Wenn das Virus die Seele erreicht: Warnung vor mehr psychischen Erkrankungen

Prof. Dr. Marcel Sieberer ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St.-Marien-Hospital.
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Prof. Dr. Marcel Sieberer ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St.-Marien-Hospital.

Psychiater und Ärzte warnen, dass in der Corona-Krise mehr Menschen psychisch erkranken als sonst – und dass Erkrankte besonders stark unter den Kontaktbeschränkungen leiden. Zugleich können Psychiatrien nicht mehr so arbeiten wie zuvor. Das St. Marien-Hospital versucht sich an einer Lösung.

Hamm – Die Klinik für Psychiatrie hat ein besonderes Konzept: Sie verzahnt die ambulante, tagesklinische und stationäre Behandlung in Behandlungseinheiten. Bei einer tagesklinischen Behandlung sind Patienten tagsüber wegen ihrer psychischen Erkrankung im St.-Marien-Hospital, gehen abends aber nach Hause.

Doch aktuell sind gerade die tagesklinischen Behandlungen nicht mehr so möglich wie vor der Coronakrise – zu groß ist die Gefahr, dass einer der Patienten das Virus in das Krankenhaus bringt. Auch die eigenständige Tagesklinik ist derzeit geschlossen. „Unsere Patienten in diesem Bereich mussten wir sukzessive entlassen", sagt Prof. Dr. Marcel Sieberer, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am St.-Marien-Hospital und Lehrstuhlinhaber an der Universität Witten/Herdecke. Für Anfang Mai sei aber im Zuge der allgemeinen Lockerungen der Kontaktbeschränkungen die Wiederaufnahme eines Akut-Tagesklinischen Behandlungsangebotes geplant.

Telefonische Sprechstunde

Sieberers Team hat in den vergangenen Wochen an einer Lösung gearbeitet: So ist die Ambulanz derzeit auch verstärkt telefonisch ansprechbar – Mitarbeiter versuchen, am Telefon zu erfahren, welche Art von Hilfe benötigt wird und wie dringlich es ist. Sie besuchen außerdem Patienten unter Einhaltung der Hygieneregeln zu Hause. Und neuerdings gibt es Therapieangebote per Videochat. „Das machen wir bei einigen Patienten, die das möchten und umsetzen können“, sagt Sieberer. Zudem haben jetzt stationär behandelte Patienten die Möglichkeit, mit ihren Angehörigen per Videochat zu sprechen, da derzeit in den Hammer Krankenhäusern keine Besucher zugelassen werden.

Aber an sich, das hört man Sieberer an, hält er nicht viel von digitalen Therapieangeboten. Natürlich sei das eine sinnvolle Alternative, wenn der persönliche Kontakt nicht möglich ist. „Aber unsere Arbeit ist Beziehungsarbeit“, sagt er: Dass Patienten sich in die Augen sehen, Mimik, Gestik, die Körpersprache des anderen wahrnehmen – das ist Teil der Therapie. „Die Probleme unserer Patienten sind analoger Natur und dafür gibt es nun mal keine digitalen Lösungen“, sagt er.

Wenig Aussicht auf Besserung

Diese Probleme könnten sich seiner Einschätzung nach verstärken. Seit Beginn der Krise haben Psychologen in zahlreichen Medien vor den psychischen Folgen der Kontaktbeschränkungen, Wirtschaftskrise, Sorge um die Gesundheit gewarnt. Auch Sieberer rechnet damit, dass die Krise sich auf die psychische Gesundheit vieler Menschen auswirkt. „Besonders gefährlich ist das für Menschen, die sich sonst schon einsam fühlen“, sagt er. Der alltägliche Kontakt beispielsweise durch den Gang zum Bäcker oder in ein Café: Das falle jetzt aus. Sonst könnte man die Kontakte dort auch als Mittel gegen die Einsamkeit nutzen – nun fehlt diese Möglichkeit.

Allerdings ist nicht jeder krank, der sich nun einsam fühlt oder aus Angst um die Existenz nicht schlafen kann. „Es ist normal, dass jemand auch mal drei oder vier Tage niedergeschlagen ist“, sagt Sieberer. Die Dauer ist für ihn und seine Kollegen ein wichtiger Anhaltspunkt um eine Erkrankung festzustellen. Halten die Gefühle über Wochen an, kann das für eine Erkrankung sprechen.

Patientenbehandlung hört nicht auf

Wer dringend psychiatrische Hilfe braucht, wird auch weiter und uneingeschränkt behandelt – und dann unter anderem stationär aufgenommen. Eine besondere Zunahme an solchen Fällen beobachtet Sieberer noch nicht, die Zahl der Aufnahmen bewege sich auf einem normalen Niveau.

Der Arzt sieht auch Gutes in der Krise: „Einsamkeit ist generell ein unterschätztes Phänomen“, sagt er. Nun falle es auf, was der Verzicht auf persönlichen Kontakt bewirke. „Wir können sehen und fühlen, was es bedeutet, wenn wir immer berührungsloser leben.“ Als Beispiel nennt er die Entwicklung von Pflegerobotern. „Es lohnt, noch einmal darüber nachzudenken, ob wir das so für die Zukunft wirklich wollen.“

Außerdem beobachtet er, dass einige aufmerksamer als zuvor auf ihre Umgebung achten. „Man sieht auf einmal Nachbarn einander helfen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten.“ Er hofft, dass es auch nach der Krise dabei bleibt.

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