Ausrotten oder lieb haben?

Waschbär auch in Hamm auf dem Vormarsch: Jäger erlegen so viele Tiere wie nie zuvor - Vordringen in Wohngebiete

Kurzer Blick: In Pelkum geht der Waschbär um.
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Kurzer Blick: In Pelkum geht der Waschbär um.

Hamm – Der Waschbär polarisiert: Die einen würden ihn am liebsten ausrotten, die anderen plädieren für eine friedliche Koexistenz. Auch in Hamm befinden sich die possierlichen Tierchen, die hierzulande vor 15 Jahren noch als Exoten galten, auf dem Vormarsch.

Auf der Suche nach Nahrung finden viele Waschbären mittlerweile den Weg in Wohngebiete. Einen entdeckte Karl Heinz Lendorf in seinem Garten an der Mathildestraße. „Er saß im Vogelhäuschen“, berichtet der Pelkumer. Gerade, als er den seltenen Gast fotografieren wollte, nahm dieser jedoch Reißaus und flüchtete in den Garten seines Nachbarn. „Dann schaute er noch einmal um die Ecke, sodass ich ihn doch noch fotografieren konnte.“

Waschbär: Meldungen aus gesamtem Stadtgebiet

Dieser Besuch ist kein Einzelfall. Meldungen über Waschbären kämen aus dem gesamten Stadtgebiet, sagt Stadtsprecher Lukas Huster. Keine Erkenntnisse gebe es darüber, wie hoch die Population insgesamt sei. Sehr gut lasse sich die Entwicklung jedoch an der Jagdstrecke ablesen.

Die Zahl der erlegten oder bei Unfällen ums Leben gekommenen Tiere, das so genannte Fallwild, wird jedes Jahr von den Kreisjägerschaft Hamm ermittelt. Und die zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung auf: 2005/2006 wurde in Hammer Wäldern ein Waschbär abgeschossen, zehn Jahre später waren es bereits 95. Danach stiegen die Zahlen sprunghaft an: 266, 329, 429 und zuletzt rund 600 Waschbären wurden in den vergangenen Jahren zur Strecke gebracht.

Waschbär in Top 4 der Jäger

Zwar werden die offiziellen Jagdzahlen für 2019 erst auf der Jahreshauptversammlung im September präsentiert. Karl-Heinz Biermann, Ehrenvorsitzender des Hegerings Pelkum und Jagdberater der Stadt Hamm, konnte anhand der Zahlen aus 2018 aber einen Vergleich ziehen: Nach den Ringeltauben (1.671), den Rabenkrähen (1.271) und der Familie der Rehe (499) waren die Waschbären bereits die Nummer 4 bei den zur Strecke gebrachten Tieren – noch vor den Fasanen (427), Hasen (377) und Füchsen (304).

Doch warum ist die Zahl der Waschbären in Hamm so stark angestiegen? Wie Biermann sagt, seien sie im Raum Kassel, in den ostdeutschen Bundesländern und in Osteuropa schon seit längerer Zeit stärker vertreten. Ein Grund für die Zunahme hier könnte sein, dass sie auf Lkw „mitgereist“ sind und sich entlang der A 2 niedergelassen haben.

Nesträuber klettert auch in Mülltonnen

In den vergangenen Jahren hat sich Biermann zu einem echten Waschbären-„Experten“ entwickelt. Die Tiere seien, so der Herringer, eine Gefahr für Vögel und ihre Gelege – ein Nesträuber also. Und: Es handele sich um clevere Tiere. Einem Bekannten habe er beispielsweise geraten, auf seine Mülltonne einen Stein zu legen, um das Eindringen von Waschbären zu verhindern. Einem sei es jedoch gelungen, auf der Suche nach Nahrung den Stein an die Seite zu schieben. Folglich werde der Bekannte seine Tonne jetzt mit einem Gurtband sichern.

Dass Waschbären vermehrt in Siedlungen eindringen, liegt vor allem an dem dort vorhandenen Nahrungsangebot. Neben Mülltonnen seien das auch, wie Stadtsprecher Huster erklärt, Komposthaufen, Fallobst und Katzenfutter.

Im Rahmen ihres Hegeauftrags sollen die Jäger dafür sorgen, die einzelnen Tierpopulationen – in diesem Fall Waschbären – auf konstantem Niveau zu halten und damit die Artenvielfalt zu sichern. „Zu viele Tiere bestimmter Arten können anderen Tieren die Nahrungs- und Lebensgrundlage wegnehmen“, weiß Biermann.

Naturschützer zwiegespalten

Eine andere Meinung hat Jürgen Hundorf vom Nabu Hamm. Er plädiert für ein Wildtiermanagement, bei dem das Jagen von Wildtieren nur in Rücksprache mit den Naturschützern erfolgt. Am Tibaum habe er beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass Kiebitze geschlüpft sind – trotz dort lebender Waschbären. Insgesamt sei er bei diesem Thema aber zwiespältig. Warum? „Weil Waschbären eigentlich nicht ins hiesige Öko-System passen.“

Und was können Bürger tun? Waschbären sind grundsätzlich nicht meldepflichtig. Sie können aber gegebenenfalls der Unteren Jagdbehörde oder den Jagdberechtigten gemeldet werden.

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