Sorge vor Distanzunterricht und wenig Planungssicherheit

Von Normalität keine Spur: Es knirscht zum Schulstart in Hamm

Corona und Schulen
+
Masken müssen in den Gebäuden und im Unterricht getragen werden.

Für über 25.000 Schüler in Hamm beginnt nächste Woche das neue Schuljahr. Und wieder kann von Normalität im Schulalltag keine Rede sein. Eine Umfrage als Ausblick.

Hamm - Masken müssen in den Gebäuden und im Unterricht getragen werden, Pausen werden streng nach Klassen organisiert. Individuelle Förderung findet unter erschwerten Bedingungen statt. Den Bekenntnissen der Politik, Distanzunterricht mit allen Mitteln verhindern zu wollen, vertrauen nicht alle Bildungsverantwortliche. WA.de hat mit Schulleitern, Lehrern, Gewerkschaftern und Eltern gesprochen. (News zum Coronavirus in Hamm)

„Ein nervenaufreibendes Hin und Her darf es nicht mehr geben. Das vergangene Schuljahr brachte viele Menschen an die Grenzen der Belastbarkeit“, sagt Martina Klöcker, Vorsitzende des Stadtverbands des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Abstand halten, Maske tragen und Testungen seien weiterhin notwendig. Hier müssten alle Abläufe und Materiallieferungen reibungslos und zeitnah laufen, damit ein wirklich normaler Betrieb in den Schulen gewährleitstet werden kann und die unisono geforderte Planungssicherheit gegeben ist. „Aber nur auf die Eigenverantwortung und Kreativität aller Beteiligten in Schule zu setzen, greift zu kurz“, meint Klöcker. „Land und Kommunen sind weiterhin gefordert, alle geeigneten Maßnahmen zu prüfen und zu nutzen, um einen kontinuierlichen Schulbetrieb zu gewährleisten.“

Klar sei, dass die größten Baustellen der Personalmangel und die Vernachlässigung der Gebäude seien. „Trotz kürzlicher Investitionen, sind nicht alle Schulgebäude, als die ,räumliche Ergänzung der Pädagogik‘ zu bezeichnen. Es bleibt zu hoffen, dass jetzt alle verstanden haben, wie wichtig es ist, das Lehren und Lernen in den Schulen nachhaltig und zukunftsfest zu finanzieren“, so Klöcker.

Schulstart in Hamm: Christina Kühler erwartet unrunden Start

Aus Sicht von Christina Kühler, Leiterin der Maximilianschule in Werries und Uentrop wird es zumindest ein unrunder Start. Die Einschulungen finden nur klassenweise und an zwei Tagen statt. Ob jahrgangsübergreifende Fördereinheiten erlaubt sind, in denen Kinder ganz nach ihrem Entwicklungsstand betreut werden können, und auf die die Maximilianschule voll ausgerichtet ist, blieb unklar. „Wir haben jetzt einen Stundenplan wie vor Corona konzipiert, ohne zu wissen, ob wir ihn langfristig umsetzen können“, erklärt Kühler. „Der wurde erst jetzt fertig. Vorher haben wir uns nicht getraut.“

Kühler glaubt nicht, dass die Schulen wieder komplett geschlossen werden. „Aber schon im vergangenen Jahr hätte ich das genauso gesagt. Wir wissen nicht was kommt.“ Wichtig sei, die Ungewissheiten von den Schülern fern zu halten. „Nichts ist schlimmer, als wenn Kinder mitbekommen, dass es hakt“, so Kühler. „Die Kinder freuen sich auf die Schule. Und die vierten Klassen haben in ihrem letzten Schuljahr verdient, dass wir sie ordentlich auf die fünfte Klasse vorbereiten.“

Schulstart in Hamm: Ministerium „weit von Realität entfernt“

In ihrer Funktion als Vorsitzende des örtlichen Personalrats für die Grundschulen in Hamm hat Kühler kritische Worte für das Schulministerium. Obwohl vor den Ferien zeitnahe Informationen für die Organisation des Schulstarts angekündigt worden waren, seien die Infos wieder kurzfristig gekommen. „Da von Planungssicherheit zu sprechen, ist weit von der Realität entfernt“, so Kühler. Die Stadt Hamm als Schulträger mache dagegen einen guten, pragmatischen Job.

