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Wenn aus dem Wald ein Urwald wird: Wie gut gelingt Naturschutz in Uentrop? Sie sind gefragt!

Auf dem Weg zur Wildnis: Im Wald in Schmehausen gedeiht das Grün. Mittendrin Totholz, das das Licht bis auf den Boden durchlässt.
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Auf dem Weg zur Wildnis: Im Wald in Schmehausen gedeiht das Grün. Mittendrin Totholz, das das Licht bis auf den Boden durchlässt.

Ein Urwald in der Stadt? Der soll in den Außenbereichen Hamms entstehen, in Schmehausen. Naturschützer erklären in unserer Serie „Was braucht Uentrop?“ wozu ein solcher Urwald taugt und wieso es Naturschutz vor der eigenen Haustür braucht. Haben sie Recht? Diskutieren Sie mit! (Formular im Artikel)

Uentrop - Manchmal würde Jürgen Hundorf gern in die Zukunft reisen, 300 Jahre fände er gut. Dann würde er sehen, was die Maßnahmen bringen, die man heute in einem Wald in Schmehausen ergreift. Den Wald südlich des Saalkampweges will man in Ruhe lassen, er soll ein Wildniswald werden oder gar ein Urwald. Beitragen soll dies zum Naturschutz in Hamm.

StadtbezirkUentrop
Fläche45 Quadratkilometer
Anteil der Waldfläche 12 Prozent
Einwohner pro Quadratkilometer Bezirk Uentrop607
Einwohner pro Quadratkilometer Bezirk Hamm799

Naturschutz in Uentrop: Nur wenige fahren in Wald in Schmehausen

Hundorf ist der Vorsitzende des Nabu-Stadtverbandes Hamm, Udo Gonsirowski Vorsitzender der Naturfreunde Ortsgruppe Hamm-Werries sowie des Landschaftsbeirates der Unteren Naturschutzbehörde. Die Verbände wollen nun enger zusammenarbeiten, um die Natur besser zu schützen. Das „Heidemühlsche Holz“, so heißt der Wald am Saalkampweg, bekommt eine Chance, die es in Hamm selten gibt: Er Wald soll sich natürlich weiterentwickeln. Der Mensch darf nur als Zaungast zuschauen.

Wie wichtig Naturschutz ist, zeigt nicht zuletzt die Hochwasserkatastrophe. Die Folgen der menschengemachten Klimaveränderungen können auch in Deutschland verheerende Ausmaße annehmen. Natur- und Klimaschutz geht jeden etwas an, er beginnt vor der Haustür.

Künftiger Urwald: Einst hieß es, hier könnte Industrie entstehen

Ein Beispiel für Naturschutz ist das Heidemühlsche Holz. Seine Bäume sind 100 bis 120 Jahre alt. Mancher Baum ist erntereif. Doch gefällt werden soll er nicht. Um das zu verhindern, hat die Stadt Hamm die etwa 48,5 Fußballfelder große Waldfläche (34,6 Hektar) und westlich der Autobahn rund 5.700 Quadratmeter „Im Sundern“ von RWE gekauft. Vor Jahrzehnten diente der Bereich dem Kraftwerksbetreiber als Potenzialfläche für weitere Industrie am Kanal. Die Pläne sind längst aufgegeben. Die Stadt hat neue.

Die letzte Durchforstung ist schon lange her: Jürgen Hundorf (Nabu, links) und Udo Gonsirowski (Naturfreunde) fordern noch mehr unberührten Wald in der Stadt.

Der Wald hat sich überwiegend naturnah entwickelt. Er erfüllt in Teilen die Ansprüche von Lebensraumtypen der „Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie“ der EU. Er hat einen hohen ökologischen Wert. „Dieser Wald ist in einem guten Zustand“, sagt Hundorf über Eichen, Rotbuchen, Hainbuchen und mehr. Totholz steht vereinzelt. „Der Wald ist relativ unberührt. Hier brüten die seltenen Waldarten, wie der Mittelspecht, Trauerschnäpper und Waldlaubsänger.“

Glückliche Fügung: Wald darf Urwald werden

Ähnlich wie beim Sandbochumer Wald sprechen die Naturschützer von einer „glücklichen Fügung“, dass der Wald zum Schutz erworben werden konnte. „Aufgrund des Zustandes des Waldes denkt die Stadt vertieft darüber nach, ihn so zu belassen, wie er ist.“ Ausnahmen sind Maßnahmen der Verkehrssicherungspflicht.

