Scheinhinrichtung

Alles wegen Melonen: Opfer schildert Entführung und Misshandlung durch Hammer und Komplizen

Akten liegen vor Beginn eines Prozesses am Platz des Vorsitzenden Richters
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Am Landgericht in Hagen wird gegen einen Angeklagten aus Hamm verhandelt, der einen 43-Jährigen entführt und schwer misshandelt haben soll.

Der Wassermelonenprozess im Landgericht Hagen ist ein großes Stück vorangekommen: Erstmals konnte der 43-jährige Hauptbelastungszeuge vernommen werden, der seit seinem Zusammenbruch am ersten Verhandlungstag in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden war.

Hamm – Das Gutachten eines Nervenarztes bescheinigte ihm eine starke Belastung durch die bevorstehende Vernehmung. Der Zeuge leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung, an Angstattacken und Panikreaktionen. Vernehmungsfähig sei er „nur unter der Bedingung, dass er den Angeklagten nicht persönlich begegnet“. Ansonsten bestehe die Gefahr einer erneuten Traumatisierung.

Angeklagter aus Hamm und Komplize schauen per Video zu

Die 9. große Strafkammer trug diesem Gutachten Rechnung: Die Angeklagten aus Hamm und Lünen mussten den Sitzungssaal verlassen. Um ihnen dennoch einen möglichst unvermittelten Eindruck von den Aussagen des Zeugen zu ermöglichen, wurde dessen Vernehmung in einen anderen Sitzungssaal übertragen. Eine direkte Konfrontation war dadurch vermieden.

Der Zeuge bestätigte, dass er die beiden Angeklagten kenne. Den Angeklagten aus Lünen habe er schon seit längerem gekannt, den 42-Jährigen aus Hamm habe er erst kennengelernt, als er „von den Herrschaften geschlagen, bedroht und erpresst wurde“. Den Kontakt habe der Mann aus Lünen zuvor telefonisch hergestellt.

Nase gebrochen und als Geisel gehalten

Fünf Männer, darunter die beiden Angeklagten, hätten ihn am 22. Juli 2020 in Hagen-Hohenlimburg abgeholt, mit Gewalt in eines ihrer beiden Autos geworfen und ihn zu einer Werkstatt gefahren. „Die haben mich als Geisel genommen, mich geraubt und mir an drei verschiedenen Orten unerträgliche Gewalt angetan. Sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Im Verlauf der mehrere Stunden währenden Entführung hätten ihm die Täter erzählt, dass sie „schon mehrere Leute umgebracht und begraben“ hätten. Niemand habe davon etwas mitgekriegt.

Dann sei er von den Entführern am Kopf immer wieder mit Faustschlägen traktiert worden: „Mir wurde die Nase gebrochen. Ich war blutüberströmt.“ Der Zeuge erinnerte sich noch sehr genau an die Anrufe bei seinen entsetzten Brüdern. Mit seinem eigenen Handy hätten die Täter Bilder seines zerschlagenen Gesichtes verschickt. „Um Gottes Willen, lassen Sie ihn in Ruhe!“, soll einer seiner Brüder auf die blutige Zahlungsaufforderung reagiert haben.

Brüder werden von deutscher Botschaft in Teheran gestoppt

Die Vernehmung der beiden Brüder ist bisher gescheitert, weil die deutsche Botschaft in Teheran ihnen bisher kein Visum erteilt hat. Zu den dubiosen Hintergründen der Forderungen der Angeklagten äußerte er sich wie folgt: Sein Vater handele seit 50 Jahren mit Obst. Vor diesem Hintergrund nannte der Zeuge dem Angeklagten aus Lünen offenbar einen ebenfalls aus dem Iran stammenden Obsthändler in Schweden, der an Wassermelonen interessiert war.

Ansonsten habe er mit diesem Geschäft überhaupt nichts zu tun gehabt, versicherte der Zeuge. Informationen über die geschlossenen Vereinbarungen und gezahlte Geldbeträge habe er deshalb gehabt, weil ihn die Täter für das Verschwinden der Lastwagen verantwortlich gemacht und ihm die Dokumente zugeschickt hätten.

Technische Probleme bei der Übertragung veranlassten die Richter schließlich, die Vernehmung zunächst zu unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt fortzusetzen.

Der „Wassermelonenprozess“: Scheinhinrichtung, Gewalt, Geldforderung

Ein Angeklagter aus Hamm (42) und sein Mitangeklagter aus Lünen (33) müssen sich im Landgericht Hagen wegen eines „erpresserischen Menschenraubes“ und Körperverletzung verantworten. Sie sollen im Juli 2020 einen 43-jährigen Mann aus Hagen entführt haben, um ihn durch massiven Gewalteinsatz zur Zahlung von 25.000 Euro zu veranlassen. Dabei sollen sie auch eine Scheinhinrichtung inszeniert haben. Hintergrund soll ein von dem 43-Jährigen vermitteltes Wassermelonengeschäft gewesen sein, in dessen Verlauf zwei Lastwagen aus Griechenland nicht in Schweden angekommen sein sollen.

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