Die Politik hat die Probleme wieder ausgesessen und verpasst, Schule in den Sommerferien anders aufzustellen.

Marcel Teiner, Leitungsteam GEW Hamm

Marcel Teiner aus dem Leitungsteam der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert ebenfalls das Land. Die Forderung etwa nach flächendeckenden Luftfiltern sei bis heute nicht erfüllt. „Die Ministerin Gebauer war zwar in vielen Schulen unterwegs, das war aber eher eine medienwirksame Maßnahme und keine zum Schutz der Schüler“, sagt Teiner.

Allzu optimistisch, dass die Schulen offen bleiben, ist er nicht. „Um das zu verhindern wurde keine neuen Maßnahmen ergriffen. Die Politik hat die Probleme wieder ausgesessen und verpasst, Schule in den Sommerferien anders aufzustellen.“ Immerhin seien die meisten Kollegen inzwischen geimpft, bei Schülern sei ein besserer Schutz aber noch nicht in Reichweite. Aus Teiners Sicht ist die psychische Belastung der Kinder das eigentliche Problem, mit dem sich Lehrer konfrontiert sähen. Das zu beheben sei politisch kaum gewollt. „Es zählt nur Leistung, Leistung, Leistung. Und das Aufarbeiten von Inhalten.“

Schulstart in Hamm: Florian Rösner etwas optimistischer

Etwas optimistischer ist Florian Rösner, Sprecher der Hammer Gymnasien und Leiter des MGH. Er geht von einem halbwegs normalen Schulstart aus. Die Hygieneordnung und Organisation des Alltags mit separaten Eingängen für einzelne Stufen, getrennten Pausenarealen und den Corona-Selbsttests seien eingeschärft. Auch das Nachtesten von Zuspätkommern klappe gut. Durch Lautsprecherdurchsagen und Elternbriefe werde auf aktuelle Entwicklungen hingewiesen. „Im vergangenen Schuljahr habe ich 38 davon geschrieben. Viel weniger werden es wohl auch nicht im kommenden Jahr“, so Rösner.

Er hebt das Engagement seiner Lehrer hervor, die teilweise kleinere Förderprogramme planten, um Probleme bei einzelnen Schülern zielgenau anzugehen. Auch die neuen digitalen Möglichkeiten über die stadtweit eingesetzte Plattform IServ seien ein sehr großer Schritt gewesen. „Das wollen wir fortentwickeln.“

Zahl der digitalen Endgeräte verdoppelt

Im Zuge der Sofortausstattungsprogramme für Schulen mit digitalen Endgeräten sind inzwischen nach Angaben der Stadt alle Geräte geliefert und nach der Einrichtung an die Schulen ausgegeben worden. In Summe betrachtet habe sich die Anzahl der Endgeräte damit seit dem ersten Quartal 2020 bis heute mehr als verdoppelt. Aktuell gibt es insgesamt 16.537 Endgeräte, davon sind 4851 Tablets. Im Rahmen der Sofortausstattungsprogramme sind 4281 Tablets und 227 Notebooks für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrkräfte 1608 Tablets und 349 Notebooks bestellt worden.

Aus Elternkreisen ist zu hören, dass sie in erster Linie für ihre Kinder darauf hoffen, ein möglichst verlässliches Schuljahr zu erleben. Dennoch werde es auch auf der Arbeit mit der vielfachen Rückkehr ins Büro schwieriger, potenzielle Distanzlernzeiten mit guter Betreuung zuhause abzudecken. Die Bereitschaft, die Kinder regelmäßig testen zu lassen, ist auch aus diesem Grund groß.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare