meinung der Leser. Schreiben Sie uns unter der E-Mail-Adresse rhynern@wa.de.

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