WA.de-Serie "Mut zu Hamm" (Teil 10)

Evelyn Bieker (56, Qualitätsmanagerin): Finde Hamm sehr facettenreich

+
Evelyn Bieker ist in Hamm "gelandet" und hat es nie bereut.

Hamm - Evelyn Bieker spricht mit weichem Dialekt. Seit fast 30 Jahren wohnt sie in Hamm, und doch hört man ihr an, dass sie in Sachsen groß geworden ist. In Hamm ist sie allerdings längst angekommen: Seit acht Jahren führt sie die Tagesbetreuung „Freiraum“ für Senioren und Demenzkranke. Die 56-Jährige ist Pflegeberaterin und Qualitätsmanagerin für Gesundheit und Soziales. Sie engagiert sich ehrenamtlich in vielen Arbeitsgruppen in der Seniorenarbeit. Über ihren „Mut zu Hamm“ sprach sie mit WA.de.

Woher stammen Sie? Wo und wann haben Sie vor Hamm berufliche Erfahrungen gemacht? 

Evelyn Bieker: Ich stamme aus Remse, das ist ein Dorf nahe Zwickau. Ich habe 1982 mein Examen als Krankenschwester bestanden und dann in einer Fachklinik für Lungenkrankheiten und Tuberkulose gearbeitet. 

Seit wann sind Sie in Hamm? 

Bieker: Ich bin im Frühjahr 1990 nach Hamm gekommen. Die Grenze war seit einem halben Jahr offen. 

Die ganze Welt stand Ihnen offen. Warum sind Sie gerade nach Hamm gekommen? 

Bieker: Meine Mutti hatte als Kind eine Brieffreundin in Unna und hatte auch die Adresse von jemandem in Hamm. Vor 1989 konnten wir nie dorthin, danach waren wir hier zu Besuch. Ich fand es hier gar nicht schlecht. Im Frühjahr 1990 bin ich wiedergekommen und habe eine Stelle und eine Bleibe gesucht. Das mit der Stelle hat geklappt, schon damals gab es einen Pflegenotstand. Das mit der Bleibe war schwierig, es gab auch einen Wohnungsnotstand. In Unna habe ich keine Bleibe gefunden, in Hamm schon: So habe ich als Krankenschwester im Marienhospital angefangen.

Haben Sie in dieser Zeit mit Wegzuggedanken gespielt? 

Bieker: Nein, gar nicht. Ich bin hier gelandet und ich hab’s nicht bereut. Ich habe dann auch meinen Mann kennengelernt, wir haben ein Haus gekauft, eine Familie gegründet. Ich bin zufrieden, alles läuft gut. Ich finde Hamm auch sehr facettenreich. Wenn man wollte, könnte man jeden Tag etwas anderes unternehmen, angefangen bei Kultur, Kunst, Natur und Erholung... 

Gibt es berufliche Gründe, aus denen Sie bis heute geblieben sind? 

Bieker: Ja, schon. Hamm ist beim Thema Senioren und Demenz ganz weit vorne. Es gibt in diesem Bereich viele, die sich einbringen, das Netzwerk Demenz, die Quartiersentwicklung... 

... dabei geht es darum, dass Senioren in ihren Wohnvierteln bleiben und versorgt werden können ... 

Bieker: ... Genau. So etwas gab es vor ein paar Jahren noch nicht. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Und seit acht Jahren bin ich ja auch selbstständig.

Wie kam es dazu?

Bieker: Ich wollte, nachdem ich meine Kinder bekommen hatte, wieder im Krankenhaus anfangen. Aber das Arbeitszeitmodell des Krankenhauses passte nicht zum Familienleben mit zwei kleinen Kindern. Da bin ich in einen häuslichen Pflegedienst gewechselt. Daraus hat sich die Selbstständigkeit entwickelt. 

Welchen Eindruck haben Sie von den Menschen in Hamm – auch und besonders im Vergleich zu vorherigen Wirkungsorten? 

Bieker: Ich habe hier viele nette Menschen getroffen, viele ganz tolle Leute, aus denen Freunde geworden sind. Insgesamt habe ich aber das Gefühl, viele setzen ihre Priorität zu sehr auf die finanzielle Seite und zu wenig auf das Füreinander-Da-Sein. Und ist das nicht das Wichtigste? 

Was läuft gut, aus beruflicher Sicht?

Bieker: Die Quartiersentwicklung. Und ich stelle fest, dass viele Familien mein Konzept mögen: Die Senioren oder Demenzkranken werden in kleinen Gruppen mit vier bis sechs Personen betreut, das ist fast familiär. Darauf lassen sich viele Menschen ein. 

Was ist verbesserungswürdig, aus beruflicher Sicht, und was müsste sich dafür ändern?

Bieker: Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es hier in Hamm etwas am Wir-Gedanken fehlt. Es gibt viele Anbieter hier, und die Anbieter untereinander könnten mehr miteinander arbeiten. Und bei den Betroffenen, den pflegenden Angehörigen, wünsche ich mir, dass sie sich noch mehr unterstützen lassen als jetzt. Sie müssen ja oft auf Jahre pflegen. Das braucht Kraft. Da können ein bisschen Hilfe und Entlastung nicht schaden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare