Hammer Bahnhofsviertel

Wieder Leben in der Bude: Junges Unternehmen genießt einen fast schon aufgegebenen Standort

Ausprobieren als Pflichtmethode: Apostolos Giantsios führt das Unternehmen an.
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Ausprobieren als Pflichtmethode: Apostolos Giantsios führt das Unternehmen an.

Viele Hammer erklären das Bahnhofsviertel für tot. Aber es gibt auch jene, die an die Zukunft des Quartiers glauben und diese aktiv mitgestalten. Sucht man sie, findet man einige seit Dezember in der Luisenstraße Nummer eins, direkt über Herlitz.

Hamm – Wer die Räume von ILP (steht für „I love Products”) betritt, findet sich in einem Büro 4.0, also einem Arbeitsplatz der Zukunft wieder. Vorbei die Zeiten von Verrichtungsboxen und Legebatterie-Charme. Eine große Küche verführt zum kulinarischen Get-together, bei dem auf dem Flipchart Geistesblitze festgehalten werden können. Auf Sitzsäcken kann man nach Dienstschluss die Gedanken auf eine Getränkelänge kreisen lassen oder einfach gemeinsam ein Fußballspiel schauen.

„Beim Kopf durch die Wand gewinnt die Wand (Merkel)” und „Wenn du mit allen im Raum einer Meinung bist, dann bist du im falschen Raum” hat jemand mit Kreide auf eine Schiefertafelwand geschrieben. An einer Tür prangt das Schild „Schlafzimmer” – drin stehen zwei Klapp-Couches, auf denen es sich wunderbar mit dem Laptop lümmeln lässt. Es gibt Fenster mit Aussicht. Und im mit rund 20 Arbeitsplätzen eher kleinen Großraumbüro wächst Kunstgras.

Kunstgras wächst im Großraumbüro

Dass Alexa verkündet „Sie haben einen Besucher” kommt eher selten vor. „Es gehen auch wenig Telefonate ein, sonst wäre eine Großraum-Lösung für uns gar nicht machbar”, sagt Apostolos Giantsios, der sich mit dem Zevener Kim Jan Moritz die Geschäftsführung teilt.

Mit seinen 39 Jahren zählt der Soester schon zu den ältesten Semestern des E-Commerce-Unternehmens, das aktuell rund 500 Produkte in acht Produktlinien online transeuropäisch vermarktet. Vorzugsweise via Amazon. Aber auch im stationären Handel kann das Portfolio der ILP-Produkte gefunden werden. „Bei Amazon Deutschland zählen wir heute bereits zu den 80 stärksten Sellern”, erläutert Giantsios, der gemeinsam mit seinem Team zum Sprung über den großen Teich ansetzt und auch den amerikanischen Markt erobern möchte.

Bunter Bauchladen für Konsumfreudige

ILP ist eine Schwesterngesellschaft der „p:os handels GmbH” von Andreas Osterhoff und Stefan Schumacher und wurde 2015 auch im gleichen Haus an der Ostenallee gegründet. Damals zunächst orientiert am Segment Getränke, wandelte sich das Profil schnell hin zum bunten Bauchladen für Konsumfreudige. Das Team ist von damals drei Mitarbeitern auf 17 angewachsen. Aktuell sind einige weitere Stellen ausgeschrieben. „Wir werden uns demnächst auch die Etage über uns sichern, indem wir sie anmieten”, erklärt Giantsios. Die Zeichen stehen auf Expansionskurs.

Aber was genau passiert eigentlich bei ILP und wie gestaltet sich das Kerngeschäft? „Wir können das Rad nicht neu erfinden. Ein Beispiel: Wir haben die Marke ,Hinrichs’ kreiert, unter der wir Werkzeuge anbieten. Beispielsweise einen Tacker. Tacker gibt es bereits. Aber wir lesen aufmerksam Rezensionen zu Produkten anderer Hersteller, hören hin, wenn es Verbesserungsvorschläge gibt und tüfteln dann mit unserem Partner an einer besseren Version des Produktes”, erklärt Giantsios. Unter dem Emblem „Moritz & Moritz” beispielsweise findet sich vom Schieferbrettchen für Sushi bis hin zum Geschirr-Set im dänisch-trendigen Design vieles, was Speisen und Zubereiten zum Erlebnis macht. Besonders stolz ist das ILP-Team auf die Holz-Spielzeug-Reihe „Hej Lønne”.

