Das letzte Gebäude der Windsor Boys' School

Schon etwas skurril: Einstige Kirche wird zum Tempel für Autoschrauber

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Von der Empore der ehemaligen Kirche hat Mohamed Qari einen einzigartigen Überblick über seine Werkstatt. (Ein Klick rechts oben ins das Bild zeigt das komplette Motiv.)

Mark – Manche Autoliebhaber erwecken den Eindruck, ihr Fahrzeug sei ihnen heilig. Insofern ist die „Mietwerkstatt Hamm“ eine passende Adresse. Sie hat in der ehemaligen Kirche im Gewerbequartier Hohefeld eröffnet und damit im letzten verbliebenen Gebäude der einstigen Kaserne.

Schon als Kirche war das Gebäude schlicht gehalten. An die ursprüngliche Nutzung erinnern noch eine Empore und außen der kleine Kirchturm. „Ich möchte gern wissen, wie es hier früher aussah“, sagt Mohamed Qari, der sich versucht vorzustellen, wo einst Altar und Orgel gestanden haben könnten und wo der eigentliche Eingang war.

Als Kirche ist der heute gelb gestrichene Gewerbebau aus Ziegeln und dem großen Lkw-Tor an der Seite inmitten von Unternehmen auf den ersten Blick kaum zu erkennen. So erging es auch Qari. Als sich der 37-Jährige aus privatem und beruflichem Interesse einige Autos bei den Händlern im Gewerbequartier anschaute, entdeckte er am Herbert-Rust-Weg hinter der Feuer- und Rettungswache zufällig das Banner „zu vermieten“.

Das Türmchen erinnert daran, dass die heutige Werkstatt mal eine Kapelle war.

Bislang war dort der Hammer Wasserwerk-Service. Der Dienstleister hat aber den ehemaligen Standort der Baumschule Sennekamp am Zengerott im Stadtbezirk Rhynern übernommen und ist umgezogen. Das freigezogene Gebäude auf dem Hohefeld passte genau zu Qaris Vorstellungen von seiner Mietwerkstatt – seines Wissens „die erste in Hamm“.

"Bei einem Schrauber ist das so"

Auf die Idee kam der KFZ-Meister aus eigener, leidvoller Erfahrung. Eine große Familie hat viele Autos. Mal sind es die Bremsen, die erneuert werden müssen, mal die Reifen. Wer macht’s? Der Verwandte, der es gelernt hat. „Bei einem Schrauber ist das so“, sagt Qari. „Aber ein Auto darf man nicht auf der Straße reparieren und beim Arbeitgeber nur mein eigenes.“ Eine Mietwerkstatt wäre gut gewesen, gab es aber nicht. Also hat Qari sie eingerichtet. 

Viel Licht durch Kirchenfenster

Fünf Hebebühnen für Autos und zwei für Motorräder finden auf den insgesamt etwa 550 Quadratmetern reichlich Platz. Sie können für eine Stunde oder einen ganzen Tag angemietet werden. Die großen Kirchenfenster sorgen für viel Tageslicht. Wer kein eigenes Werkzeug hat, bucht komplett eingerichtete Werkzeugwagen hinzu oder auch manches mehr, wie einen kleinen Kran für den Motortausch. Ersatzteile können bestellt werden. Qari betreibt auch einen Online-Handel für Werkstatt-Bedarf. 

Und wer eine Frage hat: „Ich stehe mit Rat und Tat zu Seite“, sagt er. Aber eine klassische Reparaturwerkstatt biete er „weniger“. Zielgruppe sind der „Mann und auch die Frau“, die an ihrem Auto selbst arbeiten wollen, vor allem Schrauber und Oldtimer-Freunde, die keinen anderen an ihr wertvolles Fahrzeug lassen möchten, oder auch Sachverständige wie etwa Yahya El Osrouti, der mit dem Hammer Büro des Wuppertaler Unternehmens ETS von der Kleinen Werlstraße an den Herbert-Rust-Weg zieht.

"Perspektivisch" Arbeitsplätze schaffen

Qari wird die Mietwerkstatt zunächst allein betreiben und ist von morgens bis abends vor Ort. „Perspektivisch“, sagt er, „möchte ich aber weitere Arbeitsplätze schaffen.“

Von der Kaserne zum Internat und Gewerbequartier

Die Argonner Kaserne war 1938 fertiggestellt worden. Durch die Eingliederung der Gemeinde Mark nach Hamm kam sie 1939 als vierte Soldatenunterkunft der Stadt hinzu. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm sie die britische Armee, die sie 1953 in eine Schule umwandelte: Windsor School. 300 Töchter und Söhne britischer Soldaten lebten in dem Internat. Wenig später erhielt sie eine eigene Kirche. Sie wurde 1955 als Chapel of St. Boniface (St.-Bonifatius-Kapelle) geweiht. 

1959 verließen die Mädchen den Standort und kamen später in die Lippe-Kaserne am Alten Uentroper Weg. Die Newcastle Barracks wurden zur Windsor Girls' School, heute Zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge und Asylbewerber. In der an der Soester Straße verbliebenen Windsor Boys' School sanken die Schülerzahlen. Nach der Zusammenlegung beider Schulen Anfang der 1980er Jahre am Standort in der Mark kam 1983 das Aus.

Abriss der Argonner Kaserne an der Soester Straße

In den Folgejahren wurde die Kaserne in unterschiedlicher Weise genutzt. Die ehemaligen Unterkunftsgebäude dienten ab 1991 der Unterbringung von Aussiedlern und ab 1998 für Asylbewerber. Bis zum Sommer 2002 war in einem Gebäude eine Außenstelle der Realschule Mark untergebracht, bis die Konrad-Adenauer-Realschule eröffnet wurde. Den östlichen Bereich nutzte bis Ende 2003 das Technische Hilfswerk. 

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Mit dem Autohaus BMW und der Rettungs- und Feuerwache Ost, die 2010 in Betrieb ging, entstand das Gewerbequartier Hohefeld und verschwanden fast sämtliche Gebäude der Kaserne – das letzte vor zwei Jahren. Übriggeblieben ist nur die einstige Kapelle oder Kirche

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