Gitarrist Victor Smolski bedauert Entwickung der Hammer Szene

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Mit „21“ legten Rage einen fulminanten Verkaufsstart hin und ließen sogar AC/DC hinter sich.

HAMM - Victor Smolski hat Hamm verlassen. Vor rund drei Jahren kaufte der bekannte Musiker der Metal-Band Rage Haus in Beckum. „Als ich Ende der 80er Jahre nach Hamm kam, war ich baff über das, was hier los war. Inzwischen sehe ich davon nichts mehr“, sagt er.

Von Andreas Tiggemann

Von der einst vitalen Musikerszene sei kaum noch etwas übrig, Auftrittsgelegenheiten für junge Bands gebe es auch nicht mehr, dementsprechend würden wenig Livekonzerte angeboten.

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Für Smolski, der einst selbst ohne Erfolg versucht hatte, in der Pelkumer Discothek „Tenne“ einen Live-Club zu etablieren, war das aber nur ein Grund, die Stadt nach 16 Jahren zu verlassen. Smolski mag die Hektik größerer Städte ohnehin nicht, wochenlange Studioarbeit in Hannover oder gar Hamburg ist ihm zuwider. Stress hat er auf Tourneen – in den vergangenen drei Wochen hat er mit seiner Band 20 Konzerte gespielt – ohnehin mehr als genug. „Hier in Beckum ist es super. Die Stadt hat die richtige Größe für mich. Ich wohne fünf Minuten von der Innenstadt entfernt und bin in fünf Minuten ohne Stau auf der Autobahn“, sagt er im Gespräch mit dem Stadtanzeiger in Hamm.

Victor Smolski gilt in Musikerkreisen als einer der versiertesten Rock-Gitarristen der Welt. Auch wenn er nicht annähernd so bekannt ist wie viele seiner US-amerikanischen Kollegen - als Musiker ist er den meisten haushoch überlegen. Smolski, Sohn eines berühmten weißrussischen Komponisten, hat am Konservatorium der Stadt Minsk von Kindesbeinen an eine excellente Ausbildung genossen, hat Cello studiert und Klavier sowie Jazz und Komposition für Orchester. Und er lernte schon als kleiner Junge die große Welt der Musik kennen, durfte Papa Dmitri in die Oper und Konzertsäle begleiten. Doch sein Instrument war und ist bis heute die elektrische Gitarre, seine Musik ist knallharter Rock.

Mit der Band Rage hat der 42-Jährige gerade ein neues Album veröffentlicht und eine Europatournee hinter sich gebracht. Im Mai folgen mehrere Konzerte in Japan, auch eine Russland-Tournee ist in Planung. In der Zwischenzeit gönnt sich Victor Smolski ein wenig Zeit für seine zweite Leidenschaft, den Motorsport. Auch als Tourenwagenfahrer hat er sich international einen Namen gemacht.

Gegen Ende der 1980er Jahre, als der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West durchlässig wurde, machte sich der ehrgeizige Weißrusse mit seiner Band Inspector auf den Weg nach Deutschland und landete der Liebe wegen 1993 in Beckums Nachbarstadt Hamm. In seiner russischen Heimat war er zu diesem Zeitpunkt längst populär. Bei der Band „Pesniary“ hatte er schon als 14-Jähriger in die Saiten gegriffen und zehn Millionen Alben verkauft.

Die Liebe zum Heavy-Metal begann schon als Kind. Das Album „Physical Graffiti“ der Band Led Zeppelin änderte das Leben des Jungen schlagartig. Acht Stunden und mehr bearbeitete er fortan täglich seine Gitarre. Durch Led Zeppelin spürte er erstmals die Energie, die von harter Rockmusik ausgeht. „Das hat mich von Anfang an fasziniert. Ich spiele auch gerne Jazz oder Blues oder Klassik. Aber die Energie des Metal ist einzigartig, die passt zu mir.“ Smolski übte wie ein Besessener, ließ sich im Laufe der Jahre privat von mehreren Gitarristen ausbilden, unter anderem in den USA von dem inzwischen verstorbenen Shawn Lane. Heute dürfte Smolski auch seine einstigen Lehrmeister überflügelt haben.