„Unsere schöne eigene Design-Welt entwickelt sich über einen langen Zeitraum. Bei Hej Lønne wurde mit viel Liebe zum Detail dafür gesorgt, dass jede einzelne Figur ihre eigene Geschichte bekommt. Entsprechend wurden die Verpackungen angepasst, sodass alles ein stimmiges Gesamtbild ergibt”, erläutert Giantsios im „Showroom”, wo auf Tischen und Regalen Prototypen positioniert sind.

Die Jüngsten können die ärgsten Kritiker sein

Als Vater zweier Kinder weiß er, dass die Jüngsten die ärgsten Kritiker sein können und unterzieht Produkte gerne dem Alltagstest. Ob ein Stapelturm in den Verkauf geht, entscheiden nicht Produktentwickler, sondern Knirpse.

Jede Marke soll den Zielgruppen die Möglichkeit geben, sich damit zu identifizieren. „Bei der Entwicklung verlassen wir uns auf unser Bauchgefühl. Das funktioniert gut. Einmal haben wir nicht darauf gehört: Wir haben für die Hochzeitsmarke ,WeddingTree’ Rosenblätter aufgelegt. Brauchen Sie vielleicht noch Seidenrosenblätter? Wir hätten da noch ein paar übrig.” Giantsios lacht.

Einrichtung selbst zusammengeschraubt

Auf Humor und ein gutes Teamplay legt man bei ILP viel wert. „Jetzt haben wir hier diese Wahnsinnsküche und konnten bislang nicht einmal eine Einweihungsparty feiern”, bedauert er und fügt schnell hinzu: „Aber das werden wir nachholen. Und darauf freuen wir uns schon jetzt.” Das gemütliche Interieur haben die Mitarbeiter selbst zusammengestellt, zusammengeschraubt und aufgebaut. „Nun müssen wir wohl noch einige weitere Wohnungen einrichten”, scherzt der Chef. Tatsächlich hat sich bereits mancher Gast erkundigt, wo ein derart gemütliches Reich zu bekommen sei.

Seit Dezember residiert ILP eher versteckt an der Luisenstraße. „Wir wollen zeigen, dass es uns gibt. Dass das Bahnhofsquartier ein Innovationsstandort ist. Wir setzen darauf, dass sich in 20 Metern Umfeld schon bald einiges bewegen wird. Allein schon von der Wiederbelebung der Kaufhof-Brache versprechen wir uns viel. Und die Nähe zum Bahnhof ist unbezahlbar”, ist Giantsios davon überzeugt, dass der fast schon aufgegebene Standort Zukunft hat.

„Vielleicht hat der Einzelhandel manche Entwicklung verschlafen“

Er kennt den Vorwurf, dass der Online-Handel den stationären Einzelhandel kannibalisiere: „Aber da gibt es immer zwei Seiten. Vielleicht ist es auch einfach so, dass der Einzelhandel manche Entwicklung zunächst verschlafen hat. Da musste erst Corona kommen, damit Konzepte wie ,Click & Collect’ oder ,Click & Meet’, die es schon länger gibt, tatsächlich umgesetzt wurden.”

Bei ILP will man sich nun erst einmal der Eroberung des amerikanischen Marktes widmen. Was in Deutschland funktioniert, sei nicht eins zu eins übertragbar: „Viele Produkte, die wir hier etablieren, funktionieren drüben nicht. Die Interessen und Trends sind andere – und drüben gibt es auch kein metrisches Maß. Man misst beispielsweise in Inch, also müsste unser Malerfließ für den dortigen Markt anders zugeschnitten werden”, schildert Giantsios kommende Herausforderungen. Gefragt, ob E-Commerce eine Branche ist, in der man alt werden kann, lacht er herzlich: „Das weiß ich noch nicht. Ich hoffe es. Wir werden es herausfinden.”

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