Streit um Sonntagsarbeit

Zu unbequem geworden? Call-Center-Betreiber will Betriebsrat in Hamm entlassen

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Seit dem 1. Juni 2017 ist die Invitel Unternehmensgruppe über ihre Marke Simon & Focken in Hamm mit ihrem Call-Center im Südring-Center beheimatet.

„Die Welt ein klein wenig besser machen“ – mit „seiner Lebens-Vision“ wirbt Burkhard Rieck als Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Invitel für seine Idee einer Führungskultur. Auch in Hamm ist Invitel tätig und unterhält das Callcenter „Simon & Focken“. Die Unternehmenskultur scheint vor Ort allerdings vergiftet zu sein: Alle fünf Betriebsratsmitglieder sollen entlassen werden.

Hamm - Geschäftsführer Rieck spricht von einem „Verstoß gegen die vertrauensvolle Zusammenarbeit und firmenschädigen Verhalten“, die Gewerkschaft Verdi von einem schweren Fall von Behinderung der Betriebsratsarbeit. Die Fronten sind verhärtet. Konkret geht es um Feiertagsarbeit, Entlastungstage und finanziellen Ausgleich.

Im Südringcenter betreibt „Simon & Focken“ ein Callcenter. Auf 1000 Quadratmetern Fläche sind rund 75 Mitarbeiter beschäftigt, sie betreuen ausschließlich Projekte im Bereich der Wasser- und Energieversorgung. Auftraggeber sind beispielsweise Stadtwerke (nicht die Stadtwerke Hamm), die ihren Kundenservice nach Hamm leiten. In Hamm werden dann Adress- und Kontoänderungen oder Beratungen zu Tarifen vorgenommen.

Feiertagsarbeit der Streitpunkt

Nun sind gerade Feiertage beliebte Anrufertage mit einem erhöhten Anrufaufkommen. Folglich möchte die Invitel-Geschäftsführung, dass an diesen Tagen auch gearbeitet wird. Wer dann arbeitet, bekommt als Ausgleich einen freien Tag. Meistens ist das bei Invitel der Samstag – wobei die Mitarbeiter eine Sechs-Tage-Woche von Montag bis Samstag haben.

Dem von der Unternehmensführung vorgelegten Schichtplan für die Fronleichnamswoche stimmte der Betriebsrat nicht zu. Er hatte zur Bedingung gemacht, dass der freie Tag für die Feiertagsarbeit innerhalb von acht Wochen zwischen Montag und Freitag genommen werden soll. Zusätzlich sollte es erstmals einen finanziellen Ausgleich geben.

Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht

„Simon & Focken“ sah dafür keine Notwendigkeit. Die gesetzlichen Vorgaben zur Gewährung von Ersatzruhetagen würden vom Arbeitgeber stets eingehalten, schrieb Geschäftsführer Rieck auf Nachfrage unserer Zeitung. Auf alle anderen zusätzlichen Leistungen bestehe kein Rechtsanspruch. Zudem seien alle Mitarbeiter individualvertraglich verpflichtet, Sonn- und Feiertagsarbeit zu leisten.

Das Unternehmen wollte den Schichtplan auch ohne Zustimmung des Betriebsrates durchsetzen. Der Betriebsrat zog vor das Arbeitsgericht. Innerhalb von zwei Tagen wurde eine einstweilige Anordnung erwirkt, die die Feiertagsarbeit untersagte.

Verhandeln wollte der Arbeitgeber nun nicht mehr, stattdessen flatterte jedem Betriebsratsmitglied die Anhörung zur außerordentlichen Kündigung ins Haus.

Arbeitgeber fährt schwere Geschütze auf

„Der Arbeitgeber fühlte sich erpresst, weil der Betriebsrat von seinem Mitbestimmungsrecht Gebrauch machte und etwas für die Kollegen, die an diesem Tag arbeiten sollten, aushandeln wollte“, heißt es von der Gewerkschaft Verdi.

Nach Gewerkschafts-Angaben hatte die Geschäftsleitung während der Betriebsratssitzung und vor Gericht schwere Geschütze aufgefahren: Der Betriebsrat müsse für den wirtschaftlichen Schaden haften, wenn er dem Schichtplan nicht zustimmen würde.

Geschäftsführer fürchtet um Aufträge

Geschäftsführer Rieck sieht die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat zerstört. In seiner Stellungnahme an den WA heißt es: „Die Betriebsräte haben bewusst in Kauf genommen, dass dem Unternehmen durch die Schließung am 11. Juni ein erheblicher Schaden bis hin zu einer möglichen Kündigung von Aufträgen durch die betroffenen Auftraggeber droht“. Aus seiner Sicht habe der Betriebsrat die Drucksituation des Arbeitgebers ausgenutzt.

Weil Betriebsratsmitglieder einem besonderen Kündigungsschutz unterliegen, muss der Betriebsrat dieser zustimmen. Das hat der Betriebsrat nicht getan und sie zurückgewiesen. Weitere Schritte ist „Simon & Focken“ noch nicht gegangen. Die Kündigung schwebt inzwischen wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der fünf betroffenen Betriebsratsmitglieder.

Kein Anspruch auf Sonntagszuschlag

Die wenigsten Arbeitnehmer arbeiten gern an einem Sonntag. Arbeitgeber nutzen daher die Zuschläge für Sonntagsarbeit, um einen zusätzlichen Anreiz zu schaffen. Ein gesetzlicher Anspruch auf Zahlung eines Sonntagszuschlags besteht jedoch nicht. Im Arbeitszeitschutzgesetz ist geregelt, dass Arbeitnehmer, die an einem Sonntag beschäftigt werden, einen Ersatzruhetag haben müssen, der innerhalb eines den Beschäftigungstag einschließenden Zeitraums von zwei Wochen zu gewähren ist.

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