Zahl falscher Alarme auch für Hamm deutlich gesunken

Problem Unwetterprognose: „Chaotisch wie Blasen in Kochtopf“

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Hamm - In gewisser Weise sind Wetterexperten auch Chaosforscher. Durch diese Brille betrachtet wird verständlich, warum es immer wieder (Un-)Wetterprognosen gibt, die am Ende verpuffen - wie zu Beginn der vergangenen Woche in Hamm. Wir haben bei einem solchen "Chaosforscher" mal nachfragt...

Aufgrund starker und auch regionalisierter Warnungen hatte auch WA.de am Dienstag aktuell und tagesfüllend vor möglichen Unwettern gewarnt, die auch Hamm treffen könnten. Das Lese-Interesse war riesig – doch am Ende gab es in der Stadt nicht einmal einen Tropfen Regen. Ausgangspunkt für diese Warnungen ist oft der Deutsche Wetterdienst (DWD). Dessen Experte Franz-Josef Molé erklärt im Interview, warum es immer häufiger zu solchen vermeintlichen Irritationen kommt.

Vielerorts wurde am Montagabend und noch am Dienstag vor Unwettern gewarnt, die auch den Bereich Hamm erfassen könnten. Die Regenwahrscheinlichkeit wurde von allen Diensten mit 90 Prozent ausgewiesen. Warum stellte sich das letztlich als heiße Luft heraus? 

Franz-Josef Molé: Für Hamm wurden am Dienstag keine Unwetterwarnungen ausgegeben. Am Vortag wurde eine Vorabinformation mit Hinweis auf die Unsicherheit der Vorhersage ausgegeben. Am Dienstagmorgen wurde die Vorabinformation aktualisiert, wobei Hamm nicht mehr im möglicherweise betroffenen Bereich lag.

Unwetter in Hamm 

Warnungen immer öfter verbreitet

In der jüngeren Vergangenheit warnen der DWD und andere Wetterdienste dem Anschein nach immer öfter und immer strenger von möglichen Unwetterszenarien – die natürlich aktuell auch von WA.de aufgegriffen werden. Worauf beruht diese Entwicklung? Weil in der Vergangenheit manchmal zu wenig gewarnt wurde?

Molé: Dieser Eindruck kann meiner Ansicht nach nur auf nicht zutreffende Warnungen in der jüngsten Vergangenheit basieren. Der Vergleich der Gewitterwarnungen mit tatsächlich eingetretenen Gewittern zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Die falschen Alarme konnten seit 2013 deutlich reduziert werden.

Vorhersagbarkeit äußerst schwierig

Die Leser nehmen solche Nachrichten als „Falschnachrichten“ wahr und reagieren oft entsprechend hämisch. Freibäder und Freiluft-Veranstaltungen werden deshalb oft gemieden, oder sie werden sogar aus Vorsicht – aber letztlich vermeidbar – abgesagt. Wo liegen die Probleme bei den Prognosen? Warum liegen die Experten so häufig – zumindest gefühlt – daneben?

Molé: Die Vorhersagbarkeit von Gewittern ist in der Regel äußerst schwierig, da diese sich chaotisch wie Blasen in einem Kochtopf verhalten. Das heißt, sie bilden sich abhängig von den auslösenden Eigenschaften – ausreichend hohe Temperatur, Feuchtigkeit und genügend starke Aufwinde – innerhalb von kurzer Zeit an nicht exakt vorhersehbaren Orten „aus heiterem Himmel“. Stellen sich die auslösenden Eigenschaften ein, kann sich innerhalb von nur 30 Minuten ein schweres Unwetter bilden; reichen die Eigenschaften nicht aus, bleibt der Himmel blau.

Wetter-Statistik: Hammer leben auf der Sonnenseite

Gut vorhersagen lassen sich Gewitter, wenn die Bedingungen dafür verbreitet vorhanden sein werden – wie zum Beispiel an Schlechtwetterfronten. Verhalten sie sich aber wie die Blasen in einem Kochtopf, dann kann bei möglichen unwetterartigen Gewittern nur ein grober Bereich vorab gewarnt werden, wenn man nicht warten will, bis das Unwetter schon eingetreten ist.

Schäden nach Unwetter mit Starkregen in Hamm

Meteorologie bringt Fehlprognosen mit sich

Weil Unwetter trotz (oder vielmehr wegen) dieser frühzeitigen Warnungen oft nicht eintreten, stellen immer wieder Leser die Glaubwürdigkeit unserer Berichterstattung infrage – Stichwort „Viel Lärm um nichts“. Andererseits wollen wir natürlich auch Vorwürfen vermeiden, dass nicht gewarnt wurde. Werden Vorwürfe dieser Art auch an Sie herangetragen? 

Molé: Auch vor laufender Kamera werden gleiche Fragen gestellt und können in der Regel so beantwortet werden, dass die Ausgabe der Warnungen nachvollziehbar ist. Intern gibt es die Verifikation, die über die Jahre auch zu einer besseren Qualität der Warnungen beiträgt. Insofern bin ich auch, was die Glaubwürdigkeit anbelangt, optimistisch, dass es sich nur um einen aktuellen Eindruck handelt. Fehlvorhersagen können äußerst ärgerlich sein. Das bringt die Meteorologie aber leider mit sich, und das wissen auch regelmäßige Nutzer der Warnungen wie Hoch- und Tiefbau, Landwirte, Großveranstalter und Katastrophenschützer. Insgesamt haben wir aber langjährige und sehr gute Kontakte mit zufriedenen Nutzern.

Das Wetter in Hamm seit 1981 - Blick in den Klimaatlas NRW

"Warnwetter"-App des DWD empfehlenswert

Wie eindeutig müssen Wetter-Indizien sein, damit überörtliche Warn-Apps wie „Nina“ in NRW diese übernehmen und die Menschen in den Regionen warnen? Denn das geschieht ja nicht bei jeder „Unwetterwarnung“...

Molé: Über „Nina“ und „KatWARN“ werden amtliche Unwetterwarnungen des DWD bereits verbreitet. Auch über Nina können Unwetterwarnungen bereits übermittelt werden. Als eine der besten Möglichkeiten, sich über aktuelle und zukünftige Wettergefahren für beliebige Orte zu informieren, kann ich die „Warnwetter“-App des DWD mit bestem Gewissen empfehlen.

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