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32 Jahre „Netzbauer“: Pfarrer Pothmann verabschiedet sich vom Hammer Osten

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Von: Torsten Haarmann

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Klaus-Martin Pothmann verabschiedet sich nach rund 32 Jahren als Pfarrer in Hamm-Osten von der evangelischen Kirchengemeinde Mark-Westtünnen
Zurück im Bodelschwingh-Haus: Klaus-Martin Pothmann verabschiedet sich auf dem Bild dort, wo er vor rund 32 Jahren als Pfarrer anfing: in Hamm-Osten. In der Zeit hat sich viel verändert. Zum Beispiel begleitete Labradorhündin Senkel ihn zu Terminen und begrüßte die Menschen vertraut schnüffelnd – ungewöhnlich für Orte wie die Kirche. Pfarrer Pothmann hat der Gemeinde neue Wege eröffnet. © Haarmann

Er hat sich als „Netzbauer“ bezeichnet, zweitweise auch als „Netzflicker“. Pfarrer Klaus-Martin Pothmann nimmt Abschied vom Hammer Osten.

Mark/Westtünnen – Das Foto ging um die Welt. Diverse Medien griffen auf das Bild zurück: Ein Pfarrer, der trotz Corona-Lockdown die Kirche auf eindrucksvolle und kreative Weise voll hatte. Klaus-Martin Pothmann stand im April 2020 mit ausgebreiteten Armen inmitten der Pankratiuskirche. Auf den Bänken hinter ihm ausgedruckte Fotos von Gemeindegliedern, stellvertretend für sie, weil sie nicht kommen durften. Auf der einen Seite der Ernst einer Pandemie, auf der anderen Seite die ungewöhnliche Bilderaktion, die Erheiterung war in einer düsteren Zeit. Pothmann weiß mit Kontrasten umzugehen.

Er bewies es in den vergangenen rund 32 Jahren als Pfarrer im Hammer Osten. Diese Zeit endet für ihn und für die Gemeinde am 29. Januar. Der 64-Jährige verabschiedet sich in den Ruhestand. Zuvor sprach er noch mit Torsten Haarmann über das, was ihn in der evangelischen Kirchengemeinde Mark-Westtünnen bewegte und weiterbewegt.

Sie gehen. Wie reagierte die Gemeinde auf Ihre Ankündigung?

Die erschreckendste Rückmeldung war, dass mir jemand sagte: „Ich dachte, Sie beerdigen mich noch.“ Ich musste antworten: „Dann müssen Sie sich aber beeilen.“ Zugegeben, makaber (lacht). Viele fragten aber auch, wie es weitergehe? Sie haben die Sorge, dass eine Lücke entsteht. Es gibt aber viele in der Gemeinde, die gemeinsam mit Pfarrerin Ulrike Kreutz und einer weiteren Person im interprofessionellen Team weitermachen. Sie werden es nur anders machen.

Und Sie selbst?

Der Abschiedsschmerz ist nicht so schlimm, wie ich ihn anfangs befürchtet habe. Ich merke, es ist die richtige Zeit, um zu gehen. In den zwei umliegenden Gemeinden fand der Wechsel inzwischen statt, und sie haben sich neu aufgestellt. Die Wechsel waren in der Vergangenheit doch sehr anstrengend.

Anstrengend wie Ihr Anfang in Hamm-Osten? Sie sagten mal, Sie wollten damals nicht lange bleiben. Sie blieben lange und gehen jetzt doch. Warum?

Wirklich, ich wollte nicht lange bleiben, weil ich Probleme mit meinem Vorgänger hatte, der in der Nähe wohnen blieb. Solche Querelen möchte ich mir und meinen Nachfolgern ersparen (lacht). Ich hatte meine Zeit. Danach ist es die Aufgabe der nächsten Generation, in Ruhe Gemeinde zu gestalten. Außerdem spielen persönliche Gründe eine Rolle. Meine Frau ist nach vielen Jahren als Pfarrerin im Krankenhaus und in Schulen im vorletzten Jahr als Pfarrerin in die Kirchengemeinden Möhnesee und Neuengeseke gewählt worden. Das erschien uns als Wink auch mit Blick auf meinen Ruhestand zu handeln. Ich hätte ja auch noch zwei Jahre mit viel Fahrerei weitermachen können.

Sie hatten Ihre Zeit? Zeit als Netzbauer und -flicker, wie Sie mal sagten.

Netze bestehen hauptsächlich aus Löchern. Man wird nicht alle Löcher geschlossen kriegen, sonst wäre es ja auch kein Netz mehr. (lacht) Die Frage war für mich, wie sehr die Kirchengemeinde innerhalb der Struktur eines Ortes oder Quartiers vernetzt ist.

Wie war und ist die Gemeinde vernetzt?

