Damenbinden und Gewürze

Unverpacktes auf dem Markt: Zwei nachhaltig engagierte Frauen bieten eine Fülle an Ideen an

Ein Herz für die Welt: Jutta Brinkmann-Ahleff (links) und Wibke Logan betreiben die „Befüll-Bar“.
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Ein Herz für die Welt: Jutta Brinkmann-Ahleff (links) und Wibke Logan betreiben die „Befüll-Bar“.

Der Hammer Wochenmarkt ist ab dem 24. April um eine Attraktion reicher: Wibke Logan und Jutta Brinkmann-Ahleff parken ihre „Befüll-Bar“ dann erstmals im Schatten der Pauluskirche. „Wir wollen endlich loslegen. Je länger wir warten, desto mehr Ideen haben wir“, sagt Logan und lacht.

Hamm – Beim Betrachten des kunterbunten Sortiments bekommt man eine Ahnung davon, was sie meint: Unverpackte Lebensmittel, Gewürze, Schokolade und Tee sind ebenso vertreten wie selbsthergestellte Zero-Waste-Produkte wie Abschminkpads oder Damenhygieneartikel.

Es gibt Handarbeiten, Eier aus eigener Haltung, im eigenen Garten angebaute saisonale alte Gemüsesorten, Badezusätze und andere Produkte der Firma Sauberkunst und vieles mehr. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, sollte Zeit einplanen. Gern erklären die beiden Frauen, was es mit ihrer Angebotspalette auf sich hat. „Im Prinzip geht es darum, zu zeigen, dass man schon mit kleinen Sachen helfen kann, die Welt ein bisschen besser zu machen“, formuliert Wibke Logan das Grundanliegen. Und die Freundin fügt hinzu. „Das Projekt ist eine echte Herzensangelegenheit.“ Zusammen wollen sie ihre Kunden zu Müllvermeidung, Wiederverwertungen und dem Kauf ökologisch wie biologisch produzierter Lebensmittel animieren.

Familienenbetrieb: Biologische Schweinezucht

Kennengelernt haben sich die beiden Mütter von je drei Kindern vor ein paar Jahren über die Waldorfschule. Man bastelte für den jährlich stattfindenden Schul-Basar und stellte fest, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. Wibke Logan (39) ging einst der Liebe wegen für zehn Jahre nach Schottland, lebte und studierte in Glasgow und merkte bald, dass sie in ihrem Herzen ein Kind vom Lande ist. Als sich die Option auftat, das Elternhaus in Osterflierich zu übernehmen, das sich seit fünf Generationen in Familienbesitz befindet, musste sie nicht lange überlegen und zog mit Ehemann David zurück in die alte Heimat. Die Kinder Hannah (8), Madita (11) und Joshuah (16) machen den Hausstand komplett. Heute arbeitet die Grafikdesignerin als Küsterin in Drechen. Auf ihrem Hof unterhält sie mittlerweile eine kleine Menagerie: Hasen, Hühner und Schafe hielten Einzug. Und: Laufenten. Die hat sie gemeinsam mit Jutta Brinkmann-Ahleff angeschafft.

„Wir gärtnern biologisch, und Laufenten fressen Schnecken. Als ein Arbeitkollege sechs Enten abzugeben hatte, haben wir uns die geteilt: Bei uns hier auf dem Hof haben wir vier und zwei sind bei den Logans zuhause“, erzählt Brinkmann-Ahleff. Die 49-Jährige arbeitet als Krankenschwester und auf dem Hof in Werl-Hilbeck, den sie mit ihrer Familie bewirtschaftet, werden Schweine gezüchtet. „Gerade stellen wir den ersten Stall um auf Bio-Produktion“, erzählt sie. Sohn Lennard (22) hat das Projekt initiiert und setzt es jetzt zusammen mit Freunden um. Der junge Landwirt will den Hof später einmal übernehmen.

Selbstversorger und Unverpacktladen

Vor allem die eigenen Kinder hätten sie intensiv mit Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Wegwerfgesellschaft in Berührung gebracht, berichten die beiden Frauen, die sich so weit es geht selbstversorgen, sogar Wolle selbst produzieren. „Unsere Wegwerfgesellschaft ist das Schlimmste überhaupt“, sind sich die beiden einig und wollen etwas dagegen unternehmen. Gekommen ist ihnen die Idee beim gemeinsamen Handarbeiten. „Wir wollten mal etwas anderes ausprobieren. Wenn man für die Waldorfschule werkelt, gilt es da ja Regeln zu beachten. Filzpuppen dürfen zum Beispiel keine Gesichter haben. Ich wollte mal was anderes ausprobieren, auch weg von den Naturtönen“, erinnert sich Logan.

