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Ukraine-Konflikt: Versorgung mit Erdgas in Hamm wird umgestellt - kaum Vorräte

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Von: Gisbert Sander

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Erdgas zum Kochen und Heizen ist in Hamm nicht nur wegen steigender Preise (ein Plus von 23 Prozent ist angekündigt) und dem Russland-Ukraine-Krieg ein Thema.

Hamm – Die Stadtwerke als lokaler Energielieferant bereiten sich bereits seit langem darauf vor, dass ihre Kunden künftig mit H-Gas statt mit L-Gas beliefert werden. Denn: Die Vorräte für L-Gas, das hauptsächlich in den Niederlanden und Deutschland gefördert wird, gehen zur Neige. H-Gas kommt vorwiegend aus Norwegen und Russland. Die Umstellung dürfte Auswirkungen auf viele Endverbraucher haben, teilweise bis hin zur Anschaffung neuer Geräte. (Sonderressort „Hamm und der Ukraine-Krieg“: hier klicken.)

L-Gas und H-Gas

Das „L“ in L-Gas steht für das englische „low caloric“, also „niederkalorisch“. Dieses Gas hat einen vergleichsweise geringen Brennwert und Energiegehalt, nach Auskunft von Stadtwerkesprecherin Cornelia Helm zwischen 8,2 und 8,9 kWh/m³.

Das „H“ in H-Gas steht für das englisch „high caloric“, also „hochkalorisch“. H-Gas hat einen höheren Methan-Gehalt und setzt bei der Verbrennung mehr Energie frei als L-Gas. Es hat somit einen höheren Brennwert und Energiegehalt – laut Helm zwischen 10,0 bis 11,1 kWh/m³.

Ukraine-Konflikt: Versorgung mit Erdgas in Hamm wird umgestellt - kaum Vorräte

Das Erdgas, das in Hamm verbraucht wird, kommt über Übergabestationen vom Lieferanten über die Stadtwerke als Verteiler direkt über ein Rohrleitungssystem zu den Verbrauchern (siehe Infokasten). Gespeichert wird Gas in Hamm seit 2010 nicht mehr: Damals wurde das 1953 errichtete Gasometer am Langewanneweg mit 36 Metern Höhe und 50 Metern Durchmesser abgerissen. Genutzt wurde er schon da ohnehin nur, um Spitzenbelastungen auszugleichen. Als er errichtet wurde, konnte mit seinem Fassungsvermögen von 50.000 Kubikmetern noch die ganze Stadt versorgt werden. Zuletzt wäre diese Kapazität vor allem in kalten Wintern innerhalb weniger Stunden verbraucht worden.

Bereits Anfang 2020 hat das Unternehmen Open Grid Europe (OGE) in Hamm damit begonnen, neue Ferngasleitungen für den Anschluss von H-Gas zu bauen. OGE ist nach eigenen Angaben einer der führenden europäischen Betreiber von derartigen Fernleitungen. In Hamm selbst reicht das vorhandene Leitungsnetz für L-Gas aus, um auch das H-Gas zu den Verbrauchern zu transportieren. Dafür wird das H-Gas, das mit bis zu 22 Bar Druck ankommt, von den Stadtwerken in den Übergabestationen auf 4 Bar heruntergeregelt und kommt schließlich mit 0,23 Bar bei den Kunden an.

Viele Anlagen müssen umgerüstet werden

Trotzdem werden sich zahlreiche Kunden darauf einstellen müssen, ihre Anlagen teilweise oder sogar ganz umrüsten zu müssen, um das H-Gas nutzen zu können. Das H-Gas würde voraussichtlich vor allem aus Russland bezogen – nach bisherigen Plänen. Ob das aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen so kommen wird, kann laut Stadtwerke-Sprecherin Cornelia Helm wegen der aktuellen Unwägbarkeiten niemand sagen: „In der derzeitigen politisch angespannten Situation gibt es Überlegungen über Alternativen, die uns bis zum nächsten Winter und darüber hinaus beschäftigen werden.“ (Alle Infos zum Russland-Ukraine Krieg beim uns im News-Ticker)

In einer solchen Anlage übernehmen die Stadtwerke das Gas vom Lieferanten und regeln den Druck herunter.
Saubere Energie: In einer solchen Anlage übernehmen die Stadtwerke das Gas vom Lieferanten und regeln den Druck herunter. © Stadtwerke Hamm

Jeder Gasverbraucher – egal ob Ofen oder Heizung – ist auf den Brennwert des Gases eingestellt, mit dem er versorgt wird. Darum wird eine Anpassung erforderlich. Meist müssen die Gasdüsen ausgetauscht und die Regelung der Gaszufuhr neu justiert werden. Darum muss jede einzelne Anlage von Fachleuten überprüft werden. „Im privaten Haushalt können das zum Beispiel Gasthermen, Gasherde, Brennwert- oder andere Heizkessel sowie Gasöfen oder -kamine sein“, erläutert Helm.

Infrastruktur

Laut aktuellem Geschäftsbericht der Stadtwerke Hamm aus dem Jahr 2020 kommt das Gas in Hamm an fünf Übernahmestationen an. Über 591 Kilometer Niederdruck- und 107 Kilometer Hochdruckleitungen sowie 115 Regelstationen wird es an 28205 Hausanschlüsse (2019: 27874) mit zusammen 38251 Verbrauchszählern weitergeleitet. 2042 Gigawattstunden (GWh) Erdgas wurden 2020 von den Stadtwerken an ihre Kunden geliefert. GWh ist eine Maßeinheit für Energie; eine Gigawattstunde entspricht 1 Milliarde Wattstunden oder 1 Million Kilowattstunden. Letzteres entspricht etwa 10.000 Kubikmetern.

Rund 40.000 Haushalte in Hamm betroffen

Sie geht davon aus, dass bei Heizungen, die jünger als 20 Jahre sind, in der Regel nur ein geringer Aufwand erforderlich ist. Aber: „Bei Geräten, die zwischen 20 und 25 Jahren alt sind, muss geprüft werden, ob sich die Heizung umrüsten lässt oder gar ganz ausgetauscht werden muss.“ Von der Umstellung betroffen seien in Hamm rund 40.000 Haushalte mit etwa 54.000 Endgeräten.

In jedem Fall kommen weitere Kosten auf die Gaskunden zu: Zum Teil können sie aufgrund gesetzlicher Regelungen über den Preis auf die Verbraucher umgelegt werden. Wird eine Neuanschaffung von Geräten erforderlich, müssen die Bürger dafür selbst aufkommen. Bis es soweit ist, wird es aber noch einige Zeit dauern: Bisher hieß es, dass alle betroffenen Netze bis zum Jahr 2030 schrittweise umgestellt werden sollen. Hamm könnte 2026 an der Reihe sein.

Auch an der Zapfsäule müssen sich Autofahrer auf höhere Preise einstellen. Die Ölpreise gehen zurzeit hoch, das ist eine weitere Auswirkung des Kriegs in Osteuropa - Russland ist weltweit einer der größten Öl- und Gaslieferanten. Die ersten Preissteigerungen sind schon jetzt zu merken.

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