Bombensplitter färben Bäume in der Geithe blau

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Blaue Verfärbung im Holz deutet auf den Einschluss eines Bombensplitters hin. Bei der Durchforstung des Geithewaldes im November sind diese RVR-Revierleiter Oliver Stenzel-Franken aufgefallen.

Geithe - Nach der Durchforstung im Geithewald haben sich einige Baumstämme stellenweise auffällig blau verfärbt. Ursache sind Bombensplitter. Sie erinnern an den Bombenabwurf vor rund 72 Jahren.

In seiner Beschaulichkeit zieht der Geithewald täglich Erholungssuchende an. Kaum zu glauben, dass vor rund 72 Jahren dort für Augenblicke die Hölle herrschte. Kaum zu glauben auch, dass die ordentlich aufgeschichteten Holzstämme der jüngsten Durchforstung daran erinnerten. Einige der gefällten Bäume standen am Rande von Bombentrichtern. Bei der Explosion waren sie von metallenen Bombensplittern getroffen worden. Sie verblieben im Stamm, wurden unauffällig konserviert. Nach dem Fällen färbten sich die Wunden von einst aber tiefblau.

Zunächst tadellose Maserung

Als im vergangenen November der Forststützpunkt Ost des Regionalverbandes Ruhr (RVR) die Westgeithe durchforstete, lichteten die Arbeiter auch am Rande der verbliebenen und höchstwahrscheinlich bei einem Angriff auf Hamm im Jahr 1944 entstandenen Bombentrichtern. Diese sind teils zu kleinen Biotopen geworden. Die Stämme wurden zerlegt und aufgeschichtet. Sie zeigten eine tadellose Maserung des Holzes, dass so für die Möbel- oder Parkettherstellung taugte. „Ach du lieber Gott, stellte ich ein paar Tage später fest“, sagt RVR-Revierleiter Oliver Stenzel-Franken. Doch eigentlich kennt er das Phänomen. Dennoch überraschte es ihn. „Manchmal sieht man es sofort.“ Diesmal nicht.

Verfärbung ist ein Warnsignal

Die Erklärung ist einfach. Das Eisen – der Bombensplitter – reagiert mit der Gerbsäure der Eiche. Wenn die Gerbsäure zum Beispiel durch Regen ausgewaschen wird, kommt es zur blauen Verfärbung. Also erst dann, wenn der Baum gefällt worden ist. Das erklärt, dass es manchmal länger dauert, bis sich der Effekt einstellt. Bei der Eiche sei das immer so, sagt Stenzel-Franken. Es ist also keine faule Stelle, wie ein Laie vermuten könnte. Für Holzverarbeiter ist die Verfärbung ein Warnsignal.

Deutlich zu sehen: Durch Bombensplitter färbten sich einige Baumstämme blau.

So ein Holz ist kaum noch zu gebrauchen. „Das Blau geht durch den ganzen Stamm. Man weiß nicht, wo genau der Splitter ist. Wenn die Bandsäge auf ihn trifft, ist das Sägeblatt kaputt, und der Ersatz ist sehr teuer“, sagt der Revierleiter. So ein Holz wird aussortiert und ist aber noch für die Spanholzherstellung zu verwenden.

Wald war kein Angriffsziel für die amerikanischen Bomber 

Die Eichen in der Westgeithe sind zu einem großen Teil mehr als 100 Jahre alt. Ein Angriffsziel hatte der während des Zweiten Weltkriegs schon dichte Wald also nicht abgegeben. Vielmehr lassen die verbliebenen Bombentrichter auf Notabwürfe schließen, damit die Bomber leichter wurden, höher fliegen konnten und genügend Sprit für den Heimflug hatten. In alten Aufzeichnungen sind die Abwürfe in der Geithe nicht vermerkt. Doch vieles spricht dafür, dass die Bomben bei einem Angriff am 26. November 1944 fielen.

Heinz Juchmann erinnert sich

Heinz Juchmann war damals noch keine sechs Jahre alt, aber die Erinnerungen an den Sonntagmittag im Herbst haben sich tief eingebrannt. Dass es ein Sonntag war, weiß er, weil es etwas besonderes zu Essen geben sollte. Am Tisch Platz zu nehmen, schaffte die Familie aber nicht mehr.

Todbringende Fracht 

Heinz Juchmann befand sich draußen am Hof, der an der Langen Reihe war, unweit der heutigen Braamer Straße, damals Kaiserstraße. „Ich war immer aufgeregt, wenn Hamm sich am Abend rötlich färbte“, erinnert er sich an seine kindliche Faszination für die Ereignisse, die so weit weg von ihm die Hammer Innenstadt betrafen. Die todbringende Fracht blendete das Kind weitgehend aus. Als es dann mal die Kolonie in Werries traf, sei das für sie schon sehr nah gewesen. Diesmal war helllichter Tag.

"Aufgesprungen wie die Hasen"

Amerikanische Bomber flogen einen Angriff auf Hamm. Schwerpunkt war der Bereich östlich der Pauluskirche und der Hammer Osten. Dann stellte der junge Heinz Juchmann im Beisein von Nachbarn fest: „Die Flugzeuge kommen ja auf uns zu. Ich konnte sogar die Bomben sehen“, sagt er. „Die kommen ja immer näher, das sahen wir. Wir sind aufgesprungen wie die Hasen. Eine Nachbarin sagte dann, hier legen wir uns hin. Wir lagen noch nicht ganz, da schlugen die Bomben bei uns ein.“ Der Auswurf habe sie teils begraben. An einen seiner ersten, wenn auch absurden Gedanken, den er nach dem Freigraben hatte, kann er sich heute noch gut erinnern. „Als ich zu mir kam, war ich erstaunt, wie schnell die Amerikaner ein Feld umpflügen können.“

Elf Bombentrichter auf dem Grundstück

Ernsthaft verletzt wurde niemand – zumindest was Familie und Nachbarn betraf. Das Dach des Hauses der Juchmanns war leicht beschädigt, der Holzstall, wo auch die Kohlen lagerten, war bis zu Hälfte abgedeckt. „Elf Bombentrichter waren auf unserem Grundstück“, weiß er noch. Die wurden allerdings alsbald zugeschüttet. Im nahen Geithewald bestand dazu nicht die Notwendigkeit, weshalb sie dort heute noch zu sehen sind.

Die Bombentrichter sind bis heute im Geithewald zu sehen.

Sonntagsfestessen ungenießbar

Das Sonntagsessen der Juchmanns war übrigens voller Ruß und daher ungenießbar. „Wir waren alle wie in Trance. Den ganzen Tag haben wir nichts gegessen. Wir hatten alle auch keinen Hunger“, sagt Juchmann. „Das Schlimmste war für mich aber, dass vieles kaputt war.“

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