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Land unter extrem: Wenn heftiges Hochwasser Uentrop erreicht

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Von: Sabine Begett

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Land unter auf dem Campingplatz in Lütke-Uentrop: Beim Hochwasser im Juli 1965 bei Hamm standen Campingwagen und Zelte unter Wasser.
Land unter auf dem Campingplatz in Lütke-Uentrop: Beim Hochwasser im Juli 1965 standen Campingwagen und Zelte unter Wasser. Voran ging es nur noch mit dem Boot. © Stadtarchiv Hamm, Nachlass Karl Dotter

Die Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe im vergangenen Juli in West- und Mitteleuropa dauern an. Was wäre, wenn solche Regenfälle in Hamm runterkämen? Ältere Uentroper fühlen sich an den Sommer 1965 erinnert. Wie sicher sind die Menschen hier vor solchen Fluten?

Uentrop/Hamm – Die dramatischen Bilder der Überschwemmungen unter anderem im Ahrtal im Sommer des vergangenen Jahres ließen bei älteren Uentropern die Erinnerungen an den Juli 1965 wachen werden. Beim damaligen Hochwasser war Uentrop zwar betroffen, aber noch verhältnismäßig glimpflich davongekommen, während andere Teile Westfalens, Niedersachsens und Nordhessens Katastrophengebiete waren. Die Ursache war ein großes Unwetter, das 16 Menschenleben kostete und einen materiellen Schaden von einigen Hundert Millionen Deutsche Mark anrichtete. Könnte so etwas heute wieder passieren? Müssen sich die Uentroper Sorgen machen? Eine Spurensuche.

Am 16. Juli 1965 war es, „als durch urplötzlich einsetzende sintflutartige Wolkenbrüche die Wassermassen Täler in Seen und kleine Flüsse in reißende Ströme verwandelten“ (Westfälischer Anzeiger und Kurier vom 19. Juli 1965). 75.000 Menschen waren in höchster Gefahr.

Die Bilder damals waren ähnlich dramatisch wie 2021: Eingeschlossene Menschen, die teils auf Hausdächern ausharrten, mit Hubschraubern, Sturmbooten und Lkw gerettet werden mussten. Hunderte Tiere kamen in den Fluten um. Weite Landstriche waren mit einer zähen Schlammschicht bedeckt. Und schon damals wurde sich über Schaulustige beklagt, die die Rettungs- und Aufräumungsarbeiten behinderten.

Schloss Oberwerries in Hamm machte beim Hochwasser 1965 seiner Eigenschaft als Wasserschloss alle Ehre und wurde zum Katastrophengebiet erklärt.
Schloss Oberwerries machte beim Hochwasser 1965 seiner Eigenschaft als Wasserschloss alle Ehre und wurde zum Katastrophengebiet erklärt. © Stadtarchiv Hamm, Nachlass Karl Dotter


In Hamm hatte sich die Lippe zu einem reißenden Strom entwickelt. Eine mächtige Flutwelle erreichte die Lippe-Niederungen im Kreis Beckum, im Kreis Unna (zu dem damals auch noch Uentrop gehörte) und im Hammer Stadtgebiet. Schloss Oberwerries machte seiner Eigenschaft als Wasserschloss alle Ehre und wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Auch auf Schloss Heessen mussten die Keller leergepumpt werden. Das Wasser schoss dort mit 40 bis 50 Kilometern in der Stunde durch das Wehr. Ein Schleusentor wurde aus der Halterung gerissen. An der Fährstraße, die bereits gegen Mittag gesperrt worden war, stieg das Wasser innerhalb einer halben Stunde um 30 Zentimeter. Das Bootshaus wurde geräumt.

Extremes Hochwasser in Hamm-Uentrop

Das „Haus Haaren“ war rundum eingeschlossen. Der Besitzer weigerte sich allerdings, das Anwesen zu verlassen. Auf dem Campingplatz in Lütke-Uentrop waren Campingwagen, Häuser und Anlagen überflutet. Die Raiffeisenstraße im Uentroper Dorf stand unter Wasser. Großalarm bei der Brauerei Isenbeck, wo das Verwaltungsgebäude und der Schalander bis in Brusthöhe unter Wasser standen.

