Gastro-Lockdown

Partykneipe in Corona-Zeiten? Ben Boehm verschiebt Eröffnung auf der Meile

„Ulrikeee“ wird gerade renoviert
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Nur nicht aufgeben: Ben Boehm hält an seinen Plänen fest.

Ben Boehm schreibt in diesem Herbst Hammer Kneipengeschichte. Denn einen noch ungünstigeren Zeitpunkt, um einen Gastronomiebetrieb mit Party- und Kneipenflair zu eröffnen, dürfte es in dieser Stadt zuletzt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gegeben haben. Und das ist nun wirklich schon eine Weile her. Aber es nutzt nichts

Der 39-jährige Boehm, der als Travestiekünstler „Lady Sarafina“ bekannt ist, hat den Pachtvertrag für seinen neuen Betrieb auf der Südstraße bereits im März dieses Jahres unterschrieben – damals noch in dem festen Glauben, die Corona-Pandemie werde in wenigen Wochen verschwunden sein. Stattdessen kämpft die gesamte Getränkegastronomie in Deutschland ums Überleben.

Denn in diesen Tagen richtet so mancher Politiker seinen Zeigefinger auf der Suche nach Verantwortlichen für die grassierende zweite Pandemiewelle auf die Gastwirte. Lokale und Kneipen werden als Brutstätten der unkontrollierten Viren-Verteilung ausgemacht, Alkohol als enthemmender Brandbeschleuniger der Pandemie. Der aktuelle Lockdown ist das Ergebnis dieses Denkens. „Das alles ist totaler Quatsch“, sagt Ben Boehm: „Wenn wir Gastwirte keinen Alkohol mehr ausschenken dürfen, verlagert sich die ganze Geselligkeit in den privaten Bereich, dann wird eben dort weiter getrunken. Und was dann passiert, kann kein Mensch mehr kontrollieren.“ Dennoch hat der gelernte Einzelhandelskaufmann für die drastischen Maßnahmen Verständnis. „Allerdings ist das alles nur dann sinnvoll, wenn nun auch wirklich jeder seine persönlichen Kontakte drastisch einschränkt.“

Die wirtschaftlichen Folgen sind für den Gastronomen erheblich. 65 Prozent Umsatzverluste schrieb Boehm ohnehin seit Beginn der Pandemie monatlich in seinem Lokal „Sarafina’s Bar“ an der Werler Straße, der vierwöchige Lockdown wird die Situation weiter verschlimmern. „Jetzt ist die Zeit, in der wir gucken müssen, wie wir das überleben. Aber Aufgeben ist keine Option.“

Aggressivität auf der Meile eindämmen

Die von der Politik in Aussicht gestellte Unterstützung (Gastronomen sollen 75 Prozent ihrer Erlöse aus dem November des Vorjahres erhalten) sei daher sinnvoll und überlebenswichtig.

Ben Boehm gibt der Kneipe einen frischen Anstrich.

Doch Ben Boehm denkt bereits über die Zeit nach der Pandemie nach. Er will daran arbeiten, das Negativ-Image der „Meile“ verbessern, Aggressivität und Gewaltausbrüche eindämmen. „Wir müssen uns jetzt mit der Stadt zusammensetzen und einen Plan dafür haben, wenn wir wieder normal öffnen dürfen.“ Der erste Schritt in diese Richtung sei ein komplettes Glasverbot auf der „Meile“, wie es etwa auf der Hamburger Reeperbahn längst die Regel sei.

Boehm wünscht sich auch Videoüberwachung als Bestandteil eines neuen Sicherheitskonzeptes. Und, wie beim „Hammer Summer“ üblich, Eingangskontrollen an den Wochenenden. „Dann sind zumindest schon mal die Waffen weg, das würde den Menschen ein Sicherheitsgefühl geben.“ Und, ebenfalls an den Wochenenden, eine ständige Polizeipräsenz. Die Kosten für all das sollten von der Stadt und den Gastronomen gemeinsam geschultert werden.

Boehm hat für seine Kneipe nicht nur ein ausgefeiltes Partykonzept, er hat sogar einen neuen Drink kreiert.

Am Freitag, 4. Dezember, wird „Ulrikeee Die Partykneipe“ an der Südstraße mit einem „Grand-Opening-Wochenende“ eröffnet. Nach dem Umbau ist der ehemalige „King’s Pub“ nicht wiederzuerkennen. Der ehemals dunkle Innenraum ist deutlich heller, weiß und schwarz mit grünen Akzenten. „Ich will das Image der alten, dunklen, abgeranzten Kneipen ändern. Das ist gar nicht negativ gemeint, aber man kann das ja auch mal anders machen“, sagt Ben Boehm. Die Kneipe bietet im Innenraum 45 Gästen Platz, sollte die Corona-Pandemie irgendwann überwunden sein, werden es deutlich mehr. Im Sommer können auch im Außenbereich Gäste bewirtet werden. Boehm lokalisiert seine Zielgruppe bei den Über-30-Jährigen. „Die können am besten feiern“, so der Wirt. „Ulrikeee“ soll ihren Gästen „ein gemütliches Ambiente bieten, wo man in Ruhe etwas trinken, aber auch richtig Party machen kann“. Zur Zeit beschäftigt der Gastwirt zwei 450-Euro-Kräfte in „Sarafina’s Bar“, weiteres Personal für die neue Kneipe sei bereits rekrutiert. Über die Höhe seiner Investition schweigt Ben Boehm sich aus. Er habe bei der Umgestaltung sehr viele freundschaftliche Helfer gehabt.

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