Erste Außenproben: Cabaret im kalten Wald

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Hier haben die Waldbühnen-Schauspieler ihre Kostüme schon mal angezogen - allerdings sind sie damit drinnen geblieben.

Der Heessener Wald liegt im Dunkeln, um die Ecken pfeift ein kalter Wind, das Sofa mit der Kuscheldecke ruft immer lauter – und an der Waldbühne trifft sich eine Handvoll Schauspieler, um draußen zu proben. Zum Glück tragen sie noch kein Kostüm, denn für „Cabaret“ fällt das für manche Darstellerinnen etwas luftiger aus.

„Cabaret“, das ist das Stück, das ursprünglich am Broadway und anschließend als Musical-Film zu Berühmtheit gelangte. Wer kennt nicht Liza Minnelli, die sich als Sally Bowles verführerisch auf einem Stuhl räkelt? Heessens Liza Minnelli heißt Luana Jeske und hat ihre blonden Locken unter einer Mütze gebändigt. Auch sie hat sich dick eingemummelt, um die Wege auf der Bühne einzustudieren und ein Gefühl dafür zu bekommen, wer wann welche Position einnehmen muss. Regisseur Andreas Brochtrop-Wegerich behält alles gleichzeitig im Blick: „Nein, komm du besser von dort ins Bild, denn wenn du dann anschließend nach da rausgehen musst, steht ihr euch ansonsten im Weg.“

Das aktuell im Rohbau befindliche Bühnenbild besteht – natürlich – aus dem Kit-Kat-Club, in dem Sally den jungen amerikanischen Schriftsteller Cliff Bradshaw kennen- und lieben lernt. Daneben gibt es den Obstladen des jüdischen Herrn Schultz (Ralf Brüssow) und die Pension seiner Liebsten, Fräulein Schneider (Gaby Lemke), in dem sich Carolin Frevel als Fräulein Kost mit den Leichtmatrosen Otto, Fritz und Rudi (Tim Schäfer, Malte Strickmann und Lars Paschko) vergnügt. Hier also spielen sich zwei tragische Liebesgeschichten ab.

Brochtrop-Wegerich inszenierte im vergangenen Jahr "Das kleine Gespenst"

Noch stecken die Darsteller an der Waldbühne in dicken Jacken und Mützen.

Dabei fängt doch alles so heiter und besinnlich an. Die vom Ragtime und frühen Jazz inspirierte Musik und die revueartigen Nummern im Kit-Kat-Klub, die die Handlung einrahmen, bilden eine Reminiszenz an die Musicals der 1920er-Jahre. Was sich allerdings wie ein fröhliches Miteinander im Berlin der frühen 30er-Jahre anhört, bekommt in „Cabaret“ spätestens im letzten Drittel Risse. Ernst Ludwig, der von Oliver Garlepow dargestellt wird, ist anfangs eigentlich eine recht freundliche Rolle, dessen Sympathiepunkte allerdings von einem Moment auf den anderen gen Null tendieren, als sich auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz herausstellt, dass Ludwig Nationalsozialist ist. Garlepow spielt diesen Charakter so authentisch und überzeugend, dass der Zuschauer fast geneigt ist, Schauspieler und Rolle miteinander zu verwechseln. Es sei eine Herausforderung und mache auch durchaus Spaß, „mal so ein richtiges Arschloch zu spielen“, erzählt Garlepow.

Bei Regieassistentin Tanja Strickmann stellen sich derweil die Nackenhaare auf. Auch sie ist immer wieder aufs Neue fasziniert von dieser einen Szene, die gerade mehrmals geprobt wird, in der die Stimmung des Stücks regelrecht kippt. Regisseur Brochtrop-Wegerich gelingt es vortrefflich, „Cabaret“ an die Waldbühne Heessen zu holen und beim Zuschauer Emotionen zu wecken. Sein Anspruch an ein gutes Theaterstück erklärt der Regisseur so: Er habe in der Vergangenheit ein Interview mit Rudi Carrell gesehen, in dem der Entertainer gefragt wurde, wann ein Zuschauer gut unterhalten sei. Carrell antwortete, das Publikum sei dann gut unterhalten, wenn es im Theater geweint und gelacht habe.

Hello Dolly! Musical Premiere Waldbühne Heessen 

Für die Premiere am 9. Juni lässt sich bereits jetzt vorhersagen, dass auch das Hammer Publikum sehr gut unterhalten wird.

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