Am Tag danach resümierten der damalige Oberstadtdirektor Dr. Hans Tigges (örtlicher Einsatzleiter des Katastrophenschutzes) und Stadtrat Dr. Gronwald: „Wir sind mit blauem Auge davongekommen.“ Und das, obwohl die Schäden erheblich waren.

Rückblick auf das Hochwasser 1965

Wetter24.de schrieb in einem Rückblick zu der damals besonderen Wetterlage: „Man kann sich das so vorstellen, als ob man einen voll aufgesogenen Schwamm über der entsprechenden Region ausdrückt. Es kam zu teils länger andauerndem, schauerartig verstärktem und gewittrigem Regen mit den entsprechenden extremen Mengen. Dabei konnten die bereits gesättigten Böden nach der niederschlagsreichen Vorwitterung das Wasser nicht mehr aufnehmen.“

Magdalenenflut im Jahr 1342 in Hamm

Noch weitaus schlimmer dürften die Auswirkungen der Magdalenenflut im Jahre 1342 gewesen sein, die allem Anschein nach auch an Hamm nicht spurlos vorüberging. Bei Bauarbeiten an der Widumstraße stieß man 2020 auf einen Jahrhunderte alten Brunnen. Der damalige Grabungsleiter Thies Evers und der Hammer Historiker Günter Wiesendahl fanden Hinweise, die für ein verheerendes Hochwasserereignis sprechen.

An der Marker Dorfkirche entschlüsselte Wiesendahl eine Hochwassermarke in 1,40 Meter Höhe über dem Kirchenboden. „Rechnet man die späteren Aufschüttungen in der Stadt heraus, dürfte das Wasser auf dem Marktplatz damals etwa drei Meter hoch gestanden haben“, meinte Wiesendahl.

Hochwasserschutz in Hamm

Und heutzutage? Extreme Wetterphänomene häufen sich. Auf „Das kommt alle hundert Jahre mal vor“ kann man sich mittlerweile nicht mehr verlassen. Trotzdem: Ein Hochwasser wie 1342 wird Hamm wohl so schnell nicht mehr treffen. Aber auch ein Szenario wie 1965 sollte der Vergangenheit angehören. Vielleicht nicht ein solches Unwetter, aber doch dessen Auswirkungen.

Denn dafür arbeiten die Emschergenossenschaft und der Lippeverband (EGLV) sowie die Stadt Hamm eng zusammen. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, die 2000 in Kraft trat, fordert eine ganzheitliche Betrachtung, um alle Gewässer der Mitgliedsstaaten der EU bis 2027 in einen „guten Zustand“ zu versetzen. Dies bedeutet, dass man dort die Fische, Kleinlebewesen und Pflanzenarten findet, die natürlicherweise in nahezu unbeeinträchtigten Gewässern leben. Von dieser Forderung profitiert die Lippe – von ihrer Quelle in Bad Lippspringe bis zur Mündung bei Wesel, wo sie in den Rhein fließt.

Renaturierung der Lippe in Hamm

Wie soll dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden? Zuallererst ist eine Abwasserbehandlung nach dem aktuellen Stand der Technik vonnöten. Dafür wurden in den vergangenen Jahrzehnten die Kläranlagen ausgebaut und modernisiert. Entscheidend ist vor allem die Verbesserung der Gewässerstrukturen.

Die Lippe ist ein sogenannter „Tieflandfluss“, das heißt, sie ist von Natur aus breit und flach. In den 1950er bis 70er Jahren wurden allerdings in der irrigen Annahme, eine Beschleunigung der Fließgeschwindigkeit diene dem Hochwasserschutz, die Ufer der Lippe befestigt und der Verlauf begradigt. Eine eigendynamische Entwicklung des Flusses und Ausweichflächen in Form von Auen wurde damit jedoch verhindert und die Lippe grub sich stattdessen immer tiefer in den Untergrund. Das hatte zur Folge, dass die Lippe immer schneller floss und Leben im Wasser eigentlich gar nicht mehr stattfand. Vielmehr sah der Fluss unter der Wasseroberfläche ausgesprochen öde und leblos aus.

