Stadt scheut Bewertung in der Pandemie

Viele OGS-Baustellen: Klagen über fehlende Standards und schlechte Ausstattung

Ein Auge auf die Kinder haben – Das, aber noch viel mehr leistet die offene Ganztagsschule.
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Ein Auge auf die Kinder haben – Das, aber noch viel mehr leistet die offene Ganztagsschule.

Schwächen im System werden durch Corona noch deutlicher als ohnehin schon. Nicht nur Schulen sind – zum Beispiel beim digitalen Lernen – zum Teil schlecht ausgestattet. Auch die Offene Ganztagsschule (OGS) weist strukturelle Probleme auf. Das kritisiert zumindest die Caritas Münster.

Hamm – Die Caritas Hamm, die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Ruhr-Lippe-Ems und die Stadt schildern auf Anfrage, wie die OGS-Situation in Hamm ist.

Ein großes Problem sei laut Anne Krause-Kirchhoff, Fachbereichsleitung bei der Caritas Hamm, dass es keine einheitlichen verpflichtenden Standards für OGS gebe: „Es gibt beispielsweise nur Empfehlungen bezüglich der Gruppengrößen. Bei Kitas ist das alles vorgeschrieben“, sagt Krause-Kirchhoff. An vielen Standorten laufe es gut, aber nicht überall gebe es gleiche Bedingungen. Und das sei ein Problem. Der Verband der Caritas Hamm ist Träger von insgesamt vier OGS (Johannesschule, Kappenbusch-Schule, Von-Vincke-Schule und Lessingschule).

Forderung: OGS als Förderstätte

Ein weiteres Problem sei die Ausstattung in den Einrichtungen. Denn die OGS soll nicht nur ein Ort der Betreuung sein, sondern auch ein pädagogisches Angebot. Dass die Ausstattung schon vor Corona ein großes Problem war, zeigt unter anderem die Kampagne „Gute OGS darf keine Glückssache sein“ der Freien Wohlfahrtspflege NRW von 2017. Hierbei wurden klare Forderungen an das Land gerichtet, wie zum Beispiel festgelegte Qualitätsstandards und höhere und einheitliche Förderbeiträge. „Diese Forderungen wurden bis zum heutigen Zeitpunkt vom Land nicht vollständig umgesetzt“, sagt Stefan Kuster, Pressesprecher der Awo. Die Awo ist in Hamm Träger von insgesamt 18 OGS.

Krause-Kirchhoff fordert, dass die OGS eine Förderstätte sein soll, „aber dabei stoßen wir immer wieder an Grenzen, wie zum Beispiel beim Personalschlüssel und den Qualifikationen der Mitarbeiter.“ Häufig arbeiten in der OGS Quereinsteiger und Teilzeitkräfte, die auch entsprechende Weiterbildung benötigen. Das koste Geld.

Zu wenig qualifiziertes Personal

Die fehlenden Mitarbeiter seien ein weiteres Problem. „Der Mangel an Personal ist vor allem im generellen Fachkräftemangel begründet. Die Arbeitsbedingungen im Ganztag sind insbesondere für junge Mitarbeitende nicht attraktiv, denn eine Vollzeitbeschäftigung ist hier nicht möglich“ , sagt Kuster. Aktuell stünden mehr Stellen als Bewerber zur Verfügung.

Die OGS-Mitarbeiter stehen den Schülern zum Teil beim digitalen Lernen unterstützend zur Seite und werden auch in der Notbetreuung eingesetzt. Laut Kuster sei bei der Notbetreuung keine angemessene, strukturierte und geplante Förderung der Kinder möglich. Die OGS-Fach- und -Ergänzungskräfte habe die Begleitung beim Distanzunterricht vor Herausforderungen gestellt. Fortbildungen und Eigeninitiative der Mitarbeiter seien hierbei nötig. Kuster: „Mit viel Engagement haben sie sich in die Thematik eingearbeitet.“

Auch OGS von Corona-Maßnahmen betroffen

Dass digitales Lernen eine engere Betreuung erfordere, sieht auch Krause-Kirchhoff so: „Der Betreuungsbedarf der Kinder und Familien wird nicht in Frage gestellt. Dennoch sorgen wir uns trotz strenger Corona-Schutzmaßnahmen um unsere Gesundheit.“ Denn Erzieher haben weiterhin engen Kontakt zu den zu betreuenden Kindern, und das lasse sich kaum vermeiden.

Dass die OGS zuletzt nicht nur für Kinder von Eltern mit systemrelevanten Jobs geöffnet ist, findet Krause-Kirchhoff richtig. Denn beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 fielen einige durchs Raster. „Es gibt unterschiedliche Gründe, weshalb Kinder in die OGS gebracht werden: Sprachbarrieren, fehlende technische Ausstattung, zu wenig Platz und zu wenig Ruhe in den eigenen vier Wänden.“

Stadt scheut Bewertung in der Pandemie

Stadtsprecher Lukas Huster sagt, dass in der derzeitigen Pandemie-Situation keine seriöse Bewertung stattfinden könne, was in der OGS gut oder schlecht liefe. Die Personalstärke bemesse sich an der Nutzung der OGS durch die Schüler und werde anteilig durch die entsprechenden Beiträge refinanziert. „Große Spielräume haben wir hier als Kommune nicht“, ergänzt Huster.

Die Pandemie offenbart aber auch positive Veränderungen. Das Land NRW fördert mit 9,5 Millionen Euro das „Helferinnenprogramm für die Ganztags- und Betreuungsangebote“ in Corona-Zeiten, um Grund- und Förderschulen im offenen und gebundenen Ganztag zu unterstützen. 230.000 Euro davon fließen nach Hamm. Unter anderem soll damit zusätzliches Personal eingestellt werden, das jenseits der pädagogischen Arbeit Aufgaben übernimmt und das vorhandene Personal entlasten soll.

„An manchen Standorten zeigt sich, wie sich die Kooperation zwischen Schule und OGS mittlerweile verbessert hat. Die OGS wird endlich als ein Teil der Schule wahrgenommen“, so Krause-Kirchhoff und betont, dass Lehrer ebenso die OGS unterstützen.

Statistik für Hamm

Insgesamt 3028 Schüler haben laut Stadtsprecher Lukas Huster zum Stichtag 15. Oktober 2020 an der OGS in Hamm teilgenommen. Die OGS wird an allen Grundschulen sowie an allen Förderschulen – außer der Alfred-Delp-Schule – angeboten.

Fünf verschiedene Träger sind mit der Durchführung der OGS an den einzelnen Schulen beauftragt. Neben der Caritas und der Awo sind auch der Evangelische Kirchenkreis Hamm (Hellwegschule, Dietrich-Bonhoeffer-Schule, Matthias-Claudius-Schule), Friedrich-Wilhelm-Stift (Freiligrathschule, Gebr.-Grimm-Schule, Talschule, Ludgerischule) und HEIKI – LWL Heilpädagogisches Kinderheim (Mark-Twain-Schule) Träger.

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