Serie zur Bundestagswahl

Christian Oberdick (40): „In der Pflege hat die Politik der letzten Jahrzehnte versagt“

Christian Oberdick ist Kinderkrankenpfleger in Hamm.
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Christian Oberdick ist Kinderkrankenpfleger in Hamm.

Der WA und die Lippewelle haben mit mehreren Hammern aus den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen sowie aus unterschiedlichen Berufs- und Altersgruppen darüber gesprochen, was sie sich von der Politik wünschen. Teil 4: Christian Oberdick.

Hamm – Christian Oberdick (40) ist Kinderkrankenpfleger im Evangelischen Krankenhaus (EVK) Hamm und hat eine deutliche Meinung von der Bundespolitik. Darüber hat er mit WA-Redakteurin Svenja Jesse gesprochen.

Welche Schulnote geben Sie der aktuellen Bundesregierung?

Das ist für mich mit zweierlei Maß zu messen. Wie sie uns durch die Euro-Krise, Flüchtlingskrise und jetzt Corona-Krise gebracht hat. Da würde ich sagen, da hat die Politik ein gutes Bild abgegeben. Deutschland zeigt sich da sehr stark auch als Vorreiter gegenüber anderen Ländern. Im Bereich der Gesundheitspolitik geht es jetzt erst so langsam wirklich aufwärts. Die neuen Förderprogramme, die aufgelegt worden sind – Krankenhauszukunftsgesetz, Pflegepersonaluntergrenze all das was gerade durch die Medien geht – sind ein guter Anfang. Da sind wir aber noch lange nicht am Ende. Also im Mittel sind wir da bei einer 3-/ 4+.

Ein großes Thema in der Politik war und ist der Pflegenotstand. Wie erleben Sie das?

Das ist ein großer Aufreger. Wobei die Anfänge des Pflegenotstandes ja schon deutlich älter sind. Die Einführung des DRG-Systems Mitte der 90er hat meines Erachtens dem deutschen Gesundheitswesen nicht gerade einen Vorteil verschafft. (Anm. der Redaktion: Das DRG-System ist ein pauschalisierendes Abrechnungssystem, bei dem stationäre Krankenhausbehandlungen weitestgehend unabhängig von der Verweildauer des Patienten über Fallpauschalen abgerechnet werden.) Der Kostendruck, unter dem die Krankenhäuser gearbeitet haben und noch arbeiten, hat dazu geführt, dass viel Druck auf den Krankenhäusern und dem Personal lastet. Aber das Ganze spiegelt sich auch in der Qualität der Patientenversorgung wieder. Es sind einfach viel zu wenige Pflegepersonen für jetzt schon zu viele Patienten da. Und das Ganze wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken.

Die Serie

Am 26. September ist Bundestagswahl. Und selten zuvor war so unklar, wer Deutschland nach der Wahl regieren wird. Der WA und die Lippewelle haben mit vielen Hammern darüber gesprochen, wie sie die Arbeit der Bundesregierung erlebt haben und was sie sich künftig von der Politik wünschen. Dieses Interview gibt es in einer längeren Version auch im Internet unter www.lippewelle.de als Podcast zu hören.

Teil 1: André Petersmann

Teil 2: Runa Rüth

Teil 3: Peter Wehn

Teil 4: Christian Oberdick

Teil 5: Emine Tuzculu

Viele haben durch Corona gemerkt, wie wichtig medizinisches Personal ist. Als Dank wurde dann vom Balkon geklatscht. Reicht das? Hilft das?

Absolut nicht. Unterm Strich ist das natürlich viel zu wenig. Vom Klatschen wird der Berufsalltag nicht schöner, die Patienten werden nicht gesünder, es steigt nicht die Qualität, und am Ende haben wir vom Klatschen auch nicht mehr Pflegepersonen in den Krankenhäusern.

Trotzdem wurde so mehr über die Situation in der Pflege gesprochen. Haben Sie das Gefühl, da ist schon was passiert?

Zumindest nicht ausgelöst durch die Corona-Krise. Es ist aber schon etwas passiert. Durch die aktuellen Programme und Gesetzesinitiativen wird ja versucht, dem Pflegenotstand entgegenzutreten. Uns ist klar, dass man keine Wunder erwarten darf. Wir werden nicht innerhalb von einem halben Jahr eine heile Welt haben, und die Pflege in Deutschland wird sich nicht um 180 Grad wandeln. Die Illusion hat keiner. Da hat die Politik der letzten Jahrzehnte versagt. Ein Anfang ist gemacht. Aber im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegt Deutschland weit hinten.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass die Politik, die die Regierung inne haben wird, den guten Anfang, der gemacht worden ist, auch weiter so geht. Und weiter verbessert. Und dass das Ganze eben nicht gut gemeint, aber schlecht gemacht wird und es wieder schrittweise zurückgefahren wird, weil man feststellt, dass es zu teuer ist. Baut auf dem auf. Pflegepersonen in Deutschland arbeiten am Anschlag, und da können wir nur hoffen, dass es sich mit der zukünftigen Politik verbessert, sonst haben wir keine Chance.

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