Bis zum Urwald dauert es Hunderte Jahre. Doch irgendwann muss der Mensch ja mal anfangen. „Ich finde, es wird Zeit. Wir sind in der Klimakrise“, sagt Hundorf. Nabu und Naturfreunde verweisen auf „nur“ drei städtische „Wildniszellen“ in Hamm, neben der neuen großen in Schmehausen zwei „winzige“ im Heessener Wald und im Frielicker Holz. Private Waldbesitzer sind aus rechtlichen Gründen nur „schwer zu verpflichten“, meinen sie, aber bei Bund, Land und Kommunen könne es gehen. Aber auch bei denen ist es schwer.

Deutschlands Ziel: Fünf Prozent der Waldfläche nicht bewirtschaften

Deutschland hatte sich bis 2020 zum Ziel gesetzt, unter anderem fünf Prozent der Waldfläche unbewirtschaftet zu lassen, damit Urwälder entstehen können. Das Bundesamt für Naturschutz kam im April 2019 aber nur auf einen Anteil von 2,8 Prozent an der gesamten Waldfläche Deutschlands. „Wir appellieren an andere Länder, ihre Primärwälder stehen zu lassen, wofür es fast schon zu spät ist, aber wir sind noch nicht einmal selbst in der Lage, die fünf Prozent zu erfüllen“, sagt Hundorf.

Nabu und Naturfreunde wollen verhindern, dass politische Wechsel im Rathaus zu Verschlechterungen im Naturschutz führen. Vor wenigen Jahrzehnten trug Hamm den Titel „Umwelthauptstadt“. „Eine Farce“, meint der Nabu-Vorsitzende. Er verweist beispielhaft auf den Geithewald. „Vor vielen Jahren ist uns versprochen worden, Wildnisbereiche herauszunehmen. Das ist nie gemacht worden.“ Stattdessen sorgten Fällaktionen vor eineinhalb Jahren für Diskussionen, die bis heute nicht abgeschlossen sind. Der vereinbarte Maßnahmenkatalog fehlt immer noch. Beide haben den Eindruck, dass nach dem jüngsten Wechsel im Rathaus ein Umdenken im Sinne des Natur- und Klimaschutzes stattgefunden habe.

Klimaschutz: Irgendwann ist ein Kipppunkt erreicht

Hundorf und Gonsirowski geht es darum, Ziele „verbindlich festzulegen“. „Sie müssen verschriftlicht werden“, sagt Hundorf. Hamm könne so eine Vorreiterrolle einnehmen. „Was spricht dagegen, alle städtischen Wälder zu schützen? Die Stadt wird keine Unsummen damit verdienen“, meint er. Er rechnet Ökosystemleistungen dagegen. Über Bereiche wie Luftreinigung, Sauerstoffabgabe und Biodiversität könnte sich die Stadt den Wald gut schreiben. „Wir leben auf Kosten anderer“, sagt er. „Keiner kann sagen, wann die Situation kippt. Irgendwann ist aber ein Kipppunkt erreicht.“ Dann gebe es kein Zurück mehr und die Probleme verstärkten sich noch.

Nabu und Naturfreunde sehen Handlungsbedarf. „Wir müssten viel rigoroser an die Sache herangehen“, sagt Gonsirowski. „Wenn sich nicht bald etwas wesentlich verändert, dann könnten wir uns gut vorstellen, in Hamm Bürgerinitiativen zu starten. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Hammenser nicht schlechter sind als die Bayern, wenn es um Insekten und Wälder geht, dass wir so viele Unterschriften bekommen werden, dass manchen die Augen wehtun werden“, sagt er.

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Unser aller Leben hat sich deutlich verändert – durch die Pandemie, aber auch durch die Digitalisierung, Alterung der Gesellschaft und viele andere Prozesse. Doch wie steht es um das Leben im Bezirk Uentrop überhaupt? Darum geht es in der Serie „Was braucht Uentrop?“. Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 22. Juli. Dem nächsten Schwerpunkt widmen wir uns in zwei Wochen.

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