Haltlos durchs Studium in Hamm und Münster

Wie verändert die Pandemie das Leben von Studenten? Ein persönlicher Bericht

Lilly Bittner studiert an der WWU in Münster.
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Lilly Bittner studiert an der WWU in Münster.

Für Lilly Bittner ging es zuletzt vor dem Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster nicht weiter. Studieren war Heimarbeit. In Hamm. Sie fühlte sich haltlos. Davon erzählt sie hier.

Hamm/Münster – Während Eltern im Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung schweben und Schüler beim Homeschooling eingehen, sitzen Studierende mit Jogginghose auf dem Sofa und konsumieren Vorlesungen wie Unterhaltungsserien. Alles in Ordnung also? Oftmals erscheint der Eindruck, als sei Studieren in Zeiten von Corona kein Problem und auch kein Thema.

Homestudying ist auch in der Forschung bisher weitestgehend unbeachtet. Lediglich die Online-Befragung „Studieren während der Covid-19-Pandemie“ zeigt, dass rund jede/r Dritte der 653 befragten Studierenden seinen oder ihren Nebenjob verloren haben. Erkenntnisse zum mentalen Wohlergehen von Studierenden? Fehlanzeige!

An dieser Stelle gibt Lilly Bittner ganz persönlich ihre Sicht auf den Uni-Alltag an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wieder, wo sie Kommunikationswissenschaft studiert. Gebürtig stammt Lilly Bittner aus Bockum-Hövel. Sie hat in Hamm Abitur gemacht und ist nebenberuflich als freie Journalistin tätig. Sie schreibt seit einiger Zeit auch für den Westfälischen Anzeiger.

Von Lilly Bittner

Mein Ziel ist es nicht, Mitleid zu erlangen oder die Herausforderungen von Eltern oder Kindern während der Corona-Pandemie herunterzuspielen. Ferner bin ich der Überzeugung, dass ein digitales Semester absolut notwendig war und ich gerne meinen Teil dazu beitrage, die Pandemie einzudämmen, um Leben zu retten. Ich möchte als Jugendliche in der Gesellschaft lediglich endlich ernstgenommen werden, nicht belächelt. Ich liege weder mit Jogginghose auf dem Bett, noch treffe ich mich mit 100 Leuten am Rheinufer. Ich bin nicht faul und ich bin auch nicht unverantwortlich, auch wenn ich als Studierende gerne so dargestellt werde.

Das letzte Semester war eine selbstorganisatorische Zerreißprobe, es gab keinen Ort zum Lernen oder zum Vernetzen, meistens nicht einmal einen Ort, an dem man zu einem bestimmten Zeitpunkt sein musste. Die Universitätsbibliothek öffnete immerhin am 29. Juni wieder, Lernplätze müssen online reserviert werden. Da der Universität die Zerreißprobe anscheinend bewusst war, wurde die Regelstudienzeit immerhin um ein Semester verlängert und nicht bestandene Prüfungen als Freiversuche gewertet.

Webkonferenzen erleichterten vieles

Prüfungsinhalte mussten aber trotzdem gelernt und Aufgaben erledigt werden. Dabei waren die Aufgaben sogar umfangreicher als im vorigen Semester – diesen Eindruck bestätigte mir auch mein Umfeld. Als dachten die Dozierenden, wir seien ohnehin nur zu Hause und hätten daher nichts zu tun.

Für mich stimmte das zwar, da auch mein Nebenjob weitgehend wegfiel, viele Studierende hatten aber nach wie vor Verpflichtungen – sei es im Nebenjob oder in der Familie.

Zudem hatte ich Glück, da mir durch Webkonferenzen vieles erleichtert wurde. Fast alle meine Seminare und Vorlesungen wurden wöchentlich zu einem festen Zeitpunkt live abgehalten, was mir half, Struktur in die unstete Zeit zu bringen. Bei meinen Freunden und Freundinnen sah das oft anders aus – sie wurden mit Aufgaben oder hochgeladenen Videos versorgt.

Viel Freiheit bedeutet viel Selbstdisziplin

Wann die Aufgaben erledigt oder die Vorlesungen angeschaut wurden, war ihnen selbst überlassen. Das mag nach viel Freiheit klingen, erfordert jedoch sehr viel Selbstdisziplin und -organisation, woran so manche scheiterten. Flankiert durch Sprüche wie „na dann ist ein Studium anscheinend nicht das Richtige für dich“, sorgte das für viel Frustration.

Auch wenn ich mich selbst relativ gut disziplinieren und organisieren konnte, was nicht zuletzt an den Webkonferenzen lag, war auch ich frustriert. Ein digitaler Lernraum ersetzt nun mal keinen realen Austausch. Spontane Reaktionen im Seminar oder nach der Vorlesung noch einen Kaffee trinken zu gehen machen das Studium normalerweise lebendig und helfen mir, involvierter zu studieren. Stattdessen saß ich tagtäglich alleine vor meinem Laptop und hielt mein Gesicht in eine Kamera. Das ermöglichte mir zwar räumliche Flexibilität und ein gemütlicheres Lernumfeld als einen alten Hörsaal. Allerdings verschwommen Studium und Freizeit so in meinem Zwölf-Quadratmeter Zimmer, denn gezwungenermaßen gestaltete ich meine Freizeit auch daheim.

Mein erstes Jahr als Münsteranerin hatte ich mir anders vorgestellt. Geschafft habe ich das Semester trotzdem. Für das kommende Semester habe ich ursprünglich einen Auslandsaufenthalt geplant. Jetzt hoffe ich, dass ich im nächsten Semester zumindest wieder einen Hörsaal in Münster betreten darf. Wie realistisch dieser Wunsch ist, bleibt noch ungewiss. Die Universität Münster arbeitete jedenfalls drei mögliche Szenarien für das kommende Semester aus.

„Jetzt weiß ich, dass ich im Alltag Struktur benötige“

Momentan wird Stufe 1 geplant, die einen „Vollbetrieb mit Einschränkungen“ vorsieht, also die weitestgehende Präsenzlehre beim Einhalten von Hygiene- und Abstandsauflagen. Für mein Studienfach bedeutet das, dass die meisten Kurse auch im kommenden Semester digital stattfinden werden, einige Seminare jedoch in Präsenzlehre ablaufen. Falls die Corona-Infektionen im Herbst innerhalb Münsters oder an der Universität steigen sollten, so wird Stufe 2 eintreten: der eingeschränkte Betrieb, der mit dem vorherigen Semester gleichzusetzen ist. Im Falle eines grundsätzlichen Lockdowns sieht Stufe 3 den Minimalbetrieb vor.

Corona hat so ziemlich jeden Alltag umgekrempelt. Dabei wurde ich als Studierende nicht am härtesten getroffen – ich gehöre zu einem der privilegierten Menschen, deren Eltern mich finanziell unterstützen können. Das digitale Semester stellte mich also nicht vor eine existenzielle Bedrohung, aber trotzdem vor einige Herausforderungen.

Das Studium ist nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Erfahrungen sammeln und zum Vernetzen da. Mit Ersterem saß ich häufig alleine da, Zweiteres wurde mir weitestgehend genommen. Trotzdem habe ich auch in diesem Semester außerhalb meines Studieninhaltes etwas gelernt: Als Jugendliche wünsche ich mir manchmal absolute Freiheit. Jetzt weiß ich, dass ich im Alltag Struktur benötige. In die Uni gehen zu dürfen, ist nicht selbstverständlich. Denn meistens lernt man Dinge erst richtig wertzuschätzen, wenn sie weg sind.

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