Bundestrend bestätigt sich

Hammer Kleingärtnervereine immer jünger: Beispiel "Plackengrund"

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Erst im März haben Sylvia und Mario Schnabel mit ihrem Sohn Marius eine Parzelle in Werries übernommen. Sie nutzen jede Gelegenheit, die Zeit dort zu verbringen.

Werries – Marius ist erst fünf Jahre und mag „richtig viel Gemüse“. Die Tomaten im Garten gefallen ihm am besten – insbesondere, weil er sie selbst wachsen lassen, sich drum kümmern und sie ernten darf. Er ist einer der „Junggewächse“ des Kleingärtnervereins Im Plackengrund. Zusammen mit seinen Eltern und ihrer erwachten Leidenschaft fürs Gärtnern steht er für ein aktuelles Studienergebnis.

Demnach ist in großen Städten eine erhöhte Nachfrage nach Kleingärten festzustellen, die das dort vorhandene Angebot oft übersteigt. Zu Aussagen wie dieser ist das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung nach einer rund zweijährigen bundesweiten Untersuchung gekommen. „Das Kleingartenwesen verjüngt sich: Der Generationswechsel wird spürbarer“, heißt es. Nach einer Durststrecke stellen das auch die Kleingärtner aus Werries fest.

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„Immer mehr Junge zeigen Interesse"

„Vor etwa acht oder neun Jahren hatten wir kaum noch Nachfrage“, sagt Vorstandsmitglied Peter Heitmeier. „Zwei Bewerber kamen auf fünf freie Parzellen.“ In jüngster Zeit stellt er aber fest: „Immer mehr junge Menschen zeigen Interesse an einem Kleingarten.“ Sieben Familien mit kleineren Kindern seien dazugekommen – eine davon sind die Schnabels mit ihrem Sohn Marius, die unweit in einem Mehrfamilienhaus leben.

Was weckte ihr Interesse an einem Kleingarten? Wie war das früher? Antworten darauf gibt es am Plackengrund, wo die Kleingärtner jüngst das 40-Jährige ihrer Anlage feierten. Die Familie Schnabel übernahm im März eine der 84 rund 350 Quadratmeter großen Parzellen. „Es war eigentlich immer unser Wunsch“, sagt Sylvia Schnabel mit Blick auf Kindheitserinnerungen.

Marius soll Freizeit im Garten verbringen

An der Erfüllung wirkte Sohn Marius entscheidend mit. Seine Eltern wünschen das bewusste Leben mit der Natur statt Fernsehen und Spielkonsole im Kinderzimmer. „Er soll die Freizeit im Garten verbringen“, sagt sein Vater Mario und weiß, dass er den Jungen getrost auf der Anlage frei herumlaufen lassen kann. „Er soll in der Natur lernen.“ Das Gemüse komme nicht aus dem Supermarkt, solle er erfahren, und dass man sich kümmern müsse, um Essen zu bekommen. Den Eltern geht es also auch um Wertschätzung.

Bei der Vermittlung haben sie derzeit leichtes Spiel. „Er zeigt viel Interesse“, sagt er über den Sohn. „Wir wollen ihn nicht bremsen“, erklärt er angesichts des Eifers des Fünfjährigen beim ersten Ernten im Garten und bei der Gartenarbeit.

Karin und Karl-Heinz Hegel sind in Werries Kleingärtner der ersten Stunde und haben sich in den vergangenen 40 Jahren ein immer blühendes Paradies geschaffen.

„Wir haben super Nachbarn“

Der Kleingarten war sichtlich in die Jahre gekommen, als die Schnabels ihn im Frühjahr übernahmen. Viel Arbeit steht an. Erfahrung brachte der 40-jährige gelernte Bäcker aber nicht mit. „Ich muss das nach und nach lernen“, sagt er. Hilfe ist nicht weit. „Wir haben super Nachbarn. Die können wir fragen“, sagt seine Frau und lobt das Gemeinschaftsgefühl unter den Kleingärtnern.

Das Ehepaar ist berufstätig und genießt es, im Grün ihres Gartens zu „entschleunigen“. „Wenn ich von der Nachtschicht komme, kann ich hier runterkommen“, sagt der Bäcker.

Kleingärtner der ersten Stunde

Diese Erfahrung hat auch Karl-Heinz Hegel gemacht. Der 74-Jährige und seine 71-jährige Frau Karin sind im Plackengrund Kleingärtner der ersten Stunde. Als er noch Lokführer war, habe er sich nach der Nachtschicht zum Schlafen in die Laube des Gartens gelegt, sagt er.

