SPD-Mann bei Jäckering

Vizekanzler Scholz in Hamm: Zwischen Fake-Frikadellen, roten Knöpfen und bissigen Hunden

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Reinbeißen? Olaf Scholz interessierte sich vor allem für die verschiedenen Produkte, die aus Jäckering-Erzeugnissen hergestellt werden könne. Diese Frikadelle aus einem Weizengemisch probierte der Vizekanzler dann doch nicht.

Hamm - Besuche von Spitzenpolitikern sind immer begleitet von Medienrummel und scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Sie liefern trotz des genau durchgetakteten Ablaufs aber auch allerhand Skurriles. Jetzt war Vizekanzler Olaf Scholz in Hamm.

Wer erfolgreich sein will, dem wird gerne mal mit auf den Weg gegeben, viel Biss zu brauchen. Und den wird wohl auch Olaf Scholz – Bundesfinanzminister, Vizekanzler und designierter Kanzlerkandidat der SPD – benötigen, wenn er die Genossen 2021 wieder über die 20-Prozent-Marke führen und am Ende im Kanzlersessel landen will.

Basis-Unterstützung im Hammer Hafen

Die Basis seiner Partei braucht er dafür allemal hinter sich. Auch deshalb reist er vor der anstehenden Kommunalwahl durchs Land. Um nette Worte da zu lassen, das eine oder andere Wahlversprechen zu geben. Einen seiner ersten Termine als Kanzlerkandidat absolvierte Scholz am Donnerstag in Hamm.

Im Hafen besuchte er die Firma Jäckering und diskutierte mit Wirtschaftsvertretern und SPD-OB-Kandidat Marc Herter über Chancen für den Wirtschaftsstandort Hamm durch die Stärkung der Binnenschifffahrt, die Reaktivierung des Rangierbahnhofs und die mögliche Produktion von grünem Wasserstoff in Uentrop.

Scholz kommt 26 Minuten zu spät

Solche Auftritte sind in der Regel minutengenau durchgetaktet. Oft jagen die Spitzenpolitiker mit dem Dienstwagen von Ortsbesuch zu Ortsbesuch über die Autobahnen der Republik. Gestern kam Scholz – mit 26 Minuten Verspätung – aus Dortmund und fuhr nach knapp einer Stunde weiter nach Ahlen.

Was wann und wie passiert, ist schon im Vorfeld im Presse-Briefing festgehalten. Acht Personen dürfen mit zum Firmenrundgang. Um überhaupt dabei sein zu dürfen, wenn der Vizekanzler kommt, muss jeder Teilnehmer Name, Geburtsort- und tag ans Bundeskriminalamt melden. Für den Hintergrundcheck.

Vizekanzler wird beschützt wie Merkel

Scholz hat die gleiche Sicherheitsstufe wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dementsprechend groß ist die Polizeipräsenz. Fast auf jeden Gast kommt ein BKA- oder Polizeibeamter.

Viel Lokalprominenz, die solche Besuche in der Regel nicht auslässt, ist wegen Corona nicht dabei. Der Tross besteht aus etwa 20 Personen. Hamms Bundestagsvertreter Michael Thews kommt zwar früher als Scholz aber trotzdem zu spät. Er wird gleich am Tor von der Polizei auf einen anderen Parkplatz verwiesen und muss laufen. Keine Ausnahmen, das gilt auch für Mandatsträger.

Sprengstoff-Spürhund verbeißt sich in Rucksack

Schon vor der Ankunft müssen alle Medienvertreter ihre Kameras und Taschen auf dem Boden ausbreiten. Der Sprengstoffspürhund schnüffelt erst aufmerksam und verbeißt sich dann in dem Rucksack eines Reporters. Sprengstoff? Fehlanzeige. Die Mettwurst wird es wohl gewesen sein. Der Hundeführer guckt etwas peinlich berührt zu Boden und dann grimmig zum zufrieden hechelnden Schäferhund.

Als Scholz von zwei Limousinen und viel Blaulicht eskortiert eintrifft, ist die Hektik groß. Kameras und Handys sind gezückt, als der für viele überraschend kleine Kanzler-Anwärter (1,70 Meter) aussteigt. Zur Begrüßung gibt es einen Ellenbogen-Stupser und ein hanseatisches Moin.

