Parteiübergreifende Suche nach einer Lösung 

Drohender Ärztemangel: In Uentrop wird das Problem akut 

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Der SPD-Aufruf zum Ärztemangel in Uentrop ruft jetzt auch andere Parteien auf den Plan.

Uentrop – Mit seinem Aufruf, das Problem des Ärztemangels in der Stadt parteiübergreifend anzugehen, rennt der Uentroper SPD-Politiker Stefan Heitkemper offene Türen bei den anderen Parteien ein. Ein erstes gemeinsames Gespräch ist für Ende November geplant. 

Klar, die Anfang der Woche durch einen Bericht im Westfälischen Anzeiger und auf wa.de über den drohenden Ärztemangel entfachte öffentliche Diskussion betrifft die gesamte Stadt. Die Aktualität aber, nämlich dass die einzig verbliebene Hausarztpraxis im Uentroper Dorf schon im Frühjahr mangels Nachfolger schließen könnte, macht die Situation zum akuten Problem im äußersten Osten der Stadt. Hier könnte der Anfang gemacht werden. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende in Uentrop, Stefan Heitkemper, rief zur gemeinsamen Lösungssuche auf. Als langfristige Lösung schlug die Schaffung eine Medizinschen Versorgungszentrum (MVZ) vor, die FDP ein Ärztezentrum. 

„Wir unterstützen den Wunsch ausdrücklich, überparteilich und gemeinschaftlich nach Lösungen und möglichen Investoren zu suchen“, sagt Peter Oberg, Vorsitzender der CDU-Ortsunion Uentrop. Karsten Weymann, Ratsherr und Fraktionsgeschäftsführer der Grünen, bestätigt: „Die drohende Ärzteversorgung, ob Hausarzt oder Kinderarzt, ist, wie Heitkemper richtig festgestellt hat, ein stadtweites Problem.“ Und für Linken-Bezirksvertreter Manfred Krystofiak ist klar: „Die von SPD und FDP angeregten Schritte werde ich natürlich unterstützen“, denn zunehmend sei festzustellen, „dass mit marktwirtschaftlichen Instrumenten eine gute Gesundheitsversorgung der Menschen nicht sichergestellt wird. Da ist es folgerichtig, neue Wege zu gehen.“

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Nur, diese Einigkeit allein bleibt eine Feststellung und hilft zunächst reichlich wenig bei dem voraussichtlich schon im Frühjahr akut werdenden Problem, wenn die einzig verbliebene Hausarztpraxis im Uentroper Dorf wie geplant schließen sollte. Oberg bringt Vorschläge in die Diskussion, die sich gegebenenfalls kurzfristiger umsetzen lassen könnten, als eine große Lösung. „Das vorgeschlagene Ärztezentrum ist sicherlich eine zu prüfende Alternative, hilft aber leider nicht kurzfristig und löst nicht das Problem, da zur Zeit keine Räume und auch augenscheinlich keine Kandidaten für eine solche Praxis verfügbar sind“, sagt Oberg über die Vorschläge der SPD für ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit mehreren angestellten Ärzten und der FDP für ein Ärztezentrum.

Übergangslösungen

„In den nächsten Wochen ist es aus unserer Sicht wichtiger, mit den Ärzten aus der Umgebung nach Übergangslösungen und gegebenenfalls Kooperationen zu suchen, um die Patienten in Uentrop zu versorgen.“ Mehrere Ideen sollten laut Oberg geprüft werden: Einschalten eines so genannten Headhunters und Kooperationen mit Ärzten außerhalb von Hamm. „Vielleicht ist auch eine ,Teilzeitpraxis‘ denkbar, um wenigstens die weniger mobilen Bürger zu versorgen“, meint der CDU-Vorsitzende. In dem Sinne kann er sich auch „Ärztetaxis“ vorstellen, die die Patienten zur medizinischen Versorgung bringen, und Mitfahrangebote. 

„Eine engere Taktung des Busangebots Richtung Hamm im Rahmen des neuen Nahverkehrsplanes ist außerdem unterstützend anzustreben“, sagt er. 

Ärztelotsen

Bei allen Ideen, Vorrang hat für Oberg die Wiederbesetzung der Praxis von Dr. Pipprich. Wie Heitkemper schaut er auf Nachbarkommunen und Kreise, die vom Ärztemangel betroffen sind. Ein Stichwort sind Ärztelotsen, die einen Standort für Ärzte „schmackhaft“ machen sollen, etwa durch Unterstützung bei der Suche nach einer Wohnung, nach Bauland und Kita-Plätzen. Dabei verweist Oberg auf den jüngsten, erfolgreichen Ausbau der Dorfstruktur durch die Erweiterung der Kita um eine Gruppe, durch das geplante neue Baugebiet Richardstraße und die Wohnbaulandinitiative.