Dass sich die Hegels vor 40 Jahren für einen Kleingarten entschieden, hatte sicherlich auch etwas mit einem bewussteren Leben und Umgang mit der Natur zu tun, wie bei der Familie Schnabel. Aber es lag offenbar vielmehr in ihrer Lebensgeschichte begründet. Karin Hegel hatte als Mädchen im „riesigen Garten“ des Elternhauses mitzuhelfen.

Selbstversorgung war in den Nachkriegsjahren erforderlich. „Ich war froh, als ich da weg war“, sagt sie. Nachdem sie ihren Mann kennengelernt hatte, kam der Wunsch auf, „dass wir etwas Gescheites zum Essen haben“ – also selbst dafür sorgen. Für ihren Mann offenbar kein Problem: „Schon als Kind habe ich einen Blumenfimmel gehabt“, sagt er.

Kleingärtnern ging Schwung verloren

Als noch keine Laube stand, baute das Gründungsmitglied schon die ersten Kartoffeln an. Er gehörte zu den rund ein Dutzend Kleingärtner, die die Grundplatten für die Häuschen gossen. Die drei Kinder wuchsen quasi in der Anlage auf, wo sie sich stets frei bewegen konnten. Ihr Vater wurde Fachberater, war das 25 Jahre im Bezirksverband und versammelte zu jeder Beratung zwischen 30 und 40 Kleingärtner im Vereinsheim.

„Dann wurden es aber immer weniger“, sagt er. „Vor etwa 20 Jahren war dann Schluss.“ Der ersten Generation von Kleingärtnern ging der Schwung verloren. Sie wurde älter. Die Kinder waren herausgewachsen, die einst gefragte Nikolausfeier erübrigte sich. Die Jugendgruppe verschwand. Gemeinsame Ausflüge und mehrere Veranstaltungen fanden nicht mehr statt. Zehn Gründungsmitglieder (Ehepaare) zählt der Verein heute noch. Zwischen 55 und 80 Jahre alt sei der „Mittelbau“ der Kleingärtner am Plackengrund, sagt Heitmeier.

Tendenz jünger werdend

Laut Untersuchung liegt das bundesweite Durchschnittsalter der Mitglieder bei 56 Jahren – Tendenz jünger werdend. Das bestätigt Karin Hegel. „Die Frauengruppe war auch überaltert“, sagt die Kleingärtnerin, die bis heute im Landesverband Westfalen und Lippe Beraterin für Frauen, Jugend und Familie ist. Aber sie sei „guter Hoffnung“, sagt sie. „Gott sei dank sind wieder jüngere Frauen da.“

Mit der Zeit scheint die Selbstversorgung im Kleingarten der Hegels eher zu einer schönen Nebensache geworden zu sein. Was der 74-Jährige mit „Blumenfimmel“ meint, zeigt sich in einer einzigartigen Sammlung von Gewächsen. „Der Garten ist so angelegt, dass er ganzjährig blüht“, sagt er. In dem Farben- und Blütenrausch fühlen sich auch Wildbienen, seltene Falter und Frösche wohl. Und das Schöne ist: „Er ist für mich nie eine Last gewesen“, sagt er. Nur seine Frau wendet ein: „Außer, wenn wir zu viel Obst und Gemüse gehabt haben. Dann musste verteilt werden – ein Luxusproblem, auf das die Familie Schnabel als neue Generation Kurs zu nehmen scheint.

Das ist der Kleingärtnerverein Im Plackengrund:

Der Kleingärtnerverein Im Plackengrund verfügt über 84 Parzellen mit jeweils rund 350 bis 400 Quadratmetern. Die Anlage zwischen Kanal und Alter Uentroper Weg in Werries darf durchaus als „eine der schönsten“ in Hamm bezeichnet werden. Zwei Mal in Folge, zuletzt vergangenes Jahr, bekam sie mit der „Roten Azalee“ die höchste Auszeichnung des Bezirksverbandes Hamm/Unna.

In der Zeit, als die Wohngebiete in Werries wuchsen, insbesondere infolge der DuPont-Ansiedlung, entstand die Idee zum Verein. 25 Interessierte kamen am 28. Februar 1979 zur Gründungsversammlung ins einstige Lokal Wittenborg. Am 23. September war erster Spatenstich am Plackengrund – Placken sind abgestochene Grassoden.

Die Parzellen auf dem bis heute städtischen Grund wurden im Mai 1981 vergeben. Es gilt, sie je zu einem Drittel für einen Nutz- und einen Ziergarten sowie für die Laube/Wege zu verwenden.

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