Tanz auf dem schmalen Grat

Versuche mit Online-Angebot: Auch Hammer Tanzschulen sind von der Krise hart getroffen

Markus und Tanja Schmidt tanzen vor, die Kursteilnehmer tanzen zuhause nach.
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Markus und Tanja Schmidt tanzen vor, die Kursteilnehmer tanzen zuhause nach.

Während die ersten Schüler wieder in die Schulen zurückkehren und Geschäfte ihre Türen unter Auflagen öffnen dürfen, müssen die Tanzschulen auf weitere Lockerungen seitens der Regierung warten. Aus diesem Grund greifen viele Tanzlehrer auf digitale Angebote zurück. Doch das alternative Angebot funktioniert nicht für jeden.

Hamm – In Annelieses Tanz- und Ballettschule an der Poststraße beispielsweise gibt es kaum digitale Alternativen. „Wir haben bisher keine eigenen Videos produziert, da ich meine Mitarbeiter schützen wollte“, sagt Anneliese Klocke, die Inhaberin der Ballettschule.

Für Linedancer wurde auf bestehende You-Tube-Videos zurückgegriffen, um diese an die Tänzer weiterzuleiten. Für Tanzschulkunden gebe es ein abrufbares Radio mit Tanzparty- und Linedancemusik. „Die alternativen Angebote nutzen jedoch wenige Mitglieder“, erklärt Klocke. Abmeldungen habe es dennoch keine gegeben.

Online-Angebot keine dauerhafte Lösung

Die Tanzschüler der Ballettschule zeigen Verständnis: „Ich hoffe, dass die Tanzschule das alles durchsteht und wir bald wieder alle zusammen tanzen können“, sagt Werner Brunckhorst, der sein Geld nicht zurückhaben möchte. Er selbst nutze die digitale Alternative nicht, weil sich die Videos eher für Anfänger als für Fortgeschrittene wie Brunckhorst eignen.

„Wenn das Online-Angebot eine Alternative zu Tanzschulen wäre, dann hätte es sich auch schon vor Corona durchgesetzt“, meint der Hammer. Das sieht auch Jürgen Ball, Präsident des Allgemeinen Deutschen Tanzverbandes (ADTV) so: „Tanzen ist eine Gemeinschaftserfahrung, das kann das beste Video nicht ersetzen.“ Deshalb fordert er, dass Tanzschulen und Tanzlehrern für die Zeit nach dem 3.Mai eine Perspektive geboten wird.

Kurze Videos bei Güth

Die Tanzschule Güth stellt nun täglich wechselnde Tanzvideos für ihre Kunden online. Ein Video ist zwischen 30 Sekunden und drei Minuten lang. „Wir halten sie bewusst kurz, damit auch Menschen mit wenig Internetkapazitäten das Angebot nutzen können“, erklärt Jeannine Güth, Tanzlehrerin der Tanzschule Güth. Circa ein Drittel der Kunden nutzen das alternative Sportangebot.

Ganz neu ist die Perspektive vor der Kamera für Jeannine Güth und ihrer Mutter, Inhaberin Nicole Güth, aber nicht. Um sich Choreografien einzuprägen, filmten sie sich schon vor der Pandemie. Dennoch wandeln sie nun ihre Tanzfiguren so ab, dass sie Kunden auf kleinem Raum nach tanzen können. Jeannine Güth: „Für uns ist das eine Serviceleistung, denn wir möchten den Kunden etwas bieten und weiterhin präsent sein.“

Wenig Freude an digitalem Tanztraining

Mit den Videos trainiert Kundin Sabine Kunz* vor allem, weil sie angst habe, Figuren zu verlernen. „Wir wissen ja nicht, wie lange das noch alles dauert“, sagt Kunz. Sie tanzt schon seit über 17 Jahren in der Tanzschule. So richtig anfreunden mit der digitalen Lösung kann sie sich aber nicht. Da sie und ihr Tanzpartner weiter wie gewohnt arbeiten, sei es dennoch gut, dass man sich die Videos zeitunabhängig anschauen und die Schritte anschließend wiederholen könne.

Für Thorsten Schröder ist das digitale Tanztraining dagegen keine Alternative. „Ich hoffe, dass die Tanzschule das Virus übersteht und wir danach wieder alle zusammen trainieren können“, so Schröder.

So voll ist es aktuell nicht mehr bei der Tanzschule Güth.

Viele Tanzschüler wollen ihr Geld nicht zurück

Damit die Tanzschule finanziell über die Runden kommt, wollen auch er und viele andere Teilnehmer ihr Geld nicht von der Tanzschule zurück. Deutliche Umsatzeinbußen musste die Tanzschule trotzdem bereits hinnehmen. Jeannine Güth ist mittlerweile in Kurzarbeit. Für die 35-Jährige, die seit ihrem dritten Lebensjahr tanzt, ist das eine große Umstellung.

Die tägliche Bewegung fehle, aber vor allem an die wenigen sozialen Kontakte kann sie sich nicht gewöhnen. „Ich hoffe, dass wir bald wieder in kleinen Gruppen die Tanzschule öffnen dürfen und langsam zur Normalität zurückkehren können.“

Live-Programm bei Pape-Eicker/Schmidt

Alternative Angebote kommen vor allem bei Kunden der Tanzschule Pape-Eicker/Schmidt gut an, denn die Tanzschule bietet ein vielfältiges Online-Programm. Ausgefallene Unterrichtsstunden werden digital nachgeholt. Kunden können auf eine große Bandbreite an Tanzgenres zurückgreifen und sogar an Kursen teilnehmen, für die sie eigentlich gar nicht angemeldet sind.

Der einzige Haken: Die Kurse sind meistens live, sodass sich die Bewegungsfreunde an die gesetzten Uhrzeiten halten müssen. Markus Schmidt, der Geschäftsführer plant das alternative Angebot vorläufig bis zum 1.Mai. „Viele Hammer haben wenig Platz Zuhause zum Trainieren, weshalb die Choreografien auf kleine Räume ausgelegt wurden“, erklärt Schmidt die aktuellen Herausforderungen.

Zu wenig Platz für Tanz im Wohnzimmer

Die kleinen Räumlichkeiten Zuhause sind für Linda Griesenbrrock beispielsweise ein Problem. Sie habe nicht viel Platz für ihr Training. „Mit den vielen Dachschrägen kam es schon vor, dass ich mir den Kopf gestoßen habe“, erklärt Griesenbrrock. Deshalb freue sie sich besonders darauf, bald wieder in den großen Tanzräumen zu trainieren. Tanzschüler Tristan Poth trainiert nun Latein-Formationen zuhause mit seiner Schwester.

Mittlerweile ist bei Familie Poth das digitale Angebot sogar eine familiäre Aktion geworden, denn auch sein Bruder und seine Mutter trainieren hin und wieder mit. Dennoch ist Poth der gleichen Meinung, wie alle anderen Tanzschüler – das digitale Angebot sei auf Dauer keine Alternative.

*Name vom WA geändert

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