Enttäuschung über verwehrte Öffentlichkeitsfahndung

Upskirting im Hammer Bahnhofsklo: Spanner-Opfer will wachrütteln

Das Foto zeigt den mutmaßlichen Spanner beim Verlassen der WC-Einrichtung im Hauptbahnhof Hamm.
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Das Foto zeigt den mutmaßlichen Spanner beim Verlassen der WC-Einrichtung im Bahnhof. Weil es der zuständige Ermittlungsrichter nicht für eine öffentliche Verbreitung freigegeben hat, wurde der Mann hier mit Blick auf seine Persönlichkeitsrechte unkenntlich gemacht.

Erst schamvoll, jetzt verständnislos: Am 1. August 2020 wurde Melanie D.* auf einer Toilette des Hammer Hauptbahnhofs von einem fremden Mann von unten fotografiert oder sogar gefilmt. Doch obwohl ihrem Mann sogar ein Foto des mutmaßlichen Spanners gelang und das Paar alles zur Anzeige brachte, wurden sie bis heute mit ihren Hoffnungen (fast) allein gelassen.

Hamm - Der Vorfall gehört aus Ermittler- und Juristensicht in die Schublade mit der Aufschrift „Upskirting“: Dieser Begriff steht für heimliche Smartphone-Aufnahmen „unter den Rock“. Oft landen solche Aufnahmen später in den sozialen Medien oder auf einschlägigen Internetseiten. Während die Tat meistens nicht einmal bemerkt wird oder aber schamvoll verschwiegen wird, gingen Melanie D. (53) und ihr Mann mit ihrem Wissen und in ihrer Empörung erst zur Polizei und später zum WA, der im Oktober erstmals und ausführliche darüber berichtete – und auch über das Schweigen der Behörden.

Denn tatsächlich hatte der zunächst außerhalb der Toilettenanlage auf seine Frau wartende und dann von ihr informierte Partner zwei Fotos des Mannes, der mit Blick auf den Zeitrahmen und die Örtlichkeit als einziger für die Tat infrage kam, machen können. Diese Fotos reichten die D.s nebst ihrer strukturierten Beobachtungen bei der Anzeige gegenüber der zuständigen Bundespolizei ein. Dort machte man ihnen Hoffnung auf eine Öffentlichkeitsfahndung nach dem unbekannten Verdächtigen. Genährt wurde diese nach langem Warten Mitte November, als die zuständige Bundespolizeiinspektion Münster sie um die Übermittlung der Fotos in Originalqualität bat.

Gefragt, getan: Immerhin verstanden sie die Kontaktaufnahme durchaus als Vorbote auf die erhoffte Fahndung und die dafür nötige Freigabe durch einen Richter. Doch der Vorbote verschwand schweigend im Walde; ein halbes Jahr nach dem Vorfall wartete das Ehepaar noch immer auf jedwede Reaktion der Handelnden. „Wir haben keinerlei Info, nichts“, zeigt sich Melanie D.s Mann enttäuscht und frustriert. „Wenigstens ein Update, oder ob überhaupt noch ermittelt wird, hätten wir erwartet.“

Die Lücke zwischen WC-Kabinen kann Frauen zum Verhängnis werden. So war es auch bei dem Fall im Hammer Bahnhof. Wir haben die Situation zur Veranschaulichung hier nachgestellt.

Upskirting im Hammer Bahnhofsklo: Richter gegen öffentliche Fahndung

Erneut ergriff der WA die Initiative, fragte zum wiederholten Mal bei der Bundespolizei in Münster nach – und wurde diesmal überrascht: Der vorliegende Vorfall sei dort „bereits 2020 abgeschlossen und an die Staatsanwaltschaft Dortmund übergeben“ worden. Also weiter nach Dortmund...

Und zwar mit Erfolg, gewissermaßen: Henner Kruse, Sprecher besagter Staatsanwaltschaft, konnte nämlich mitteilen, dass der Antrag auf eine Öffentlichkeitsfahndung vom zuständigen Amtsrichter bereits abgelehnt wurde, und zwar (so der offizielle Wortlaut) „mangels Verhältnismäßigkeit vor dem Hintergrund schlechter Bildqualität“. Tatsächlich sind auf den Bildern – die dem WA vorliegen – sehr wohl eindeutige Merkmale des Mannes erkennbar. (In Gelsenkirchen wurden unlängst Fotos eines Spanners veröffentlicht. Die Folge: Der Mann stellte sich der Polizei.)

Upskirting im Hammer Bahnhofsklo: Fotos jetzt intern bei der Polizei

Die Akte landete somit also wieder in Hamm, diesmal bei der „normalen“ Polizei. Dort möge man die Fotos des Übeltäters doch bitte ins Intranet stellen, wo sie von allen Polizeibeamten (und zwar deutschlandweit) zum Abgleich mit allen möglichen Verdächtigen herangezogen werden können. Die Polizei vor Ort kenne schließlich „ihre Pappenheimer“, hofft Staatsanwalt Kruse auf einen Treffer auf dieser Ebene.

Dass die Fotos inzwischen verwendet würden, bestätigte Hannah Reineke aus der Pressestelle der Hammer Polizei auf Nachfrage. Um offensiv darauf aufmerksam zu machen, erhielten alle Kollegen zusätzlich eine entsprechende Mail. Nun läuft die Suche also zumindest übers interne polizeiliche Fahndungsportal. Übrigens wahrlich kein unübliches Vorgehen, wenn auch im Zweifel weit weniger effektiv als über eine Beteiligung der Öffentlichkeit. Polizeisprecher Hendrik Heine hält eine solche nach neuerlicher Prüfung gleichwohl noch für möglich für den Fall, dass in ein paar Wochen „alle anderen Mittel ausgeschöpft wurden“.

Damit läuft der Vorgang inzwischen zweigleisig: Denn auch die Dortmunder Staatsanwaltschaft hat keineswegs einen Haken dran gemacht, sondern ermittele nun wegen des Verdachts auf „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und von Persönlichkeitsrechten durch Bildaufnahmen“, erklärt Staatsanwalt Kruse. Die Ausführungen dazu seien im Strafgesetzbuch (StGB) hinter dem Paragrafenzeichen 201a abgelegt.

Upskirting im Hammer Bahnhofsklo: Fälle gelten inzwischen als Straftat

Bei all der Warterei hat sich inzwischen die Rechtslage für Fälle wie diese geändert. War „Upskirting“ bislang nur eine „Ordnungswidrigkeit“, so gilt es seit dem Jahreswechsel endlich als Straftat, die mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bestraft werden kann (Paragraf 184 StGB). Grundsätzlich ein guter Schritt, für die D.s aber nur ein schwacher Trost: Denn selbst wenn der Spanner doch noch ermittelt, gefasst und vor Gericht gestellt würde, käme das neue Gesetz nicht zur Anwendung, weil die Tat eben vor dem Stichtag der Novellierung geschah.

Klar ist angesichts vieler im Netz verfügbarer Bilder, dass es häufig zu solchen Taten kommt. Das Nichtzustandekommen einer Öffentlichkeitsfahndung sei daher weniger aus persönlicher Betroffenheit schade, findet Melanie D. Man hätte dem für Frauen zutiefst erniedrigende „Upskirting“ damit nämlich mal eine wichtige mediale Breitenwirkung geben können. Möglichen Nachahmern und dem vermutlichen Täter wolle sie erklären: „Stopp, Straftat, du verletzt und erniedrigst Frauen. Es wird sich gewehrt!“

Und: Sollte der Spanner doch ermittelt werden, werden Sie es hier bei uns lesen.

(* Name geändert, aber der Redaktion bekannt)

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