Mit dem Motorrad über die Anden

Auf Weltreise: Christian Nickele liebt das "kontrollierte Abenteuer" 

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„Wahnsinn“: Christian Nickele nimmt gefährliche Wege auf sich, um solche Aussichten zu bekommen, wie hier in den Anden.

Werries - Christian Nickele ist ein außergewöhnlicher Motorradfahrer. Der 58-Jährige aus Werries ist in gewisser Weise durchaus ein Abenteurer. Als solcher bereist er auf seiner Honda die Welt. Von seiner jüngsten Südamerika-Tour zurückgekehrt, erzählt er davon und über seine Leidenschaft. 

So sehr darauf geachtet und doch verpasst: Die 100.000-Kilometer-Marke an seinem Motorrad wollte Christian Nickele auf seiner jüngsten, einmonatigen Südamerikaktour im Foto festhalten. Kein Wunder, dass der Zähler längst umgesprungen war, als er wieder hinsah. Wie könnte es auch anders sein. „Ein Wahnsinnskontinent, diese Landschaft“, schwärmt der Werrieser nach seiner Rückkehr. Der 58-Jährige hatte eben den Blick für andere Ansichten als für den Tachostand seiner 700er Honda Transalp. Zum dritten Mal war er mit dem Motorrad in Südamerika unterwegs. Diesmal ging es entlang der Straße der Vulkane. Der 58-jährige Maschinenhauer (Bergmann) im Ruhestand liebt das gewisse Abenteuer, wie er auch in seinen Vorträgen deutlich macht. Im Interview sprach über seine durchaus außergewöhnliche Leidenschaft.

Sind Sie ein Abenteurer?

Christian Nickele: Ja, schon. Das ist ja mein Vortrieb. Ich bin neugierig auf andere Länder und Kulturen. Es ist schon ein kontrolliertes Abenteuer. Ein Reiseveranstalter sorgt dafür, dass mein Motorrad ins Land kommt und bietet Unterkünfte. Wir fahren zu zweit oder viert. Ansonsten muss improvisiert werden. 

Was bleibt dann noch als Abenteuer? 

Nickele: Das sind die Extreme: Diesmal ging es 7.204 Kilometer, so hat es das Navi gezählt, von Chile über Peru nach Ecuador. Fast alles spielte sich in den Anden zwischen 3.000 und 5.000 Höhenmetern ab. Die Straßen, manchmal nur zwei Meter breit, ohne Absicherung, voller Geröll, daneben ging es hunderte Meter runter. Wir fuhren bei Dunkelheit, Regen und Nebel auf Pisten, man sah die Hand vor Augen nicht mehr. Zwischendurch war die Piste ganz weg. Einer der tiefsten Canyons der Welt ist der Cotahuasi in Peru, sehr abgelegen. Als jemand ein Foto machen wollte, kippte er mit dem Motorrad um und zwar hangabwärts. Das war filmreif. Er hatte Glück, ist nur zwei Meter tief gerutscht. Das Motorrad sicherten wir mit Gurten und zogen es mit vereinten Kräften wieder hoch. Glücklicherweise war es noch fahrbereit. Das hätte schlimm enden können.

Unterwegs in den Anden: Christian Nickele fährt mit seiner 700er Honda Transalp um die Welt – hier in Südamerika.

Es heißt ja auch: Wer sich gern in Gefahr begibt, kommt darin um. Und Sie? Mit welchen Gefahren wurden Sie konfrontiert? 

Nickele: Ich erlebte selbst ähnliche Situationen. Wäre ich allein gefahren, hätte es mit mir vorbei sein können. Der Weg zur peruanischen Wüstenstadt Orcupampa ist verhasst. Wir nahmen eine Piste, die sollte besser sein. In den dortigen Karten sind die Straßen aber nur Schätzungen. Eine richtige Straße gibt es nicht. Es ging durch einen Fluss. Ich war wahrscheinlich zu schnell durchgefahren und rutschte auf den Steinen weg. Das Wasser war zwar vielleicht nur 40 bis 50 Zentimeter tief, aber das Motorrad lag auf meinen Beinen und ich kam nicht mehr allein hoch. Ein Mitfahrer war schon auf der anderen Seite des Flusses. Er kam sofort und half mir. Alles war nass. Musste erst einmal meine Stiefel auskippen. Später wurde es auch noch kalt. Dann, in der Ortschaft, fragten wir nach, und da hieß es: „Da gibt es gar keine Straße.“ Na, ich habe es überlebt, und zum Schluss war nur mein Stolz verletzt. 

