Nach Scheinhinrichtung

„Melonen-Prozess“ gegen Hammer zieht sich in die Länge – auch wegen der Deutschen Botschaft

Man sieht eine Justizia-Figur und Gerichtsakten
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Ein Angeklagter aus Hamm (42) und sein Mitangeklagter aus Lünen (33) müssen sich im Landgericht Hagen wegen eines „erpresserischen Menschenraubes“ und Körperverletzung verantworten.

Eine Entscheidung der Deutschen Botschaft in Teheran verzögert den „Wassermelonenprozess“ gegen zwei Angeklagte aus Hamm und Lünen zusätzlich.

Hamm/Hagen – Die Botschaft verweigerte den beiden Brüdern des 43-jährigen Geschädigten die Ausreise aus dem Iran nach Deutschland. Im Landgericht Hagen sollten sie als Zeugen über die Telefonkontakte zu ihrem Bruder am Tattag berichten. Ein Kriminalbeamter zitierte am Mittwoch aus dem Begründungsschreiben der Botschaft: „Es konnte nicht sichergestellt werden, dass die Brüder Deutschland nach der Vernehmung wieder verlassen.“

Richter: „Wir finanzieren den ,Urlaub‘“

Den Einwand, dass die beiden Zeugen die Reise nicht bezahlen könnten, fegte der Vorsitzende Richter Christian Hoppe noch im Gerichtssaal vom Tisch: „Wir finanzieren den ‘Urlaub’.“ Offenbar ist die pauschale Unterstellung, dass fast jeder Erdenbürger nur danach strebt, sich in Deutschland niederzulassen, wirkungsmächtiger als die Einsicht, dass die beiden Zeugen hier zur Aufklärung einer schweren Straftat gebraucht werden. „Wir müssen noch Überzeugungsarbeit leisten“, bemerkte der Vorsitzende mit Blick auf die bevorstehende Kontaktaufnahme zur Visa-Abteilung der Deutschen Botschaft in Teheran.

Die beiden Angeklagten sollen den Brüdern während der stundenlangen Entführung am 21. Juli 2020 Video- und Sprachnachrichten von ihrem Bruder geschickt haben, um ihre Geldforderung zu unterstreichen. Die beiden Iraner waren geistesgegenwärtig genug, um Screenshots von den übermittelten Bildern ihres Bruders zu machen, dessen Gesicht „blutige Anhaftungen“ aufwies.

So schilderte es der vernommene Kriminalbeamte, der das Handy des Geschädigten ausgewertet hatte. „Da sieht man das verletzte Gesicht.“ Diese Bilder liegen dem Gericht mittlerweile vor. Um den Zusammenhang mit den Ereignissen des Tattages und die Entstehung dieser Bilder aufzuklären, müssen die Brüder allerdings persönlich gehört werden.

Auslöser für Bluttat: Es ging wohl um Melonen

Auf dem Handy des Geschädigten fand der Ermittler auch eine Textnachricht des Angeklagten aus Lünen. Am Morgen des Tattages soll der 32-Jährige nachgefragt haben, „ob das Geld schon überwiesen ist“. Den Zusammenhang der Ereignisse mit dem Verschwinden mindestens einer Lkw-Ladung mit Wassermelonen stellt möglicherweise der Name einer Whats-App-Gruppe auf dem Handy des Opfers her: „Water“. Einen Bezug zum Herkunftsland der Wassermelonen deutete eine griechische Vorwahlnummer an, die der Geschädigte während der Tatzeit angewählt haben soll.

Eigentlich sollte der Prozess nach fünf Verhandlungstagen schon am 11. Mai zu Ende gehen. Diese Zahl könnte sich nunmehr verdreifachen. Um die Sommerpausen diverser Prozessbeteiligter zu überbrücken, vereinbarten die Beteiligten fünf kurze Termine, an denen voraussichtlich nur Prozessakten verlesen werden. „Dann haben wir genug Zeit, um die Botschaft zu überzeugen“, stellte der Vorsitzende fest. Doch zunächst soll am 1. Juni ein erneuter Anlauf zur Vernehmung des Hauptbelastungszeugen unternommen werden. Er befindet sich nach seinem psychischen Zusammenbruch noch immer in einer Klinik.

Darum geht es in dem „Wassermelonenprozess“

Ein Angeklagter aus Hamm (42) und sein Mitangeklagter aus Lünen (33) müssen sich im Landgericht Hagen wegen eines „erpresserischen Menschenraubes“ und Körperverletzung verantworten. Sie sollen im Juli 2020 einen 43-jährigen Mann aus Hagen entführt haben, um ihn durch massiven Gewalteinsatz zur Zahlung von 25.000 Euro zu veranlassen.

Dabei sollen sie auch eine Scheinhinrichtung inszeniert haben. Hintergrund soll ein von dem 43-Jährigen vermitteltes Wassermelonengeschäft gewesen sein, in dessen Verlauf zwei Lastwagen aus Griechenland nicht in Nordeuropa angekommen sein sollen.

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