WDR-Doku auf verbotenen Wegen sorgt für Ärger

Misstöne rund um Storch und Biber in Hammer Lippeauen

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Wunderschön anzusehen: ein Sonnenaufgang in den Hammer Lippeauen.

Hamm-Osten - „An den Ufern der Lippe“ soll das Naturfilmprojekt heißen, das ein Dokumentar-Filmer aktuell über das Naturschutzgebiet entlang des Flusses dreht. Unter anderem wird er auch auf Hammer Stadtgebiet Drohne und Kameras einsetzen. Dem Hammer Umweltschützer Ulrich Schölermann gefällt dies gar nicht: „Rein kommerzielles Interesse.“

Eisvogel, Storch und Biber sind schon da, als Nächstes folgt in einigen Jahren dann der Fischotter. So lautet der (seriös nicht kalkulierbare) Zeitplan für die Hammer Lippeauen. Deren Renaissance, ausgelöst durch umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen, verzückt Umweltschützer und Naturliebhaber spätestens seit 2010 aufs Süßeste. In den Kanon ihres Lobgesangs mischen sich nun aber auch dunkle Töne. Auslöser dafür ist ein Naturfilmprojekt mit dem Titel „An den Ufern der Lippe“. 

Ulf Marquardt heißt der Dokumentarfilmer, der aus dem bei Köln gelegenen Pulheim stammt. Für den WDR will der Autor, Regisseur und Produzent aktiv werden und einen 45-minütigen Streifen drehen. Im Film gezeigt werden sollen „mit prächtigen Bildern die schönsten Naturschutzgebiete und interessantesten Tiere an und in der Lippe und ihren Zuflüssen“, wie er selbst im Dezember an das Umweltamt der Stadt geschrieben hat.

Jung-Störche in der Hammer Lippeaue

Während aller vier Jahreszeiten solle der Betrachter auf eine von der Quelle in Bad Lippspringe bis zur Mündung in den Rhein bei Wesel führende Reise mitgenommen werden. Die Dreharbeiten hätten bereits begonnen und würden über das gesamte Jahr 2018 fortgesetzt. Eine Ausstrahlung sei 2019 in der Sendung „Abenteuer Erde“ geplant. Ferner plane er eine DVD-Fassung herzustellen, schreibt Marquardt an die Stadt.

Betreten abseits der Wege verboten

Natürlich tut Marquardt dies nicht aus Jux und Tollerei. Das Betreten der Lippeauen ist abseits der ausgewiesenen Wege für Unbefugte nicht gestattet. Und zu deren Gruppe zählt auch grundsätzlich er als Filmemacher. Marquardt braucht also das Okay der hiesigen Umweltbehörde. Von anderen Städten hat er solche Betretungserlaubnisse offenbar schon erhalten, denn schließlich sind die Dreharbeiten nach seinen Worten andernorts bereits gestartet worden.

In Hamm will Marquardt während seiner Drehs mit Tarnzelten operieren und mit einer Drohne längs der Lippe fliegen. Unter anderem sollen ihm für Aufnahmen in Superzeitlupe weitere Filmexperten zur Seite stehen. Etwa zehn Drehtage seien in Hamm eingeplant, erklärte er auf WA-Anfrage.

Hammer Ulrich Schölermann empört

Seit dem 29. Januar hat er die Genehmigung für sein Projekt im Kasten. Das Umweltamt als untere Naturschutzbehörde hat diese ausgestellt und hatte sich zuvor den Segen des Naturschutzbundes (Nabu) Hamm, der Bio-Station Soest und des Beirats der unteren Naturschutzbehörde dafür abgeholt. Einzig Ulrich Schölermann als Bevollmächtigter des Nabu NRW stimmte gegen das Ansinnen und wettert auch heute noch gegen den Dokumentarfilmplan.

„Ich kann’s nicht nachvollziehen. Das ärgert mich total", sagt der 66-jährige Hammer zum Stimmverhalten seiner im Zuge des Genehmigungsverfahrens befragten Naturschutzkollegen. Aus seiner Sicht gehe es hier nicht um das in den Vorschriften für eine Ausnahmegenehmigung verlangte „überwiegend öffentliche“, sondern um ein rein kommerzielles Interesse. Rückendeckung, so sagt Schölermann, erhalte er unter anderem von mehreren hiesigen Ornithologen, vom Landesbüro der anerkannten Naturschutzverbände und auch vom BUND Hamm. Nur ändern wird sich deshalb nichts mehr. Der Film wird kommen, auch mit Bildern aus den Hammer Auen.

Bedrohung durch Hundehalter größer

Im Gespräch mit dem WA räumt Schölermann zwar ein, dass die Bedrohung der geschützten Lippeauen – in Hamm immerhin eine Fläche von 640 Hektar – durch Hundehalter, die ihre Tiere dort unangeleint laufen lassen oder durch Menschen, die den Sommer über dort wild campen, baden und grillen deutlich größer ausfalle. „Aber hier geht es auch ums Prinzip. Herr Marquardt hat schließlich einen Antrag gestellt“, so Schölermann. Bilder von seltenen Tieren gebe es zu Genüge, und wenn er unbedingt neue wolle, dann solle er von den Wegen aus auf Motivjagd gehen.

Ein Biber in den Lippeauen.

Aus Sicht der Stadt schießt Schölermann mit seiner Kritik hingegen mit Kanonen auf Spatzen. Beruhigend sei doch immerhin, dass der Filmemacher nur in Begleitung eines der Fachleute vom Nabu beziehungsweise der Biostation in die Auen dürfe. Auf WA-Anfrage stellt die Stadt zudem klar, wer sonst noch alles ungefragt in die Schutzgebiete darf. Dies seien neben den Eigentümern und Pächtern auch die so genannten „sonstigen Nutzungsberechtigten“. Zu denen gehörten zum Beispiel Angler, Jäger und amtlich bestellte Fischereiaufseher.

Filmer will rücksichtsvoll sein

„Daneben haben Mitarbeiter der zuständigen Behörden (Naturschutzbehörden, LANUV, Forstamt) ebenfalls ein Betretungsrecht“, so die Stadt in ihrer Stellungnahme. Auf einen mehr oder weniger dürfte es somit wohl nicht ankommen. Marquardt betont im WA-Gespräch, dass er sich stets rücksichtsvoll verhalte. „Und wenn die Menschen dort schon nicht hineindürfen, muss man ihnen doch wenigstens zeigen, warum die Gebiete unter Schutz gestellt sind.“

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