In Hamm bekommt nur jedes zweite Baby mit drei Monaten Muttermilch

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Weltstillwoche

Hamm  - Stillen ist in den ersten Lebensmonaten das Beste für das Kind und gesund für die Mutter – da sind sich Experten einig. Doch in Hamm bekommt nur jedes zweite Baby mit drei Monaten Muttermilch. Das zeigt eine Befragung Tausender Eltern in Hamm.

Im Büro von Angela Wehr hängt ein Poster. Die linke Spalte ist so hoch wie ein erwachsener Mensch: Dort stehen in Hunderten Einträgen die Inhaltsstoffe von Muttermilch. Die rechte Spalte endet nach wenigen Zentimetern: Sie zeigt den Inhalt künstlicher Säuglingsmilch. „Muttermilch ist in ihrer einzigartigen Zusammensetzung am besten an die Nährstoffbedürfnisse des Kindes angepasst“, sagt Angela Wehr. „Unter anderem deshalb ist Stillen das Beste für ein Kind.“ Wehr arbeitet als Familienhebamme bei der Stadt Hamm. Vor einigen Wochen hörte sie einen Vortrag zur Vermeidung des Plötzlichen Kindstods in Hamm 

Kinderärzte und Vertreter von Stadt und Geburtskliniken hatten zwischen 2011 und 2017 Tausende Hammer Eltern Fragebögen ausfüllen lassen. Sie wollten wissen, wie die Eltern mit ihren Kindern umgehen. Das Ergebnis: Vier von fünf Müttern sagten wenige Tage nach der Geburt, dass sie ihre Säuglinge zumindest teilweise stillen wollten. Doch nach drei Monaten erhielten 48 Prozent der Kinder keine Muttermilch mehr. Dazu meldete sich Wehr zu Wort: Sie forderte, mehr für das Stillen in Hamm zu tun – und die Gründe für die geringe Stilldauer herauszufinden. Um diese Gründe ging es in der Befragung nicht. Gefragt wurden die Eltern nur, was sie tun – nicht, wieso.

Einige Wochen später kann Wehr dazu nur Vermutungen anstellen. „Wichtig ist mir festzuhalten, dass eine Mutter nicht eine gute oder schlechte Mutter ist, weil sie stillt oder eben nicht“, sagt sie. Die Entscheidung sei sehr individuell, hänge von vielen Faktoren ab. „Und die Mütter bemühen sich, die richtige Entscheidung für sich und ihr Kind zu treffen – unabhängig davon, ob sie stillen oder nicht.“ 

Fragt man die Weltgesundheitsorganisation oder die nationale Stillkommission, gibt es in den ersten sechs Monaten allerdings nur eine richtige Entscheidung: Stillen, und das ausschließlich. Das empfehlen die Institutionen. Für einen Teil der Frauen und Kinder scheidet dies aus. Sie können aus medizinischen Gründen nicht stillen, Fachleute schätzen den Anteil auf fünf Prozent. Wieso sich die übrigen dagegen entscheiden? Wehr sieht darin vor allem ein Phänomen unter in Deutschland sozialisierten Frauen. „Viele von ihnen sagen, sie wollen stillen, wenn es klappt“, berichtet die Hebamme – die Frauen gingen davon aus, dass es unsicher ist, ob das Stillen gelingt. In andere Kulturen stelle sich die Frage häufig gar nicht. „Da geht man schlicht davon aus, dass gestillt wird, das ist selbstverständlich.“ Wehr selbst betreut für die Stadt Familien, in denen Kinder besonders schwierige Startbedingungen haben: etwa, weil sie früh geboren wurden, sie oder die Eltern gesundheitliche oder soziale Probleme haben.

 „Gerade dann ist das Stillen eine zusätzliche Ressource und wir versuchen, die Mütter dazu zu motivieren“, sagt sie. Die Hebamme vermutet einen weiteren Grund darin, dass man in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren versucht hat, das Stillen zu reglementieren. Damals empfahlen Experten feste Strukturen für die Mahlzeiten, legten fest, wie lange ein Kind pro Brust zu trinken hat. Aktuelle Empfehlungen weichen davon ab. „Heute wird das Stillen nach Bedarf empfohlen“, sagt Wehr. Zeigt das Kind Hungerzeichen – schmatzt, bewegt sich, macht bestimmte Geräusche – empfiehlt sie Müttern, direkt anzulegen. Auch dann, wenn das Kind gerade erst etwas getrunken hat. „Das ist mehr als nur den Hunger zu befriedigen. Das festigt die Bindung“, sagt sie.  Das Kind lerne, das seine Mutter seine Bedürfnisse wahrnimmt und erfüllt.

Ob die Stillquote in Hamm vergleichsweise hoch oder niedrig ist, lässt sich nicht beantworten. Aktuelle umfassende Untersuchungen fehlen. Die letzte deutschlandweite Studie, auf die die nationale Stillkommission verweist, bezieht sich auf Kinder, die heute 20 Jahre alt sind. 58 Prozent von ihnen wurden mit vier Monaten gestillt, die Rate ist etwas besser als die aktuelle aus Hamm. Doch ob die Ergebnisse der Studie heute noch stimmen? Das ist unklar. 

Nicht ganz so klar, wie es auf den ersten Blick aussieht, ist auch, wie lange Kinder wirklich voll gestillt werden sollten. Mehrere Hammer Kinderärzte raten auf Basis neuer wissenschaftlicher Studien dazu, im fünften Lebensmonat Beikost einzuführen, also zusätzlich zur Muttermilch Möhren, Kartoffeln und Ähnliches zu füttern – dies beuge Allergien vor. Bis dahin empfehlen allerdings auch diese Ärzte die Muttermilch. Und: „Die erste Beikost einzuführen, heißt nicht gleich, abzustillen – das ist erst einmal nur eine Ergänzung“, sagt Wehr. Über die Frage, ob und wie das Stillen in Hamm gefördert werden kann, will Wehr in Kürze im Kreis der „Frühen Hilfen“ beraten. Bis dahin rät sie zumindest den Frauen, die sie betreut, ihren Kindern die Brust zu geben.

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