Aufwändige Untersuchung

"Verdächtiges" Bild aus Hammer Lübcke-Museum ist kein NS-Raub

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Dr. Diana Lenz-Weber neben der nun verdachtsfreien Arbeit von Max Schulze-Sölde.

Hamm – Es ist Detektivarbeit vor einem traurigen Hintergrund: die Erforschung möglicherweise durch die Nationalsozialisten entzogener Kulturgüter. Im Gustav-Lübcke-Museum wurde jetzt nachgewiesen, dass eine Arbeit im Bestand nicht mit einem seit 1945 als verschollen gemeldeten Gemälde identisch ist.

In den 1980er Jahren hatte das Museum von einer Hammer Galerie das Gemälde „Feldarbeit“ des westfälischen Künstlers Max Schulze-Sölde (1887-1967) erworben. Expertinnen der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe hatten im Rahmen des Projekts „Provenienzforschung in NRW“ im Frühjahr 2019 anhand der Inventarlisten eine erste Sichtung des Museumsbestandes als so genannten „Erstcheck“ auf Kulturgüter zweifelhafter Herkunft vorgenommen. Für das Projekt hatte sich das Museum freiwillig beworben.

Vorläufig als "Verdacht" kategorisiert

Dabei war die Arbeit Schulze-Söldes aufgefallen, die laut Signatur 1928 entstanden ist und der Richtung der Neuen Sachlichkeit zugeordnet wird. Das Bild wurde vorläufig als „Verdacht“ kategorisiert, weil beim Abgleich des Gemäldeinventars des Museums mit der Lost Art-Datenbank (Datenbank für verlorene Kunst) ein Gemälde Schulze-Söldes mit dem Titel „Frauen auf dem Felde“ als Suchmeldung aufgetaucht war. Das Werk soll 1945 in Münster verschollen sein.

„In der Lost Art-Datenbank gibt es keine Abbildung der Arbeit, also mussten wir uns auf schriftliche Beschreibungen verlassen“, erklärt die Stellvertretende Museumsleiterin Dr. Diana Lenz-Weber. Aber die sind eindeutig. In der Berliner Nationalgalerie existiert ein Datenblatt vom 4. Dezember 1928. Darauf sind auf der als verschollen gemeldeten Arbeit drei Frauen bei der Feldarbeit beschrieben. Lenz-Weber liegt der Wortlaut des Datenblattes vor. Das Gemälde in Hamm aus dem gleichen Jahr zeigt aber nur zwei Frauen.

Variation des gleichen Themas

„Um sicher zu gehen, haben wir das Bild entrahmt“, so Lenz-Weber. „Die Leinwand ist zwar nachträglich gerahmt, aber nicht beschnitten worden. Es sind also nicht etwa Teile und eine dritte Frau nachträglich entfernt worden. Das wäre deutlich sichtbar an der Leinwand.“ Die Komposition sei auch in sich stimmig. „Es ist demnach vollkommen auszuschließen, dass es sich um das gesuchte Bild handelt“, so die Stellvertretende Museumsleiterin. Sie hält die Arbeit im Museum und das verschollene Werk stattdessen für nicht unübliche Variationen des gleichen Themas.

Unterdessen hat das Museum eine Dauerleihgabe einer Arbeit Max Schulze-Söldes erhalten. Das „Erntebild“ stammt aus dem Jahr 1947 und ist in der Abteilung für Moderne Kunst zu sehen, sobald das Museum nach der Corona-Krise wieder geöffnet hat. Gleiches gilt für das Gemälde „Feldarbeit“.

Weitere Erforschungen folgen

Das Gustav-Lübcke-Museum will an den „Erstcheck“ zur Herkunft von Sammlungsobjekten anknüpfen und den Empfehlungen der Expertinnen folgen. In mehreren Fällen bedeutet dies eine weitere Erforschung möglicherweise durch die Nationalsozialisten entzogener Kulturgüter. Weil das Museum dies nicht selbst stemmen kann, sollen Fördermittel akquiriert werden, um eine externe temporäre Kraft mit der Provenienzforschung zu betrauen.

Nach eigenen Recherchen des Museums durch die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Susanne Birker wurden 2019 zwei Stücke aus dem Bestand (eine Porzellanuhr und eine Figurengruppe aus Biskuitporzellan), die als „eindeutig belastet“ eingestuft wurden, an Nachfahren der ehemaligen Besitzer, die Familie Gerson, zurückgegeben. Sie waren 1943 angekauft worden. „Es ist eine absolute Notwendigkeit, sich zu kümmern, Unrecht aufzuarbeiten und Stücke schließlich auch rückzuerstatten“, sagt Museumsdirektor Dr. Ulf Sölter.

Das ist die Proveniezforschung

Die Grundlage für die Provenienzforschung, also die Suche nach der lückenlosen Herkunft eines Objekts oder Kunstwerks, bilden die so genannten Washingtoner Prinzipien, die 1998 in Bezug auf Besitz aus der Zeit des Holocaust von 44 Staaten verabschiedet worden sind. Die „Gemeinsame Erklärung“ (1999) der Bundesregierung, der Länder und Kommunen bestätigte die Absichten der Washingtoner Prinzipien, NS-Raubgut zu identifizieren und an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben.

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