Dr. Hermann Wiebringhaus arbeitet freiwillig im Corona-Mobil mit

Hamm in Zeiten von Corona: Zu wenig Intensivpfleger sorgen für Diskussionen

In Hamm gibt es zu wenig Intensivpfleger, sagt Dr. Hermann Wiebringhaus.
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In Hamm gibt es zu wenig Intensivpfleger, sagt Dr. Hermann Wiebringhaus.

Heftig umstritten ist das geplante Epidemie-Gesetz der Landesregierung, das am Donnerstag im Landtag beschlossen werden soll. Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass das Gesetz vorsieht, medizinisches Fachpersonal zwangszuverpflichten.

Hamm – Einer, der in Zeiten der Corona-Krise seine Hilfe freiwillig angeboten hat, ist Dr. Hermann Wiebringhaus. Der langjährige Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe der St.-Barbara-Klinik ist vor eineinhalb Jahren in Rente gegangen und hilft jetzt im Corona-Mobil mit. Mit einer Zwangsverpflichtung von Medizinern ist er nicht einverstanden. „Das halte ich für sehr problematisch“, sagt Wiebringhaus.

In Corona-Zeiten wie jetzt seien viele Mediziner, die aus dem Ruhestand zurückgeholt würden, fachlich gar nicht qualifiziert, in den Intensivabteilungen, in denen die Corona-Patienten betreut werden, zu helfen. „Ich selbst bin als Gynäkologe dafür gar nicht geeignet und helfe deshalb ja auch nicht dort, sondern im Corona-Mobil mit“, sagt Wiebringhaus.

Lieber freiwillig, als Zwangsverpflichtung

Richtig sei natürlich, dass es ein großes Potenzial an Intensivmedizinern oder Unfallchirurgen, die intensivmedizinisch vorgebildet sind, in einer Altersspanne von 64 bis Ende 60 gibt. Ziel müsse es sein, diese Kollegen nicht zum Dienst zwangszuverpflichten, sondern sie dafür zu gewinnen, sich freiwillig zu melden.

Wobei diese Hilfe erst im Katastrophenfall nötig sei, wenn viele der jetzigen Intensivmedizier ausfallen – etwa, wenn sie sich selbst an Sars-Covid-2 erkranken sollten. „Noch ist die Versorgung mit ausgebildeten Intensivmedizinern ausreichend, was vor allem fehlt, sind Intensivpfleger und -schwestern“, betont Wiebringhaus. „Hier sehe ich den größten Bedarf, im Katastrophenfall die intensivmedizinische Versorgung zu gewährleisten.“ Der Deutsche Pflegerat habe schon vor zwei Jahren – lange vor Corona – auf 100 000 fehlende Stellen für Pflegefachpersonal hingeweise, darunter 50 000 in der Altenpflege, so Wiebringhaus.

Abstand zum zweijährigen Enkel

Einen zweiten Kritikpunkt vieler Fachleute an der geplanten Zwangsrekrutierung lautet, dass die Ärzte, die aus dem Ruhestand zurück in die Klinik geholt würden, ja aufgrund ihres Alters selbst zur Risikogruppe gehören. Da müsse genauer hingeschaut werden, sagt Wiebringhaus. „Wer als 68-jähriger Arzt gesund und topfit ist und keine Vorerkrankungen hat, gehört für mich nicht unbedingt zur Risikogruppe“, sagt der Mediziner, der übrigens selbst 67 Jahre alt ist.

Außerdem müssten Ärzte aus dem Ruhestand ja nicht im direkten Kontakt mit an Sars-Covid-2 Erkranken eingesetzt werden. Sie könnten ja auch dort eingesetzt werden, wo jüngere Kollegen abgezogen würden. „Trotz Sars-Covid-2 finden ja weiterhin dringend notwendige Operationen anderer Krankheiten etwa in der inneren Medizin oder der Chirurgie statt“, sagt Wiebringhaus.

Wiebringhaus arbeitet freiwillig im Corona-Mobil mit

Er selbst hat sich freiwillig gemeldet, beim Corona-Mobil mitzuhelfen. „Ich habe jetzt ja Zeit. Unser zweijähriger Enkel sollte uns jetzt besser nicht besuchen, und wegen des Kontaktverbots scheiden ja auch Urlaube oder viele andere Aktivitäten aus.“ So hat Wiebringhaus bereits dreimal im Corona-Mobil Dienst geschoben, in dem bis jetzt insgesamt 1022 Corona-Tests durchgeführt wurden (Stand gestern Mittag). Zum Test aufgefordert werden Hammer, die Kontakt mit einem Menschen gehabt haben, der selbst nachweislich an Sars-Covid-2 erkrankt ist, und die selbst jetzt Symptome wie Fieber, trockenen Husten und Gliederschmerzen haben.

Diese Symptome gelten auch für normale Influenza, doch die Grippesaison ist normalerweise Ende Märze beendet. „Wer also jetzt Gliederschmerzen und Fieber hat, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er an Sars-Covid-2 erkrankt ist“, so Wiebringhaus.

Daten aufnehmen und nach Befunden fragen

Das Gesundheitsamt vermittelt den Betroffenen einen Termin mit dem Corona-Mobil. In dem umgebauten Wohnwagen arbeiten immer ein Arzt und eine medizinisch-technische Fachangestellte (MFA) gemeinsam. „Wir sind beide komplett mit Schutzausrüstung ausgestattet. Schutzkittel, FFP-2-Maske, Brillenschutz, Kapuze und Handschuhe“, zählt Wiebringhaus auf.

Dr. Hermann Wiebringhaus hilft derzeit im sogenannten Corona-Mobil mit.

Der Corona-Test selbst ist eine Sache von wenigen Minuten. Wiebringhaus nimmt aus dem offenen Wohnwagenfenster die Daten der zu Testenden auf, fragt nach Befunden und führt die Krankenkassenkarte ins Lesegerät ein -– die übrigens sicherheitshalber vorher und nachher desinfiziert wird.

Anleitung für einen Abstrich

Die MFA am nächsten Fenster erläutert den Menschen, wie sie selbst den Abstrich vornehmen können – nämlich im Rachen direkt neben dem Zäpfchen – und den Tupfer dann ins Teströhrchen einführen, an der Sollbruchstelle abknicken und das Röhrchen verschließen. „Damit ist die Sache erledigt“, so Wiebringhaus. Nach zwei bis drei Tagen erhalten die Menschen vom Gesundheitsamt das Testergebnis, ob sie an Sars-Covid-2 erkrankt sind oder nicht.

Seinen letzten Einsatz mit dem Corona-Mobil hatte Wiebringhaus übrigens am Montag vergangener Woche im Ludgeri-Stift. Drei Bewohner ein Ehepaar und ein einzelner Mann – hatten die typischen Corona-Symptome und musten deshalb getestet werden. Einen Tag später wurde bekannt, dass eine Mitarbeiterin positiv auf Corona getestet worden ist. Mittlerweile sind alle Bewohner und Mitarbeiter getestet.

Gute Zusammenarbeit

Wiebringhaus selbst gefällt die Arbeit im Corona-Mobil. „Wir sind ein tolles Team aus MFAs sowie ehemaligen Ärzten, die sich wie ich freiwillig gemeldet haben, und Fachmedizinern, die in ihren Praxen derzeit wenig zu tun haben.“ „Und“, erzählt, Wiebringhaus schmunzenld, „als Zugezogener komme ich mit dem Corona-Mobil in Ecken von Hamm, die ich vorher noch nie gesehen habe."

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