Schwarze Null als Geschenk für den Finanzminister

Gleich zu Beginn bekommt er ein Geschenk der Künstlerin Martina Muck überreicht. Ein rotierender Stift hat wochenlang einen dunklen Kreis aufs Papier gebannt. Scholz soll den Motor über einen Wandschalter stoppen und drückt versehentlich beinah auf die wenige Zentimeter daneben hängende Brandmeldeanlage. Puh, gerade noch mal gut gegangen.

Und auch der Motor hält beim fünften Versuch tatsächlich an. „Wir nennen das die schwarze Null“, sagt Jäckering-Geschäftsführer Michael Andreae-Jäckering. Blöd nur, dass sich Scholz von der bekanntlich gerade coronabedingt verabschiedet hatte.

(Fast) ein Biss in die Fake-Frikadelle

Sichtlich beeindruckt ist Scholz, als Andreae-Jäckering ihm die Produktpalette präsentiert und erklärt, wo die Weizenerzeugnisse drin stecken. Wasserflaschen, Teriyaki-Sauce aus Japan, im Futter der großen Schweinemäster und sogar in fleischlosen Frikadellen.

Olaf Scholz: Vizekanzler, Finanzminister, Kanzlerkandidat zu Gast bei Jäckering in Hamm

In eine solche will Scholz fürs Foto dann auch gleich herzhaft hineinbeißen, die Sache mit dem Biss eben. Jäckering hält ihn gerade noch davon ab. Das schmecke nicht ganz so gut, grinst er. So bleibt es beim Schnüffler am Fake-Fleisch.

Vizekanzler von Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz beeindruckt

Im Eiltempo marschieren Scholz, Andreae-Jäckering und SPD-Oberbürgermeisterkandidat Marc Herter über das weitläufige Firmengelände. Über 90 Stufen geht es bei 30 Grad hoch auf 30 Meter – für die bessere Übersicht und ein gutes Foto. Auf dem klimatisierten Leitstand wird dann über Hemmnisse durch die EEG-Umlage diskutiert. Eine willkommene Verschnaufpause von der Hitze.

Scholz hört aufmerksam zu, stellt Rückfragen und ist hinterher vor allem vomvorbildlichen Umwelt- und Klimaschutz Jäckerings trotz des enormen Energieverbrauchs der Firma angetan.

Scholz war beeindruckt vom ökologischen Engagement der innovativen Hammer Firma um Geschäftsführer Michael Andreae-Jäckering, die derzeit im Hafen expandiert. 

Auf dem Rückweg ist noch Zeit für ein kurzes Geburtstagsfoto für eine Mitarbeiterin. Schutzhelm ab, nett lächeln, weiter gehts. Als Scholz dann nach 52 Minuten wieder in den Wagen steigt und abbraust, pusten alle einmal durch.

Mehr als nette Worte?

Was bleibt nun von dem Besuch des Vizekanzlers in Hamm? Marc Herter jedenfalls machte am Donnerstag gehörig Werbung für seine Heimatstadt und forderte vom Finanzminister, Hamm immer auf dem Zettel zu haben, wenn es um große Investitionen in die Zukunft geht.

Mit einem der größten Kanalhäfen Deutschlands, den Anschlüssen an die großen Autobahnen und die zumindest in Aussicht gestellte Wiederbelebung des Rangierbahnhofs sei hier alles vorhanden, um Hamm zu einem großen Wirtschaftszentrum zu machen.

Scholz: Hamm ein "guter Ort, um zu investieren"

Scholz fand für die Bemühungen der Hammer Wirtschaft und der hiesigen Genossen lobende Worte. „Als jemand, der sich als ehemaliger Hamburger Bürgermeister ganz gut mit Logistik auskennt, bin ich sehr beeindruckt. Wir müssen die Investitionen an den Orten konzentrieren, wo eine Investition schnell einen sehr hohen Effekt hat. Davon gibt es ein paar, Hamm gehört dazu“, sagte der Vizekanzler.

Machte kräftig Werbung für Hamm: SPD-OB-Kandidat Marc Herter (links)

 

Auch vom Nutzen der Wasserstoff-Initiative der SPD, die in Hamm ein entsprechendes Netzwerk aus Trianel, RWE und lokalen Abnehmern anschieben will, zeigte sich Scholz überzeugt. In Uentrop soll künftig als einer von wenigen Standorten in Deutschland in großem Stil grüner Wasserstoff aus überschüssiger Windenergie produziert werden, wenn es nach den Genossen geht.

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