Täter online verfolgt und geschnappt

Überfall auf Jungs (10 und 12) im Kurpark: Jetzt erzählen die Opfer

Die Entwicklung von Smartphones und Computern geht schnell voran, die Reparierbarkeit bleibt oft auf der Strecke.
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Die Diebe mit dem Messer hatten es auf die Smartphones der Jungs abgesehen. (Symbolbild)

Vereine und Schule geben Kindern und Jugendlichen Tipps, wie sie fit durch die Pandemie kommen. Und denen folgen Chris (12) und Jakob (10), als sie Anfang Februar von Heessen aus zum Kurpark joggen. Sie konnten nicht ahnen, dass so ein Drama begann.

Hamm - Im Kurpark gönnen sich die Brüder eine Verschnaufpause auf einer Bank. Auf einer anderen Bank nehmen zeitgleich zwei den beiden unbekannte Männer Platz. Kurze Zeit später kommen sie herüber und fragen die beiden Jungs nach der Uhrzeit. Jakob zückt sein Smartphone, um die Uhrzeit zu ermitteln. Unvermittelt reißt ihm einer der beiden Männer das Handy aus der Hand; Chris will geistesgegenwärtig mit seinem Smartphone die Polizei anrufen, aber da wird er bereits mit einem Messer bedroht. Die Räuber nehmen auch ihm das Handy ab und machen sich aus dem Staub. (Hier klicken für unsere Erstmeldung dazu.)

Auf der Suche nach Hilfe wenden sich die beiden Brüder an ein Paar mit Hund, das sofort die Polizei verständigt. „Die Polizisten waren sehr freundlich und haben sehr nett gefragt, wo wir wohnen. Dann haben sie uns nach Hause gefahren”, erinnert sich Chris. Der Vater der beiden steckt mitten in einer Videokonferenz, als die beiden zuhause eintreffen. „Ich hab gesagt, ich bräuchte noch etwa eine halbe Stunde”, berichtet Vater Volker. Beim Anblick der Polizisten ist die Konferenz allerdings dann sofort beendet.

Mutter Marion schaltet sofort und nutzt die Google-Suchfunktion, um die Handys zu orten. Sie hat Glück – und zusammen mit den Polizisten verfolgt die Familie am Laptop, wohin sich die Täter bewegen und wo sie sich aufhalten. Weitere Polizisten nehmen die Verfolgung auf und können die Räuber dingfest machen.

Das Handy von Chris wird noch am selben Abend zurückgebracht; Jakob muss zugunsten der Spurensicherung noch ein paar Tage auf sein Smartphone verzichten und erhält es schließlich leicht beschädigt zurück. Offenbar hatten die Täter im letzten Moment versucht, das Beweismittel loszuwerden.

Jungen im Kurpark Hamm überfallen: Traumatisierungen möglich

Beiden Kindern ist es wichtig, dass die Täter gefasst wurden. Das nehme einem einen Teil der Angst, meinen sie. Gegenüber allen, die ihnen geholfen haben, empfinden sie eine tiefe Dankbarkeit. Insgesamt scheinen sie den Überfall gut überstanden zu haben. Aber der Schein kann trügen – deshalb haben die Eltern Kontakt zur Opferschutzorganisation Weißer Ring aufgenommen. Außenstellenleiter und Rechtsanwalt Ralph Reckmann weiß, dass Traumatisierungen auch zu einem späteren Zeitpunkt noch spürbar werden können. Getriggert werden können sie in den unterschiedlichsten Situationen, zum Beispiel dann, wenn die Opfer vor Gericht aussagen und dabei dem Täter noch einmal gegenüber treten müssen. „In einem solchen Fall empfehle ich immer, Kontakt zu uns aufzunehmen. Das sollte man nicht alleine in Angriff nehmen”, mahnt Reckmann.

Dass Täter gefasst würden, sei für viel Opfer und die Verarbeitung des Erlebten hilfreich. Wenn er das sagt, hat er stets das Bild einer überfallenen Kioskbesitzerin vor sich, für die es heilsam war, dass der Täter sie um Entschuldigung bat.

Jungen im Kurpark Hamm überfallen: Das Erlebte verarbeiten

Gerade Kinder hätten gute Chancen, das Erlebte zu verarbeiten, da sie noch nicht so viele Alt-/und Vorbelastungen kompensieren müssten. Chris und Jakob haben bereits gemeinsam mit den Eltern überlegt, künftig eine andere Joggingstrecke zu wählen. Ihre Mutter ist ebenfalls bislang auf der Kurpark-Strecke unterwegs gewesen. „Vielleicht nutzen wir künftig doch eher den Maximilianpark”, überlegt Vater Volker.

Ralph Reckmann empfiehlt hingegen, sich dem Negativereignis zu stellen anstatt Vermeidungsstrategien zu entwickeln: „Wichtig ist, das Negativereignis durch ein neues, ungefährdetes Ereignis zu überschreiben.” Und das am besten gleich mehrfach. Im geschilderten Fall könnte das bedeuten, dass beispielsweise die komplette Familie die Strecke gemeinsam läuft oder aber der Vater den Rest der Familie im Kurpark abholt.

Jungen im Kurpark Hamm überfallen: Weißer Ring klärt über Hilfe auf

Reckmann engagiert sich seit 31 Jahren für den Weißen Ring. Das Ehrenamt aufgenommen hat er während des Jura-Studiums. Damals seien die Verdienstmöglichkeiten für die Anwälte von Opfern schlecht gewesen – man habe damals gerade mal die Hälfte dessen verdient, was ein Pflichtverteidiger erhalten habe, erinnert er sich an ein Problem, das mittlerweile beseitigt werden konnte.

Wer bei der Hammer Außenstelle des Weißen Rings anruft, landet meist erst einmal auf dem Anrufbeantworter. „Aber den hören wir schnellstmöglich ab und melden uns umgehend bei den Hilfesuchenden. Bis zur Kontaktaufnahme vergehen meist nicht einmal 24 Stunden”, versichert Reckmann. Um das leisten zu können, investiert er viel Freizeit in das Projekt, das zur Herzensangelegenheit geworden ist.

Kotakt

Der Weiße Ring ist Ansprechpartner in Sachen Kriminalprävention und Opferhilfe. Eine erste Kontaktaufnahme ist möglich unter rareckmann@gmx.de und 02381/3046651. Wer eine Nachricht hinterlässt, wird schnellstmöglich kontaktiert – innerhalb der ersten 24 Stunden. https://hamm-nrw-westfalen-lippe.weisser-ring.de.

Jungen im Kurpark Hamm überfallen: Corona erschwert Beartung

Aus einem ersten Gespräch mit dem Team der Beratungsstelle, in dem sich unter anderem auch zwei Psychologen engagieren, resultiert nicht automatisch eine Mandatsübernahme – und nicht jedes Opfer möchte unbedingt über die Tat sprechen. Oft geht es erst einmal darum, wo genau Not am Mann ist, welche Ansprüche Betroffene geltend machen können und welche weiteren Schritte unternommen werden können.

„So etwas wie den Weißen Ring gibt es nicht noch einmal, denn die Organisation deckt alle Straftaten ab”, erläutert Reckmann. Und sie ist gut vernetzt und setzt auf Zusammenarbeit mit ortsansässigen Institutionen wie beispielsweise dem Frauenhaus. Corona erschwert die Arbeit der Beratungsstelle: „Ein persönliches Gespräch ist einfach durch nichts zu ersetzen. Da muss man in diesen Tagen schauen, wie man sich arrangiert”, sagt Reckmann, für den auch Hausbesuche nichts ungewöhnliches sind.

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