Einschulungsuntersuchungen fallen aus

Wegen Corona: Viele i-Dötzchen nicht vom Schularzt untersucht

Medizinische Einschulungsuntersuchung
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Mädchen bei der Einschulungsuntersuchung: Zu den Untersuchungen gehört unter anderem ein Sehtest.

Fast 40 Prozent der Einschulungsuntersuchungen in Hamm werden auch in diesem Jahr ausfallen. Aufgrund der Coronapandemie würden bis zu 650 Untersuchungen nicht stattfinden. Einige Eltern machen sich deshalb Sorgen.

Hamm – Normalerweise schauen sich die Schulärzte alle künftigen i-Dötzchen einmal an. Sehen und hören sie gut? Haben sie alle Impfungen? Können sie logisch denken, verständlich sprechen, sind motorisch fit? Die Schuleingangsuntersuchung soll klären, ob die Kinder schulreif sind, ob und wenn ja welchen Förderbedarf sie haben.

Doch wie schon im vergangenen Jahr fällt die Untersuchung bei Hunderten Kindern in Hamm aus. Bis zu 38 Prozent der 1700 i-Dötzchen werden vor dem Schulstart im August keinen Schularzt sehen, teilt die Stadtverwaltung mit – 600 bis 650 angehende Schulkinder. Grund ist die Corona-Pandemie. Ende des vergangenen Jahres hatte das Gesundheitsamt keine Eingangsuntersuchungen gemacht. Nun ließen sich nicht mehr alle nachholen – obwohl die Stadt bereits einen pensionierten Kinderarzt dafür rekrutiert hat.

Elternvertreter: Gerade in Zeiten der Coronapandemie sind die Untersuchungen wichtig

Ricarda Müller kritisiert es, dass viele Untersuchungen gerade in diesem Jahr wegfallen. Sie ist die Vorsitzende des Jugendamtselternbeirates in Hamm, der die Interessen von Familien mit Kita-Kindern vertritt. „Normalerweise werden Kinder engmaschig untersucht und in den Kitas begleitet“, sagt sie. „Doch seit mehr als einem Jahr gibt es diese engmaschige Begleitung bei vielen Kindern nicht mehr.“ Kitas waren in den vergangenen Monaten nicht im Regelbetrieb, Schulkind-AGs fanden nur selten statt, Eltern ließen ihre Kinder aus Angst vor Ansteckung zu Hause.

„Es gibt eine Unsicherheit, wenn nicht noch einmal jemand mit einem geschulten Blick auf das Kind schaut“, sagt Müller. Das haben ihr Eltern berichtet, deren Kinder in diesem Jahr eingeschult werden und für die es wohl keine Untersuchung gibt.

Beispiel aus anderen Städten: Nicht überall fallen Hunderte Untersuchungen aus

Dass der Wegfall der Untersuchungen keine zwangsläufige Folge der Pandemie ist, zeigt das Beispiel Essen: Dort hatte sich das Gesundheitsamt dafür eingesetzt, jedes Kind vor dem Schulstart zu untersuchen, berichtete der WDR. Das werde wohl auch gelingen. In Gelsenkirchen dagegen fallen laut WDR nahezu alle Untersuchungen aus. Nur auf Nachfrage von Kitas oder Eltern würden Kinder untersucht. Müller sieht in der Hammer Verwaltung ein Bemühen, die Untersuchungen zu machen: „Ein Großteil findet ja statt.“

Als erste wurden in diesem Jahr Kinder untersucht, bei denen Eltern oder Kitas um die Untersuchung gebeten hatten, erklärt die Stadt. Anschließend geht es nach Alter, die ältesten Kinder werden also zuerst ins Gesundheitsamt einbestellt. So dürften vor allem Kinder, die bei der Einschulung noch besonders jung sind, durchs Raster fallen.

Kinderarzt: Es gibt eine Lücke zwischen Vorsorgeuntersuchung und Einschulung

Hendrik Staender, Kinderarzt und Sprecher des Hammer Netzwerkes der Kinderärzte Pädregio, hält den Wegfall der Untersuchungen für kein großes Problem. „Meist zeichnet sich in den Vorsorgeuntersuchungen ab, wenn es einen Förderbedarf gibt“, sagt er. Allerdings gibt es eine Lücke, die letzte Vorsorgeuntersuchung findet um den fünften Geburtstag herum statt. In Einzelfällen könnten Probleme zwischen dieser Untersuchung und der Einschulung entstehen, wie etwa Fehlsichtigkeiten. „Hier ist es wichtig, dass die Eltern aufmerksam sind“, sagt er.

Verwaltung: Auf Nachfrage gibt es Untersuchungen

Sind Kinder beim Schulstart noch nicht untersucht, können bei Bedarf im Einzelfall nach Beginn des Schuljahres in Absprache mit Eltern und Schule schulärztliche Untersuchungen durchgeführt werden, erklärt die Stadt Hamm. So war die Stadt auch schon im vergangenen Jahr verfahren. Damals fielen 580 Untersuchungen aus.

Staender beobachtet zudem in seiner Heessener Praxis, dass sich der Gesundheitszustand der Hammer Kinder während der Pandemie verschlechtert hat: Mehr Kinder als vor Corona hätten Übergewicht und somatische Probleme. „Neulich kam ein Kind zu mir, das über Luftnot klagte. Es gab aber keine organische Ursache. Ich habe den Vater gefragt, ob dem Kind vielleicht die ganze Situation die Luft abdrückt. Der Vater schaute mich an, als ob ihm ein Licht aufgeht.“

Kinderarzt: Das Wichtigste sind verlässlich geöffnete Schulen

Auch Konzentrationsprobleme nach erhöhtem Medienkonsum seien keine Seltenheit. „Die Frage ist nur, was man macht, wenn das bei der Einschulungsuntersuchung auffällt. Man wird die Kinder nicht alle mit Ritalin oder anderen Stimulanzien oder jugendpsychiatrisch behandeln können“, sagt der Arzt. Statt auf Einschulungsuntersuchungen hofft er auf einen verlässlichen, regulären Schulbetrieb in diesem und den nächsten Schuljahren. Das werde am besten helfen, die vielen Probleme in den Griff zu bekommen.

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