Kritik: Regeln sind „Wischiwaschi“

Was bringt die „bedarfsorientierte Notbetreuung“ in NRW? Ein Drittel der Kinder in der Kita

Kinderbetreuung
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Etwa ein Drittel der Hammer Kinder kommt aktuell in die Kitas.

Ein Großteil der Eltern in Hamm organisiert die Betreuung außerhalb von Kitas und Tagespflege. Aus den Kitas kommt Kritik an der „bedarfsorientierten Notbetreuung“. Schließlich können alle Eltern mit einer Eigenerklärung ihre Kinder in die Kitas bringen - trotz hoher Infektionszahlen.

Hamm – Weil der Infektionsschutz zu gering und die Belastung zu hoch sei, habe kürzlich eine Erzieherin gekündigt, erzählt Patrick Westerteicher. Er ist Geschäftsführer der Elterninitiative Am Eichenwäldchen, die insgesamt sechs Häuser in Hamm und eines in Warendorf betreibt. Die Sorge der Frau könne er nachvollziehen, sagt Westerteicher. Er geht davon aus, dass sich mehrere Mitarbeiter in der Kita angesteckt mit dem Coronavirus haben. „Sie leiden teilweise immer noch unter Langzeitfolgen“, sagt er.

Seit Montag gelten in Nordrhein-Westfalens Kitas und in der Tagespflege neue Regeln, die „bedarfsorientierte Notbetreuung“: Die Stadt Hamm appelliert an Eltern, Kinder zu Hause zu betreuen. Schicken dürfen sie die Kinder nur, wenn sie per Eigenerklärung versichern, dass sie auf die Betreuung in der Kita oder in der Tagespflege angewiesen sind. Ablehnen darf die Einrichtung die Betreuung dann nicht. Außerdem dürfen angehende Schulkinder im letzten Kita-Jahr sowie Kinder mit besonderem Förder- oder Betreuungsbedarf die Kitas und Tageseltern ohne Eigenerklärung besuchen.

„Bedarfsorientierte Notbetreuung“ in der Kita: Zwei Drittel der Kinder zu Hause

Für ganz Hamm lag die Betreuungsquote der etwa 6600 Kita-Kinder nach Angaben der Stadtverwaltung am Montag bei 32 Prozent, für die Tagespflege bei 54 Prozent der gut 400 Kinder. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Einrichtungen waren groß, in einige kamen weniger als 20 Prozent der Kinder, in andere 50 Prozent – so wie etwa in den Häusern Am Eichenwäldchen.

„Ich verstehe nicht, wieso zwischen Kitas und Grundschulen ein Unterschied gemacht wird“, sagt Westerteicher. Die Schulen seien angesichts der hohen Infektionszahlen im Distanzunterricht, die Kitas hingegen blieben letztlich geöffnet. In Schulen gebe es eine Testpflicht, in Kitas nicht. „Wir haben hier jede Menge Selbsttests. Sie werden aber nicht gut angenommen“, sagt er. Aus anderen Kitas hingegen hört man, dass die Selbsttests auch genutzt werden – wenn sie denn geliefert werden. Mehr zu den Tests.

Betreuung zu Hause: „Einige Familien können das nicht mehr leisten“

Die Elternschaft sei gespalten, berichtet Ricarda Müller, Vorsitzende des Jugendamtselternbeirats. Das Gremium vertritt die Interessen von Familien mit Kita-Kindern. „Ich glaube, dass ein Großteil der Eltern erneut versuchen wird, die Kinder selbst zu betreuen“, sagt sie. „Aber einige Familien können das nach dieser langen Zeit nicht mehr leisten.“

Während einige Eltern die aktuelle flexible Lösung begrüßen, ginge sie anderen zu weit oder aber nicht weit genug. „Ich habe den Eindruck, dass man diesmal die Bedarfe der Kinder im Blick hat“, sagt sie: So hatte Familienminister Joachim Stamp in seinem letzten Elternbrief ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Familien in bestimmten Situationen das Betreuungsangebot nutzen sollen. Müller hofft auf ein vertrauensvolles Miteinander von Kitas und Familien. Eine Ombudsstelle oder ähnliches, die im Falle eines Streits über die Betreuung eingreift, gibt es nicht. Die Stadt empfiehlt Eltern, sich in solchen Fällen an den Träger der Kita zu wenden.

Impfungen des Personals: Erzieher erleichtert, doch Sorge bleibt

Müllers Eindruck nach sieht zumindest ein Teil des Kita-Personals die Lage nach den Impfungen entspannter als zuvor – schließlich wurden inzwischen in Hamm allen Kita-Mitarbeiter Impfangebote gemacht. Auch Am Eichenwäldchen haben die allermeisten Mitarbeiter das Angebot angenommen. Besorgt bleibt Westerteicher trotzdem, da der Impfschutz nicht vollständig ist.

Thordis Bahlo, Leiterin der Kita Wichtelburg, kritisiert vor allem, wie unklar die Regeln sind und wie häufig sie sich ändern. „Ich fände es in Ordnung, wenn man sagt: Wir wollen alle Kinder in den Kitas sehen.“ Oder aber man solle die Betreuung deutlich beschränken. Die aktuellen Regelungen nennt sie „Wischiwaschi“, sie seien oft nicht konsistent. „Unsere Kita liegt direkt im Maximilianpark“, erzählt Bahlo. Anfang der vergangenen Woche galt bereits der Appell an die Eltern, die Kinder zu Hause zu betreuen, der Maximilianpark war noch geöffnet. „Da durften dann 1500 Leute in den Park, aber keiner sollte in die Kita. Das können Sie doch keinem mehr erklären“, sagt sie.

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