Ich stand für eine enge Vernetzung mit vielen sozialen und diakonischen Einrichtungen. Die haben im Laufe der Jahre immer wieder gewechselt. Wenn ich überlege, dass ich im Jahr 1991 mit der Erstaufnahmeeinrichtung für Aussiedler stark zu tun hatte. Da war so eine Idee der Vereine im Bezirk damals, „Der Zaun muss weg“, und es entstand ein interessantes Netzwerk, zu schauen, wie 40 .000 Menschen hier durchgingen und ein Miteinander entstand. In den vergangenen Jahren ging es darum, die Zentrale Unterbringungseinrichtung zu begleiten.

Und in der eigentlichen Gemeinde?

Eine lange Baustelle war die Vernetzung des Amalie-Sieveking-Hauses. Ich war Vorsitzender des Vereins Evangelisches Altenheim und damit auch Vorsitzender des Altenheims und damit für vieles verantwortlich. Mehrere Trägerwechsel, zuletzt zur Perthesstiftung, habe ich begleitet. Ich stand für viele Vernetzungen mit den Aktivitäten der Gemeinde, bis hin zum Kindergarten und zur Erlenbachschule. Das waren und sind tolle Geschichten. Ein Highlight waren die „Umas“ in der Wohngemeinschaft neben dem Amalie-Sieveking-Haus. Acht unbegleitete minderjährige Asylsuchende, kurz UMA, lebten dort mit den Senioren. Wir nannten das Projekt „UMA trifft Oma“, weil das Wortspiel so gut passte.

Menschen, die Netze auswerfen, geraten bekanntlich auch mal in Stürme. Welches waren die Herausforderungen für Sie?

Davon gab es mehrere. Das Netz ist viel größer geworden. Am Anfang war die Gemeindegrenze an der Knappenstraße und im Gemeindebezirk Hamm-Osten, wofür ich anfangs zuständig war, sogar an der Schützenstraße. Durch die Fusion mit Westtünnen sind 2011 die Grenzen deutlich verschoben worden. Das Kerngebiet Mark gibt es noch, aber nicht mehr mit der Abgrenzung zum Bereich Osten. Mein Vorgänger war sehr bemüht, daraus zwei Gemeinden zu machen. Das gelang ihm nicht. Gut ist, dass sich die Gemeinde inzwischen als eine Einheit versteht und die alten Grenzen der ehemals drei Bezirke aufgehoben sind.

Und der demografische Wandel?

Ich hatte in Hamm-Osten immer eine stabile Zahl an Gemeindegliedern. Durch die Neubaugebiete waren wir vor vielen Jahren landauf, landab die einzigen, die am Ende des Jahres mehr Gemeindeglieder hatten als am Anfang.

Am Einsparen kamen Sie aber nicht vorbei.

2004 musste die Landeskirche starke Einsparungen durchführen. Das ging auf Kosten der Gemeinden. Wir mussten rund ein Drittel unseres Haushaltes einsparen. Wir machten das Beste daraus. Damals sind die Gemeindebezirke Hamm-Osten und Mark enger zusammengekommen. Parallelstrukturen fielen weg, weil wir das Bodelschwingh-Haus als Gottesdienststelle aufgaben, das Gemeindezentrum aber mehr nutzten und das Paul-Gerhardt-Haus umbauten und teilweise vermieteten.

Im Fall der Fusion mit Westtünnen galt oder gilt es, Netze zu verbinden. Inwieweit ist das gelungen?

Ich habe den Eindruck, dass das heute nicht mehr die Frage ist. Die Lage auf Landes- und Kirchenkreisebene macht inzwischen noch größere Strukturen erforderlich, denn das Pfarrpersonal ist nicht mehr da, um Gemeinden einheitlich zu versorgen. Es braucht noch mehr Kooperation und Abstimmung miteinander. So wie Gemeinde vor fünf Jahren war, wird sie in fünf Jahren nicht mehr sein. Es braucht eine engere Verbindung mit den Gemeinden Emmaus, Trinitatis und Mark-Westtünnen. Sie werden sicher stärker eine Einheit bilden als bisher.

Was werden Sie vermissen?

Diese Netzgeschichten, auch wenn der Alltag durch sie schwieriger geworden ist. Wenn ich jemanden treffe, fällt mir sofort seine ganze Lebensgeschichte ein, bei jedem Einkauf, bei jedem Gang durch die Gemeinde. Die Distanz bekomme ich nicht hin. Die brauche ich aber. Das ist sonst Stress fürs Gehirn. In den 30 Jahren habe ich viele Menschen hier kennengelernt, verbinde mit diesen Geschichten und kann nicht nur über das Wetter reden.

Gehen Sie nun mit einem weinenden oder mit einem lachenden Auge?

