Ärztemangel und Corona

Viel Stress, wenig Anerkennung: Arzthelferinnen enorm belastet

Behält den Überblick. Arzthelferin Christiane Karlisch klärt per Telefon mit einer Klinik die dringende stationäre Aufnahme eines Patienten ab.
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Behält den Überblick. Arzthelferin Christiane Karlisch klärt per Telefon mit einer Klinik die dringende stationäre Aufnahme eines Patienten ab.

Arbeiten, essen, schlafen: Für mehr bleibt Christiane Karlisch, Jessica Skuta und Ira Zenutic seit Monaten kaum Zeit. Sie arbeiten als Arzthelferinnen in einer Hausarztpraxis und damit an der Front, wie sie sagen: Glaubt ein Patient, er habe Corona, ruft er als erstes seinen Hausarzt an – am Telefon hat er die Arzthelferinnen.

Hamm – Sie telefonieren, organisieren, dokumentieren, sprechen, trösten, zehn Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Applaus? Gab es im Frühjahr für Pflegekräfte in Seniorenheimen und Krankenhäusern, Kassiererinnen im Supermarkt, Ärzte. Die Arzthelferinnen blieben unterm Radar.

Ein Mittwochvormittag in der Praxis von Swetlana Maslon und Hubert Wischniowski an der Bahnhofstraße. Hier arbeiten Zenutic, Karlisch und Skuta. Zenutic beschwichtigt einen Patienten am Telefon. Er ist wütend, weil er die Praxis erst nach zwei Tagen erreicht hat. „Wir tun unser Bestes. Aber es melden sich im Moment sehr viele Leute, da können wir nichts machen.“ Zenutic notiert schließlich einen Termin, legt auf, das Telefon klingelt erneut. „Das steht nie still“, sagt sie später.

Viel Stress, wenig Anerkennung

Christiane Karlisch hängt einen Raum weiter ebenfalls am Telefon, sie klärt mit einer Klinik, wann einer der Patienten ins Krankenhaus aufgenommen werden kann, es ist dringend. Es braucht Zeit, bis sie den richtigen Ansprechpartner am Telefon hat. Jessica Skuta desinfiziert derweil ein Behandlungszimmer. Der Aufwand ist seit Ausbruch der Pandemie deutlich höher als zuvor, Schreibtisch, Liege, Türklinke, alles wird nach jedem Patienten penibel gereinigt. An der Theke wartet ein Patient, vor der Praxis ein weiterer. Es sei ein ruhiger Vormittag, erzählen die Medizinischen Fachangestellten später in der Teeküche.

„Ich stehe oft auf und fühle mich gestresst“, sagt Skuta. Die Mehrheit der Patienten sei sehr nett. Doch ihre Kolleginnen und sie merken, wie groß die Anspannung, Unsicherheit und Wut vieler Menschen nach Monaten mit der Pandemie sind. Einige lassen das an den Arzthelferinnen aus. „Es kommt vor, dass man uns anbrüllt“, sagt Skuta.

Ständig am Telefon: Ira Zenutic ist seit Monaten gefordert wie nie zuvor.

Corona erhöht die Belastung

Ihr Arbeitstag und der ihrer Kollegen hat sich verdichtet. Die Corona-Pandemie ist ein Grund dafür. „Es kommt fast jeden Tag ein Fax, dass sich irgendetwas ändert“, erzählt Karlisch. Die ständig neuen Regeln und Herausforderungen führen zu viel Arbeit, Papierkram, den keiner sieht.

Auch sonst hat Covid-19 die Abläufe in der Praxis verändert: Patienten mit akuten Symptomen sollen zu anderen Zeiten in die Praxis kommen als die übrigen. Seit Monaten bietet die Praxis deshalb eine Infektsprechstunde an – in der Zeit, in der es früher eine Mittagspause gab. Die ist nun weggefallen. „Es ist wahnsinnig viel Arbeit dazugekommen“, sagt die Ärztin Maslon.

Bei mehr als 100 Patienten habe man in der Praxis bereits Covid-19 nachgewiesen. „Es hat sich keiner in unserer Praxis angesteckt“, sagt sie. Sie ist stolz, dass weder Personal noch Ärzte positiv waren. Der Aufwand für die Hygiene scheint sich zu lohnen. Eine Entlastung durch Corona hingegen gab es im April und Mai kurzzeitig, damals kamen weniger Patienten in die Praxis. Doch inzwischen ist das Aufkommen wieder hoch, weil neben allen Patienten mit Infekten auch all die anderen kommen, die chronisch Kranken, die Patienten mit Erkältungen, bald auch Grippe.

Ärztemangel bleibt weiterhin ein Problem

Das Patientenaufkommen ist in diesem Jahr wegen der Pandemie höher, aber auch wegen des zunehmenden Ärztemangels in Hamm. Zehn Prozent der Hammer Hausarztpraxen haben im vergangenen Jahr geschlossen. Tausende Hammer suchen noch neue Hausärzte. Aktuell listet die Kassenärztliche Vereinigung zwar noch 92 Hausärzte in der Stadt – auf der Liste stehen allerdings mehrere Ärzte, die keine Sprechstunden mehr anbieten.

Die verbliebenen Mediziner und ihr Personal werden überrannt. „Wir möchten keine Patienten abweisen“, sagt Maslon. Also ist die Frequenz in der Praxis höher als vor einem Jahr. Patienten müssen mitunter lange auf einen Termin warten. „Wir sind bei Terminen jetzt im Februar“, berichtet Skuta. Nicht jeder hat dafür Verständnis.

Arzthelferinnen halten trotz hoher Belastung durch

Eigentlich hätten sie ein gutes Team, sagen die Arzthelferinnen. Sie verstehen sich, auch im größten Stress. Maslon erzählt, dass ihre Arzthelferinnen sich so gut wie nie krank meldeten. „Ich schätze das sehr, dass sie diese Ausdauer haben, dass sie nicht schlappmachen und Dr. Wischniowski und mir immer den Rücken freihalten“, sagt die Ärztin.

Doch die Belastung ist hoch. Um ihr standzuhalten, wünschen sich die Arzthelferinnen etwas, das selbstverständlich erscheint: Sie möchten mit Respekt behandelt werden. Und dass die Öffentlichkeit sieht, was ihre Praxis leistet. „Die Hausarztpraxen sind die, die immer als erste für die Patienten da sind“, sagt Karlisch in der Teeküche, Skuta und Zenutic nicken. Dann geht Karlisch zurück an die Theke, nach zwei Minuten kommt sie kurz an die Tür: „Ich will euch nicht stressen“, sagt sie zu Zenutic und Skuta. „Aber draußen ist die Hölle los.“ Die beiden beenden ihre kurze Pause – und arbeiten weiter an ihrer Front.

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