Mitbestimmung in der Gesundheitsversorgung

Abgesehen davon nennt Heitkemper die ärztliche Versorgung im Dorf aber auch die „letzte Infrastruk–tureinheit“, die verloren zu gehen drohe. Vor dem Hintergrund erkennt Linken-Bezirksvertreter Krystofiak durch ein MSV eine dauerhafte Sicherung der Ärzteversorgung im Dorf. Vor allem den Zusatz „kommunales“ hält er für einen guten Ansatz. „Wir hätten damit deutlich mehr Steuerungsmöglichkeiten und demokratische Mitbestimmung in der Gesundheitsversorgung“, sagt er über ein städtisches MSV. „Kooperation statt Konkurrenz soll die Versorgung prägen, damit die Patientinnen und Patienten wieder in den Mittelpunkt des Gesundheitssystems rücken“, meint Krystofiak. 

Warnung vor Investoren

Dabei warnt Linken-Kreisgeschäftsführer Florian Meyer vor „massiv“ auf den Markt drängenden privaten Finanzinvestoren, die neben Pflegeheimen, Reha-Einrichtungen und Krankenhäuser auch Versorgungszentren (MSV) als „Einfallstor“ nutzten, um im großen Umfang das Geld der Krankenversicherten als Gewinn abzuschöpfen, sagt er. „Dieses Geld fehlt dann für die Bereitstellung von Gesundheitsleistungen.” 

Daher plädiere er dafür, dass die Kommune schnell aktiv werde, um eigene Strukturen zu schaffen. Die öffentliche Daseinsvorsorge müsse durch kommunale oder genossenschaftliche Strukturen gestärkt werden, fordert er.

Schon lange Zeit ein Thema

Ob das Ziel, die medizinische Versorgung im Ort nahtlos aufrechtzuerhalten, erreicht wird, bleibt fraglich – umso mehr angesichts der von den Parteien genannten lang anhaltenden Bestrebungen. In Monaten und Jahren gelang es ihnen aber nicht, sich wirkungsvoll auf die „Ernstfall“ vorzubereiten. 

Wie SPD und auch die CDU erklären, sind sie schon seit längerem mit dem Thema beschäftigt, die Christdemokraten demnach seit der Aufgabe der Praxis von Dieter Saerbeck im Jahr 2012. „Seit dieser Zeit befindet sich die Partei im regelmäßigen Austausch mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den umliegenden Ärzten“, sagt Oberg.

„Endlich tut sich etwas“

Grünen-Ratsherr Karsten Weymann sieht in der Vergangenheit eine Chance vertan, stellt aber nach der Anfang der Woche öffentlich entfachten Diskussion über den drohenden Ärztemangel in Hamm fest: „Endlich tut sich etwas.“ Seit Jahren versuche er im Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Integration (ASGI) das Thema Ärztemangel zu diskutieren, um Lösungsansätze auf den Weg zu bringen – bisher ohne Erfolg. „Die Groko hat sich im Ausschuss als für nicht zuständig erklärt und damit das Thema beendet“, sagt Weymann. Anders als bei den Vertretern von SPD, CDU und FDP im Ausschuss sei das Thema an der Basis, bei den Menschen vor Ort, längst angekommen. „Leider hat die Stadt beziehungsweise die Groko viel Zeit ungenutzt verstreichen lassen“, sagt Weymann. Er fordert jetzt „eine schnelle, konstruktive Beratung und ein entsprechendes Handlungskonzept“

Parteien wollen unterstützen

Nachdem die Parteien in der Bezirksvertretung Uentrop den Aufruf von SPD-Lokalpolitiker Stefan Heitkemper zur gemeinsamen Lösungssuche unterstützt haben, hat Bezirksvorsteher Björn Pförtzsch den nächsten Schritt eingeleitet. Er habe für Ende November zum interfraktionelles Gespräch eingeladen, sagt er. Damit komme man auch dem Wunsch nach, parteiübergreifend zu handeln.

Zu dem Treffen der Bezirkspolitiker wird der Vorsitzende des Hammer Ärztevereins, der Allgemeinmediziner Dr. Matthias Bohle, eingeladen. „Ich habe die Zusage, dass er kommt“, erklärt Pförtzsch.

Aktuelle Situation erfassen

Dass Dr. Brigitte Pipprich im Frühjahr nach langer, aber bislang erfolgloser Nachfolgersuche in den Ruhestand gehen möchte, sei zwar allen bekannt, sagt er. Darüber hinaus gehe es darum, zunächst alle Beteiligten auf den gleichen und aktuellen Wissensstand zu bringen. „Es ist zu klären, wie eine weitere Suche nach Ärzten aussehen könnte“, sagt Pförtzsch. 

Die Parteien nannten bereits mehrere Ideen (siehe oben), die möglicherweise kurzfristig umgesetzt werden könnten, wie Ärztetaxis und Kooperationen, und auf lange Sicht, wie ein Medizinisches Versorgungs- oder Ärztezentrum. Zusammen mit Bohle sollen die Möglichkeiten geprüft werden. „Wir erhoffen uns davon zu erfahren, was wir als Politiker dafür tun können und wie wir unterstützen können, damit die hausärztliche Versorgung sichergestellt werden kann“, sagt Pförtzsch.

Erste konkrete Ergebnisse aus dem interfraktionellen Gespräch kündigt er für Anfang Dezember an.

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