In den vergangenen vier Jahren waren Sie schon drei Mal in Südamerika. Wer Ihre Fotos kennt, weiß, dass Sie den weiten Weg nicht wegen der Gefahr suchen. 

Nickele: Ja, vom Fahren her sind das dort schon die extremsten Situationen. Es geht richtig hoch und, wenn zum Beispiel ein Lkw entgegenkommt, wird das schon sehr eng. Aber da ist eben vor allem auch diese einzigartige Landschaft. Ein Wahnsinn. Dafür mache ich das. Es ist ein unglaublich schöner Anblick, wenn man in den Anden unterwegs ist und dann den Cotopaxi sieht (Anmerkung: Er ist mit rund 5.900 Metern der zweithöchste Berg Ecuadors und einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt). Die Botanik ist faszinierend: von Atacama, der trockensten Wüste der Welt, entlang an wunderschönen Lagunen über ausgetrocknete Salzseen bis in die kargen Höhen der Andengipfel und letztlich durch den Dschungel mit Riesenfarnen, Kolibris und Schmetterlingen, die ich in dieser Größe zuvor noch nie gesehen hatte. 

Wie sind Sie eigentlich aufs Reisen gekommen? 

Nickele: Ich hatte vor vielen Jahren in einer Motorradzeitschrift einen Artikel gelesen: „Befahren Sie mit uns die höchsten Pässe der Welt“. Das reizte mich. Ich bin dann 2010 den Khardung La im Himalaya gefahren, der soll bis zu 5 608 Meter hoch sein.

Auf der Straße der Vulkane war Christian Nickele auf seiner jüngsten Tour unterwegs.

Was denken wohl die Menschen über Ihre teils abenteuerlichen Weltreisen?

Nickele: Ich weiß es nicht genau. Die einen sagen „Guck mal, er erfüllt sich seine Träume“. Andere halten mich vielleicht für einen Spinner. Unser Sohn hat mal gefragt: „Vadda, wat willst du eigentlich in solchen Ländern?“ Er hat überhaupt kein Interesse an so etwas. 

Was raten Sie solchen Menschen? 

Nickele: Ich kann nur jedem empfehlen zu reisen. Das bildet und man bekommt einen Eindruck von anderen Menschen und die sind, meiner Erfahrung nach, fast überall freundlicher als in Deutschland. 

Und doch kommen Sie immer zurück. Ist es hier wirklich so schlimm? 

Nickele: Nein. Und ich schätze den Kontrast. Wenn man auf solchen Reisen war, lernt man das, was man hat, zu schätzen. Wenn andere dann meckern, sage ich, sollen sie doch mal wegfahren. 

Wie erleben Sie den Kontrast zur Weihnachtszeit? 

Nickele: Auch das ist extrem. Jetzt ist es besinnlich. Ich habe genug Trubel gehabt. Die Städte in Südamerika waren so was von laut, fast schon bedrohlich. Jetzt ist es ruhig. Extremer war es für mich nur, als ich in Indien war. Als ich zurückkehrte, sagte meine Frau: „Wie sieht der denn aus?“ Schlecht, wie verhungert. Ich hatte nur von Reis und Linsen gelebt. Ich werde es nie vergessen. Ich war zurück, und zu Hause gab es Rinderrouladen. Ich hätte mich drin wälzen können. 

Steht schon das nächste Reiseziel fest? 

Nickele: Ich war schon in vielen Ländern. Ich weiß nicht, in wie vielen, in Island, Schottland, Skandinavien, im Baltikum, in Indien und im Himalaya, Marokko... Eine Afrikatour schwebt mir vor, aber, was als nächstes kommt, kann ich nicht sagen, denn meine Frau sitzt neben mir (beide lachen).

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