„Lebendige Lippe“ in Hamm

Das Programm „Lebendige Lippe“ soll dem längsten Fluss NRWs seine Natürlichkeit zurückgeben. Seit den 1990ern läuft die Renaturierung, bei der die Uferbefestigungen zurückgebaut, das Ufer „entfesselt“ wird. Vielfach ist auch die Anhebung der Sohle möglich. Damit erhält die Lippe verlorenen Raum zurück, wodurch sie sich „möglichst eigendynamisch entwickeln und mit ihrer Aue vernetzen“ kann.

Diese Bemühungen zeigen bereits Erfolge, wie die ELGV berichtet: In den vergangenen Jahren seien wieder über vierzig Fischarten in der Lippe heimisch geworden. Die Rückkehr der Storchenpaare in die Lippeauen ist ein weiterer Beweis der erfolgreichen Teil-Renaturierung. In den zeitweise überfluteten Fluss-Auen-Gebieten siedelten sich wieder standorttypische Tier- und Pflanzenarten an. Bis die Lippe von der Quelle bis zur Mündung allerdings in den angestrebten „guten Zustand“ versetzt ist, wird noch einige Zeit vergehen.

Risikokarten für Hamm zeigen Grad der Gefährdung

Wer sich über das Risiko einer Überschwemmung informieren möchte, für den hat die Bezirksregierung Arnsberg Gefahrenkarten im Internet einsehbar gemacht. Dort lässt sich ablesen, dass die Hammer selbst bei extremen Hochwassersituationen mit der niedrigsten Wahrscheinlichkeit im großen und ganzen glimpflich davonkämen.

Seit den 1990er-Jahren wurde nicht nur die Lippe durch den Lippeverband renaturiert. Auch die Zuflüsse zur Lippe wie Ahse, Enniger Bach, Geithe oder Munnebach wurden und werden noch von der Stadt Hamm renaturiert. Daniela Müller vom Tiefbau- und Grünflächenamt und ihre Mitarbeiter führen diese Renaturierungen in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt durch.

Abfluss für das Uentroper Dorf: Daniela Müller, Sachgebietsleiterin Wasserwirtschaft bei der Stadt Hamm, steht vor der Unterführung Lippestraße zwischen Dorf und Kläranlage.
Mächtiger Abfluss für das Uentroper Dorf: Daniela Müller, Sachgebietsleiterin Wasserwirtschaft bei der Stadt Hamm, steht vor der Unterführung Lippestraße zwischen Dorf und Kläranlage. Was wie eine Schwachstelle im Straßendamm aussieht, von wo Hochwasser der Lippe in Richtung Dorf fließen könnte, ist das Gegenteil. Hier fließt Wasser ab. © Sabine Begett

Diese Risikokarten sind demnach Teil ihrer täglichen Arbeit. Ganz nebenbei hat Müller seit vielen Jahren ein besonderes Faible für Wetterphänomene und deren Auswirkungen. Sie erläutert: „Wenn es so stark regnet, dass das Lippehochwasser noch höher steigt als auf dieser Extrem-Gefahren-Karte abgebildet, dann wäre flächendeckend ‚Land unter‘. Das wäre der Katastrophenfall schlechthin, gegen den sich kaum Vorsorge treffen lässt. Da hilft dann nur noch die Flucht.“

Was passiert aber, wenn im Bereich der Lippe auch andere Gewässer wie der Munnebach am Haus Uentrop wesentlich mehr Wasser als üblich führten? „Die Lippe würde den Bach einfach mit vereinnahmen. Aber auch das ist in dieser Karte bereits mit eingerechnet.“

Abfluss für das Uentroper Dorf

Die Sorge, dass der Durchlass von der Uentroper Dorfstraße zur Kläranlage wie ein Loch im „Deich“ der etwas höheren Lippestraße wirken würde, sei unbegründet. Die Lippe ergieße sich, soweit vorhersehbar, in Richtung ihrer Auen. Sollte die Dorfstraße unter Wasser stehen, könne dieser Durchlass demnach eher als Abfluss dienen.

Eine Katastrophe wie im Ahrtal sollte den Hammern so erspart bleiben. Es hat manchmal auch Vorteile, auf dem platten Land zu wohnen.

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