Kennenlernern auf der Meile

Vergewaltigung im Hotelzimmer: Strafe nach „Verständigung“ vor Gericht steht fest

Ort des ersten Kontakts: Die Hammer Meile.
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Auf der Südstraße lernten sich der Vergewaltiger und das Opfer kennen. 

Zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, wurde ein 38-jähriger Oldenburger wegen Vergewaltigung vor dem Schöffengericht am Hammer Amtsgericht verurteilt. Es ging auch um K.O.-Tropfen.

Hamm – Dem Mann kam vor dem Gericht in Hamm zugute, dass er sich doch noch von einem Geständnis überzeugen ließ. Zu Prozessbeginn hatte er eine ganz andere Version des Geschehens aufgetischt und zunächst den Eindruck gemacht, als wolle er auch dabei bleiben.

Dem Mann, der vorher noch nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war und beruflich in Hamm zu tun hatte, wurde vorgeworfen, in der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 2019 eine wehr- und willenlose Frau (33) aus Hamm in seinem Zimmer im Mercure-Hotel vergewaltigt zu haben. Die beiden waren sich vorher auf der Südstraße in einem Lokal begegnet. Im Zimmer sei die Frau in Tiefschlaf gefallen, hieß es in der Anklage. Die Geschädigte vermutete im Nachhinein, dass ihr K.o.-Tropfen verabreicht worden waren.

Vergewaltiger spricht von einvernehmlich lustvollem Handel in Hamm

Der Mann, der aus geordneten Verhältnissen stammt und eine Tochter hat, hatte in seiner Anhörung ein einvernehmliches lustvolles Handeln beschrieben: von der Annäherung auf der Meile, ersten Küssen, intimen Berührungen noch im Taxi zum Hotel und schließlich vom Geschlechtsverkehr im Hotelzimmer. „Danach sind wir Arm in Arm eingeschlafen“, so der 38-Jährige. Und am Morgen habe man sich ordentlich verabschiedet. Ein Märchen, wie sich später herausstellen sollte.

Dass es letztlich zu einem „Umdenken“ und einem Geständnis kam, beruhte auf dem richterlichen Vorschlag einer so genannten Verständigung, die der Vorsitzende Richter Burkhard Schulze-Velmede in einem längeren Rechtsgespräch mit Staatsanwaltschaft und Rechtsbeiständen erörterte. Im Klartext heißt das: das Angebot eines bestimmten vertretbaren Strafmaßes und im Gegenzug ein Geständnis. Darauf ließ sich der Angeklagte nach längerer Beratung mit seinem Rechtsanwalt ein.

Vergewaltigungs-Prozess: Keine Anhörung der Geschädigten

Mit dem Geständnis blieb der sichtlich aufgelösten Geschädigten eine Anhörung als Zeugin vor Gericht erspart. Auch eine Sachverständige und weitere Zeugen mussten nicht mehr gehört werden. „Ihr Geständnis bedeutet auch, dass die Zeugin nicht gelogen hat“, machte Schulze-Velmede dem Angeklagten deutlich.

Mit knappen Worten hatte dieser zuvor die Anklage eingeräumt, allerdings mit Ausnahme der Verabreichung von K.o.-Tropfen. „Es war aber viel Alkohol im Spiel“, sagte er. Eine weitere Rekonstruktion der nächtlichen Ereignisse fand nicht mehr statt.

K.o.-Tropfen waren nach der Nacht nicht nachgewiesen worden. Eine Hausdurchsuchung bei dem Angeklagten durch die Polizei hatte ebenfalls keine Substanzen zutage gefördert. Dass nicht doch betäubende Stoffe zum Einsatz gekommen sein können, heißt das aber nicht.

Bei Vergewaltigung in besonders schwerem Fall liegt das Strafmaß zwischen zwei und 15 Jahren. Zwei Jahre können noch zur Bewährung ausgesetzt werden. Dem Mann wurde also haarscharf ein haftfreies Leben ermöglicht. Ein mildes Urteil und ein seltsamer Handel? Während das Opfer quasi „lebenslänglich“ hat?

Wäre der Mann bei seiner Gute-Nacht-Geschichte geblieben, hätte er möglicherweise sogar unbescholten das Gericht verlassen. Denn was ihm im Prozess letztlich hätte nachgewiesen werden können, ist Spekulation. Allerdings: Warum sollte man jemanden anzeigen und sich in ein psychisches Martyrium begeben, wenn alles einvernehmlich war?

Sein Opfer kann nun knapp zwei Jahre nach der Tat und nach zwei Jahren der Ungewissheit – zumindest juristisch – einen Schlussstrich ziehen.

Als weitere Auflage muss der Mann 1500 Euro an die Staatskasse zahlen. Das Opfer erhält ein Schmerzensgeld von 2500 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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