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Zuschauer-Schwund per Verordnung in Hamm

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Von: Gisbert Sander

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Das städtische Kulturprogramm präsentieren (von links) Wolfgang Barth, Ulrich Weißenberg, Dr. Britta Obszerninks und Martina Schilling-Graef. © Henrik Wiemer

Das hätte das Kulturbüro der Stadt Hamm nicht erwartet: Die Datenschutzgrundverordnung sorgt für einen Zuschauer-Schwund in den städtischen Theater- und Konzertreihen.

Schlosskonzerte nicht ausverkauft, übersichtlich gefüllte Zuschauerreihen bei Theateraufführungen, die sonst Publikumsmagneten sind – beispielsweise bei Auftritten mit „Stars“ wie Hardy Krüger jr.: Das städtische Kulturbüro hat aktuell ungewöhnliche Schwierigkeiten, die Veranstaltungen der städtischen Reihen mit Besuchern zu füllen.

 Drei Gründe hat Kulturfachbereichsleiter Ulrich Weißenberg analysiert – wobei es nicht an der Qualität des Angebots liegen könne: „Das ist auf dem Stand der Vorjahre.“ Stattdessen sieht er das Wetter als einen „Schuldigen“ an – das sei bis Anfang November so sommerlich gewesen, dass er Verständnis dafür habe, wenn man die Zeit lieber im Freien verbringt als im Theater- beziehungsweise Konzertsaal. 

Zum Zweiten mache sich der demografische Wandel bemerkbar, weil es sich bei den Theater- und Konzertbesuchern schon seit Jahren überwiegend um „Silver Ager“ handele. Von denen fänden dann irgendwann selbst Stammkunden nicht mehr den Weg ins Kurhaus. 

Datenschutz als Hauptgrund?

Der dritte Grund scheint aber der mit den gravierendsten Auswirkungen zu sein: die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGV). Seit dem 25. Mai sei es nur noch mit ausdrücklicher – also schriftlicher – Genehmigung der Kunden erlaubt, ihnen die Programmhefte zuzusenden. Bei den 400 Abonnenten, die eine der städtischen Reihen gebucht haben, sei das wegen des bestehenden Vertragsverhältnisses kein Problem gewesen. Bevor die DSGV griff, habe das Kulturbüro 4471 Kundenkontakte registriert gehabt. Ihnen sei rechtzeitig vor dem 25. Mai ein Formular mit der Bitte zugesandt worden, es unterschrieben zurückzusenden. 

Brief bei vielen Adressaten nicht zustellbar

Bei 138 Angeschriebenen sei der Brief nicht zustellbar gewesen. Von den verbliebenen 3955 hätten 650 zugestimmt, dass ihnen das Programmheft weiterhin zugeschickt werden darf. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings, dass der Katalog rund 3200 bisherigen Kunden nicht mehr zugeschickt werden darf und das Kulturbüro auf zahlreichen der in 9000er Auflage gedruckten Exemplaren sitzen geblieben ist. Das hat laut Weißenberg dazu geführt, dass „gefühlt“ zehn bis 20 Prozent weniger Zuschauer kämen. Vergleichszahlen liegen erst zum Saisonende vor.

„Was man nicht kennt, kann man nicht buchen"

„Was man nicht kennt, kann man nicht buchen“, sagt Weißenberg, der mit seinem Team nach Strategien gesucht hat, dem Trend entgegenzuwirken. Durch persönliche Ansprache sei es gelungen, die direkten Kundenkontakte wieder auf 2555 aufzustocken. Gleichwohl sieht er: „Das sind immer noch rund 1 500 weniger als früher.“ Darum seien gerade für die Vorweihnachtszeit Werbeaktionen geplant: mit Plakaten, die auf Eintrittskarten als Geschenkmöglichkeit hinweisen, sowie mit Infoständen auf dem Wochenmarkt und im Allee-Center, um die Programme direkt zu verteilen. Weißenberg ist zuversichtlich: „Ich glaube, wir haben das Tal der Tränen bald durchlaufen.“

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