Doch die Wurzeln seines Könnens wurden in seiner Heimatstadt Minsk gepflanzt. Die Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses in der einstigen Sowjetunion ist bis heute berühmt für seine hohe Qualität. „In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares, hier ist die musikalische Ausbildung sehr schwach“, sagt Smolski, der noch heute Schüler an der Gitarre unterrichtet. Nicht des Geldes wegen, wie er betont. „Ich habe meinen Preis seit 15 Jahren nicht geändert. Mir macht es einfach Spaß, mit Einzelschülern zu arbeiten, ich kann ihnen viel von meiner Erfahrung mit auf den Weg geben.“ Und genau diese Erfahrung vermisst er bei etlichen Musikern, die hier zu Lande wie er unterrichten.

Victor Smolski ist bekannt für seine enorme Disziplin, die er auch seinem Umfeld abverlangt. „Ich gebe immer alles, und das verlange ich auch von meinen Kollegen. Ich kann sehr hart sein, aber ich habe nun einmal Probleme mit Leuten, die nicht alles geben“, sagt er.

Inzwischen kann er sich leisten, etwas ruhiger zu sein. Mit seiner Band ist er künsterlisch vollkommmen unabhängig – ein großes Privileg, wie er weiß. Im Gegensatz zu den frühen wilden Jahren achtet Victor Smolski heute sehr auf seine Gesundheit, nicht zuletzt, weil er vor einigen Jahren an einer akuten Blinddarmerkrankung während einer Tournee beinahe gestorben wäre. „Danach lebt man anders. Und ich liebe das Leben, ich liebe es wirklich sehr.“

Zur Person: Cello, Klavier, Gitarre, Porsche

Victor Smolski, Sohn von Professor Dmitry Smolski, einem der führenden russischen Komponisten der Gegenwart, kam am 1. Februar 1969 in Minsk (Weißrussland) zur Welt und begann mit sechs Jahren, Klavier und Cello zu studieren. Die Gitarre folgte bald darauf, mit elf Jahren war er Profi. Heute ist Victor Smolski auch als Produzent tätig. So hat er unter anderem die inzwischen aufgelöste Beckumer Formation GB Arts entdeckt und deren CDs produziert, aber auch für internationale Musiker wie den amerikanischen Sänger DC Cooper ist er als Produzent tätig gewesen. Durch sein Können wurden namhafte Instrumenten-Firmen wie „Yamaha“ oder auch „Peavey“, „Thomastik-Infeld“ und „Cordial“ auf Victor Smolski aufmerksam. Auf der „Winter NAMM Show“, der größten Musikmesse der USA, auf der „Musik-Expo“ in Dubai und weiteren internationalen Musikmessen zeigte Victor Smolski als Solist sein Können und repräsentierte dort auch die erwähnten Firmen. Was Smolskis Hobby, den Rennsport betrifft, war 2007 das erfolgreichste Jahr bisher, da er gleich zwei mal den 1. Platz beim Langstreckenrennen auf der weltweit gefährlichsten Rennstrecke, dem „Nürburgring“, erreichen konnte.

Rage - „21“: Härtestes Album der Bandkarriere

Seit 28 Jahren ist das Trio Rage aktiv und erfindet sich mit seinem Mix aus Heavy Metal, progressiven und klassischen Elementen und kraftvollen Thrash-Passagen regelmäßig neu. Mit dem neuen Longplayer „21“ hat die Band nun ihr härtestes Album ihrer Karriere veröffentlicht. Die Geschichte der Band beginnt 1984 mit dem Debütalbum „Prayers Of Steel“. In regelmäßigen Abständen entstehen weitere Alben, zudem touren Rage unermüdlich durch Europa und erspielen sich eine treue Fangemeinde. Mit dem 1992er Album „Trapped“ gelingt der Band auch der internationale Durchbruch, Tourneen durch Fernost, Russland und Südamerika folgen. 1996 realisieren Rage mit dem Album „Lingua Mortis“, das erste Klassik-Album einer deutschen Metalband. Mit dem Album „Ghosts“ steigt 1999 Victor Smolski in die Band ein. Beim Wacken Open Air im August 1999 besteht die Besetzung vor rund 25 000 Zuhörern ihre Feuertaufe. Seinen bisher größten Erfolg mit Rage verzeichnet Victor Smolski im Jahr 2001 durch den von ihm komponierten Song „Straight To Hell“, der unter anderem als Soundtrack für die erfolgreiche deutsche Filmproduktion „Der Schuh des Manitu“ diente.

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