Zu wenig Personal

Zwei Altenheime verhängen Aufnahmestopps - Pflegenotstand in Hamm?

Pflege
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Hamm – Zwei Altenheime in Hamm haben vorübergehend Aufnahmestopps verhängt. Eigentlich hatten sie Betten frei – doch es fehlten ihnen Pflegekräfte, um neue Bewohner zu versorgen. Gibt es einen Pflegenotstand?

Die Heimleitungen hätten erkannt, dass mit der ihnen zur Verfügung stehenden Mitarbeiterzahl ein Vollbetrieb nicht möglich war, sagt Frank Schulte von der Heimaufsicht. Welche Heime das waren, sagte er nicht. 

Einen echten Pflegenotstand sieht der Leiter des Amtes für Soziales Wohnen und Pflege in Hamm aber nicht. Anders als in anderen Städten: So musste Ende Mai in Hamburg ein ganzes Altenheim geschlossen werden, weil Personal fehlte. Auch wenn es dazu in Hamm noch nicht gekommen ist: Die Situation ist alles andere als gut.

Personal finden? Immer schwieriger!

„In Gesprächen mit den Einrichtungen haben wir erfahren, dass es immer schwieriger wird, Personal für die Pflege zu bekommen“, sagt Schulte. Er berichtet, dass es in vielen Hammer Altenheimen immer wieder zu Personalengpässen kommt. 

Durch Mittel wie Leiharbeit habe man den Bedarf an Pflegekräften decken können. Ob das auf Dauer möglich sein wird, ist unklar. In einigen Jahren kommen die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsgeneration in ein Alter, in dem sie möglicherweise Pflege brauchen. Ob dann genug Personal für ihre Pflege da ist, kann niemand sagen. 

Schätzungsweise 1000 Menschen in Hammer Altenheimen beschäftigt

Zurzeit gibt es in Hamm 29 stationäre Pflegeeinrichtungen mit knapp 2000 Betten. Wie viele Menschen in einer Einrichtung arbeiten, hängt davon ab, wie viele Bewohner in welcher Pflegestufe dort leben. Insgesamt dürfte im Durchschnitt auf zwei Betten ein Mitarbeiter kommen. Demnach wären – grob geschätzt – etwa 1000 Menschen in den Hammer Altenheimen beschäftigt. 

Wie viele davon „Leiharbeiter“ sind, kann Schulte nicht sagen. Rein statistisch gesehen ist die Lippestadt hinsichtlich der Bettenzahl gut aufgestellt. „Wir haben sogar 100 Plätze zu viel“, sagt Schulte. Das werde sich in einigen Jahren ändern. Doch woher sollen dann zusätzliche Pflegekräfte kommen? 

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Die Bundespolitik in der Pflicht

Schon jetzt sind in der Alten- und Krankenpflege bundesweit fast 40.000 Stellen unbesetzt. Schulte sieht daher den Bund in der Pflicht: Anfang Juni hat die Bundespolitik Maßnahmen vorgestellt, mit dessen Hilfe die Arbeitsbedingungen in der Pflege auf breiter Front verbessert werden sollen: höhere Löhne, weniger Belastungen, mehr Azubis. Das Gesetz für höhere Pflege-Mindestlöhne soll zum 1. Januar 2020 in Kraft treten. 

Kabinett bringt bessere Bezahlung in der Pflege auf den Weg

Was die Ausbildung angeht, so sollen Azubis ab 2020 bundesweit kein Schulgeld mehr zahlen müssen, sondern Vergütungen bekommen. Ob das ein Mehr an Pflegekräften in die Altenpflege bringt, wird sich zeigen. 

Personal in Hammer Einrichtungen "geht am Stock"

Fakt ist, dass in vielen Hammer Einrichtungen das Personal bereits jetzt „am Stock geht“. Im Interesse der Mitarbeiter und Bewohner wäre eine Reform daher notwendig, findet Elisabeth Mischke, Leiterin des Altenheims St. Josef

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Zwar sei die Pflege noch gewährleistet. Aber auch Mischke hat die Erfahrung gemacht, dass es schwieriger wird, Pflegekräfte zu finden und zu halten. 

Wie Schulte betont, habe die angespannte personelle Situation auf dem Pflegesektor in Hamm bislang nicht dazu geführt, dass Bewerber um einen stationären Vollzeitpflegeplatz abgelehnt werden mussten. „Allerdings bekommen sie nicht automatisch einen Platz in ihrer Wunsch-Einrichtung.“ 

Bezüglich der personellen und pflegerischen Situation befinde sich die Heimataufsicht in einem ständigen Austausch mit den Einrichtungen.

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Pflegebedürftige in Hamm

Von den rund 180.000 Einwohnern Hamms waren laut dem Pflegebedarfsplan im Jahre 2018 knapp 5900 pflegebedürftig. Für 2021 geht der Pflegebedarfsplan bereits von knapp 6100 Pflegebedürftigen aus. Zwei Drittel der pflegebedürftigen Einwohner werden ambulant zu Hause, mehr als ein Viertel in einer stationären Einrichtung gepflegt. Der Anteil soll in den kommenden Jahren reduziert werden. 

Insgesamt gibt es in Hamm aktuell 29 stationäre Pflegeeinrichtungen mit 1990 Betten. Eine weitere Betreuungsform ist die Kurzzeitpflege, bei der pflegebedürftige Menschen für einen begrenzten Zeitraum stationär versorgt werden, zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt oder zur Entlastung pflegender Angehöriger. 

In Hamm gibt es eine solitäre Kurzzeitpflegeeinrichtung mit 15 Plätzen sowie 162 eingestreute Kurzzeitpflegeplätze in den vollstationären Pflegeeinrichtungen. Allerdings: Die Erfahrungen aus der Pflegeberatung zeigen, dass es schwierig ist, einen Kurzzeitpflegeplatz mehrere Monate im Voraus zu erhalten. 

Dazu der Pflegebedarfsplan: „Die Betreiber der stationären Einrichtungen können/wollen die eingestreute Kurzzeitpflege nicht schon weit im Voraus verplanen, da bei einer guten Auslastung somit mitunter Interessenten für eine Dauerpflege dieser Platz nicht zur Verfügung stünde.“ Ein weiterer Baustein der Versorgung pflegebedürftiger Menschen sind Ambulante Wohngemeinschaften. Hiervon gibt es in Hamm zehn mit 87 Plätzen. 

Eine Betreuungsform ist auch die Tagespflege, bei der Pflegebedürftige von morgens bis nachmittags betreut werden. Aktuell gibt es in Hamm 118 Plätze in acht Tagespflegeeinrichtungen. Schließlich gibt es Angebote zur Unterstützung im Alltag.

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