So entstand immer mehr Ware, die nicht für den Waldorf-Basar geeignet war. „Unsere Familien und Freunde waren schnell versorgt, also mussten wir uns etwas einfallen lassen“, erinnert sich Brinkmann-Ahleff, für die Gärtner und Handarbeiten weniger Arbeit denn größtmögliche Entspannung bedeutet. Ein Gedankenspiel gab das andere und weil beide einen Unverpacktladen in der Nähe vermissten, beschlossen sie, basierend auf diesem Modell ein Nebengeschäft aufzubauen. Denn so viel steht fest: Beide lieben ihre Jobs und wollen nicht die Branche wechseln, sondern zum Umdenken anregen.

Auf der Suche nach der Herkunft von Lebensmitteln

„Klar wollen wir damit auch Geld verdienen, aber wir wissen, dass wir damit nicht reich werden“, konstatiert Brinkmann-Ahleff. Die beiden Frauen haben selbst in einschlägigen Läden erstaunt auf manche hohe Preise reagiert. So sie Einfluss nehmen können, wollen sie die Preise ihrer Waren moderat halten. Aktuell führen sie Gespräche, haben Kontakt zur Genossenschaft aufgenommen, um regionale Kooperationspartner zu finden. Leicht sei es nicht und die Resonanz bislang mäßig, fasst Brinkmann-Ahleff das bisherige Ergebnis zusammen. „Dabei wird es vielen Menschen immer wichtiger, nachzufragen, woher ihre Lebensmittel stammen.“ Bohnen, Linsen, Chiasamen, Roggenkörner und Co. in Demeter-Qualität aus einem anderen Land zu beziehen, sei viel einfacher, aber ob des langen Reiseweges nicht ideal.

Wenn die Befüll-Bar in den kommenden Monaten beispielsweise Kartoffeln anbietet, dann stammen die vermutlich aus dem Anbaugebiet von Laurenz Ahleff. Der junge Mann, er ist tatsächlich erst elf Jahre alt, bearbeitet ein eigenes Stück Ackerfläche mit alten Maschinen und baut traditionelle Sorten an. Startet er den Traktor, sitzen Hannah und Madita Logan rechts und links von ihm und fahren mit. Die Landliebe ist den Kindern beider Familien in die Wiege gelegt worden. Nicht alle machen aus der Leidenschaft ihren Beruf. Cedric Ahleff (19) beispielsweise hat sich, wie seine Mutter, für den sozialen Bereich entschieden. Aber unabhängig davon unterstützen alle Kinder das Projekt ihrer Mütter nach Kräften.

Landwirt von Nachhaltigkeits-Konzept überzeugt

Besonders dankbar sind die Frauen Landwirt Heinz Viertmann, der ebenfalls auf dem Hammer Markt steht und in Hilbeck zuhause ist: „Wenn er nicht wäre, hätten wir immer noch keinen Marktwagen und würden vermutlich noch ein weiteres Jahr von einem Bauwagen träumen.“ Viertmann gefällt die Idee der Befüll-Bar und so machte er kurzen Prozess und stellte den Frauen für den Anfang einen seiner alten Marktwagen zur Verfügung.

Die Befüll-Bar-Gründerinnen wissen, dass viel Aufklärungsarbeit auf sie zukommt. „Es ist erstaunlich, wie viele die Unverpackt-Idee nicht kennen und nicht wissen, wie es funktioniert“, stellen die beiden fest. Dabei ist alles ganz einfach: Wer kein Behältnis mitbringt, kann am Stand eines kaufen oder mieten – es gibt Gläser, Dosen, Beutel. „Wir müssen nun herausfinden, was wirklich gefragt ist. Was wir verkaufen, müssen wir nachproduzieren, auch da wird sich zeigen, ob es funktioniert“, freuen sich die Gründerinnen auf eine spannende Zeit. Online-Versand kommt für beide nicht in Frage: Das Modell lebe vom Gespräch und den Fragen der Kunden.

Marktzeiten

Die „Befüll-Bar“ steht ab dem 23. April jeden Freitag von 14 bis 18 Uhr auf dem Mühlenfeldmarkt Viertmann in Hilbeck. Ab dem 24. April dann auch jeden Samstag von 8 bis 13.30 Uhr auf dem Wochenmarkt in Hamm an der Pauluskirche.

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