Klar, auch mit einem weinenden Auge. Ich habe den Dienst meist gern getan, fühle mich mit den Menschen verbunden. Wenn ich dabei bei manchen bis in die finstersten Ecken schauen durfte, war das kein Abgrund, sondern ein Halt. Meine eigene Biografie verbindet sich mit dem Leben der anderen. So finde ich Vergleichspunkte und manchmal auch gegensätzliche Lebensgeschichten. Ich bin dadurch zufriedener. Ich habe Menschen in ihren persönlichen Katastrophen begleiten können. Einfach da sein, zuhören. Das bedeutet mir viel. Ich habe es genossen, mit den Menschen zu weinen und zu lachen.

Lachen und weinen genießen? Wie meinen Sie das?

Ich habe eine Ausbildung zum Gottesdienstcoach gemacht, um das eigene Verhalten bei Gottesdiensten genauer unter die Lupe zu nehmen, zu schauen, wie könnte es anders funktionieren, vom Theaterspielen über Musik bis hin zur Beschäftigung mit dem Sterben und dem Tod. In einem Jahr ging es intensiv um Bestattungsstrukturen. Daraus entwickelte sich ein Projekt mit dem Perthes-Haus und unseren Konfirmanden. Sie pflegten Gräber von ehemaligen Perthesbewohnern auf dem Friedhof. Da war ein Junge. Er strich über einen Grabstein, den er geputzt hatte, und sagte: „So Dieter, jetzt kannst du wieder in Ruhe liegen.“ (lacht) Das war so lustig und makaber und gleichzeitig so intensiv. Das sind Erlebnisse, die ich mitgenommen habe. Mit ihnen verbindet sich meine eigene Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Sterben und dem Tod.

Wie wichtig ist diese Auseinandersetzung?

Wenn ich Angst vor dem Sterben oder dem Tod habe, das im eigenen Leben nicht geklärt habe, sollte ich einen solchen Beruf nicht ausüben. Ich bin dankbar für die wirklich schwierigen Situationen, in denen ich Menschen begleiten konnte. Ich lebe ein Stück davon. Das Leben hat dadurch eine ziemliche Tiefe bekommen.

Tiefe reißt einen runter.

Einerseits, aber andererseits brauche ich den Abstand. Dann wirke ich manchmal lustiger, vielleicht auch oberflächlicher. Das war für mich ein Motiv für die Gottesdienste, dass ich dachte, die Menschen müssen mindestens ein- oder zweimal gelacht oder geschmunzelt haben, um den Abstand zu sich und den Problemen zu bekommen. Das beste Beispiel dafür ist die Osternacht, in der man seit Alters her Witze erzählt. Da hilft der Glauben an die Auferstehung ganz real im Alltag.

Also gehen sie auch mit einem lachenden Auge?

Ja, aber vor allem, weil ich jetzt freier sein kann. Das andere, was die Organisation einer Gemeinde angeht, war ja oft nicht so einfach zu steuern. Es erforderte letztlich viel Geduld und Beharrlichkeit und vor allem die Gewissheit, nicht allein am Werk zu sein. Ich konnte mich all die Jahre auf ein gutes Miteinander im Team der Mitarbeiter und mit der Leitung im Presbyterium verlassen. Auch da hilft das Lachen, wenn die Worte fehlen.

Wie gestalten Sie jetzt Ihr Leben?

Nach so viel Kopfarbeit sind die Hände dran. Ich habe angefangen das Treppenhaus in unserem Haus am Möhnesee zu renovieren. Dann kommt der Garten. Ich glaube, zwei Jahre brauche ich, um erst einmal anzukommen. Ich freue mich, mehr Zeit für meine Familie zu haben, für Radtouren, Ausflüge mit dem Hund, für Enkel und Hobbys.

Abschiedsgottesdienst in der Mark

Pfarrer Klaus-Martin Pothmann wird am Sonntag, 29. Januar, 15 Uhr, mit einem Gottesdienst offiziell in den Ruhestand verabschiedet – nicht in der Pankratiuskirche, sondern in der Schützenhalle Mark, Marker Dorfstraße 45. Sie bietet vor allem genügend Platz, damit sich die geladenen Gäste und die Gemeinde von ihm verabschieden können, und macht einen „wichtigen theologischen Aspekt“ deutlich.

„Die Kirche muss sich auf den Weg zu den Menschen machen“, sagt er, was er bewies mit den seit mehr als 20 Jahren in der Halle stattfindenden Hühnergottesdiensten und mit den Schützenfestgottesdiensten am Burghügel.

Abschied in der (Pankratius)Kirche gibt es zuvor, am Freitag, 27. Januar, um 19 Uhr mit einem kirchenmusikalischen Abschiedskonzert unter der Leitung von Kantor Heiko Held. Der Eintritt dazu ist frei. Am Ausgang wird um eine Spende zugunsten der renovierungsbedürftigen Orgel in der Stephanuskirche Westtünnen gebeten.

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