Stolperstein-Aktion

Über die Niederlande in den Tod: Die Geschichte zweier jüdischer Familien

Im Stadtarchiv Hamm warten die Stolpersteine für sieben jüdische Mitbürger, die Opfer der Shoa wurden, auf ihre Verlegung. Ein neuer Termin kann aufgrund der Coronapandemie noch nicht bekannt gegeben werden.
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Im Stadtarchiv Hamm warten die Stolpersteine für sieben jüdische Mitbürger, die Opfer der Shoa wurden, auf ihre Verlegung. Ein neuer Termin kann aufgrund der Coronapandemie noch nicht bekannt gegeben werden.

Mit der Verlegung von sieben Stolpersteinen in Bockum-Hövel wollten engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie Partner aus Verwaltung, Vereinen und Schulen ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, dass die Erinnerung an ermordete Mitbürger jüdischen Glaubens mitten in den Alltag des Hammer Ortsteils holen sollte. Aufgrund coronabedingter Einschränkungen musste der Termin jedoch verschoben werden.

Bockum-Hövel – Die Stolpersteine sollen an der Hohenhöveler Straße und an der Friedrich-Ebert-Straße verlegt werden. Dort befanden sich die letzten freiwillig gewählten Wohnorte von Angehörigen der Familien Bock und Gobas. Ihr Schicksal war seit ihrer Emigration in die Niederlande vergessen, bis es Peter Hertel 2018 in seinem Buch „Vor unsrer Haustür“ wieder enthüllte – unter anderem mithilfe des Zeitzeugens Fritz Aperdannier. Was den jüdischen Mitbürgern aus Bockum-Hövel widerfuhr, ist ein Brennpunkt millionenfacher Tragödien zwischen 1933 und 1945. Aus gut integrierten Geschäftsleuten, deren Kinder am örtlichen Schul- und Vereinsleben teilnahmen, wurden von heute auf morgen erst Ausgegrenzte, dann Verfolgte.

Manufakturwarengeschäft an der Hohenhöveler Straße 20

Die Familien Bock und Gobas gehörten zu jenen Juden, die bereits wenige Monate nach der Machtübernahme aus dem Deutschen Reich flohen. Anlass für diese erste Fluchtwelle war der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933. Viele Juden emigrierten in die Niederlande, darunter auch Leo Bock und Siegmund Gobas mit ihren Familien. Beide Männer hatten niederländische Wurzeln, wie Peter Hertel herausfand. Leo Bock wurde am 4. Juni 1884 im niederländischen Gennep geboren. 1918 heiratete er Mathilde Silberberg. Das junge Paar wohnte zunächst in Hövel an der Husarenstraße und zog später an die Bockumer Straße. Am 14. Februar 1920 wurde in Hövel ihre Tochter Agathe geboren. 1929 zog die Familie erneut um, und zwar in die Hohenhöveler Straße 20, wo sie ein Manufakturwarengeschäft betrieb.

Siegmund Gobas wurde am 12. November 1885 in Lüdenscheid geboren. Er hatte einen niederländischen Vater und behielt dessen Staatsangehörigkeit. 1909 heiratete er Agathe Friedlich. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Edith Gobas, geboren 1910, Paul Gobas, geboren 1912, und Rolf Gobas, geboren 1919. „Gesichert ist“, so Hertel in seinem Buch, „dass die Familie seit 1925 zunächst in der Wiskottstraße, dann in der Kaiserstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) lebte. Alle drei Kinder gingen angeblich in Hamm auf die Höhere Schule; mit Sicherheit besuchte Rolf das Gymnasium Hammonense.“

Koch und Konditor

Nach ihrer Emigration lebten die Bocks seit November 1933 im niederländischen Oeffelt. Ihre Tochter Agathe wohnte bis 1940 bei ihren Eltern, ehe sie als Dienstmädchen in Roermond, zeitweise in Eindhoven, arbeitete. Siegmund, Agathe, Paul und Rolf Gobas waren, nachdem sie am 27. April 1933 geflohen waren, unter verschiedenen Adressen in Amsterdam gemeldet. Laut Hertels Informationen aus niederländischen Archiven war Siegmund Gobas in einer Metzgerei als Verkäufer angestellt; sein Sohn Paul arbeitete als Koch, Sohn Rolf als Konditor.

In den liberalen Niederlanden wurden Juden zunächst freundlich empfangen. 1938 jedoch, nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich, teilte der niederländische Justizminister Carolus Goseling mit, dass sein Land keine jüdischen Flüchtlinge mehr aufnehmen werde. Doch, wie Hertel schreibt, kamen „die acht Jüdinnen und Juden nach ihrer Emigration aus Hövel einigermaßen zurecht“. Bis die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 in das neutrale Land einfiel. Damit war die neue Heimat zur Falle geworden. Die nationalsozialistischen Besatzer verfolgten dieselbe Strategie wie in Deutschland: Sie drangsalierten die Juden mit immer neuen Verordnungen, isolierten sie, raubten ihren Besitz, pferchten sie in bestimmten Vierteln zusammen. In die Wohnung der Familie Gobas wurden im Februar 1941 drei weitere Juden eingewiesen.

Koscheres Schlachten verboten

Anfängliche Proteste seitens der niederländischen Öffentlichkeit versandeten oder wurden niedergeschlagen. Infolge der antijüdischen Maßnahmen wurden zahlreiche Männer arbeitslos. So verlor auch der Metzgereiverkäufer Siegmund Gobas seine Stelle, nachdem Juden das koschere Schlachten verboten worden war. Die deutschen Behörden begannen ab Januar 1942, Arbeitslager für jüdische Arbeitslose in den Niederlanden einzurichten. Siegmund Gobas wurde ins Lager Kremboong, Provinz Groningen, gebracht. „Dort hatte der 56-Jährige schwere, ungewohnte Tätigkeiten wie Erd- und Straßenarbeiten zu leisten“, berichtet Hertel.

Im Oktober 1942 ließen die Nazis die in Arbeitslagern internierten Männer mit ihren Familien festnehmen. Mehr als 12 000 Menschen wurden nach Angaben der Anne-Frank-Stiftung noch im selben Monat nach Auschwitz deportiert. Agathe Gobas, Siegmunds Ehefrau, und ihr gemeinsamer Sohn Rolf waren schon im September 1942 ins Lager Westerbork bei Groningen beordert worden. Dorthin wurde nun auch Siegmund Gobas transportiert, sein Sohn Paul Gobas und seine Tochter Edith, inzwischen mit Isidoor Noach verheiratet, kamen am 31. August 1943 nach Westerbork. Von dort wurden alle fünf Mitglieder der Familie Gobas nach Auschwitz verfrachtet und ermordet.

Der Todesweg der anderen jüdischen Familie aus Hövel begann am 28. August 1942, als sich Leo und Mathilde Bock beim Polizeimeister in Oeffelt zu melden hatten. Auch sie wurden über das SS-Sammellager Westerbork nach Auschwitz deportiert, ebenso wie ihre Tochter Agathe. Keiner der drei überlebte den Holocaust.

Veranstaltungen zu jüdischem Leben im Bezirk

Zum Jahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ sind abhängig vom weiteren Verlauf der Coronapandemie folgende Veranstaltungen in Hamm geplant:

21. Mai: Frühe Erlebnisse – Späte Erkundungen, mit Peter Hertel und Fritz Aperdannier (Geschlossene Veranstaltung in der Sophie-Scholl-Gesamtschule)

12. Juni: Ein Rundgang durch das jüdische Bockum und Hövel mit Fritz Aperdannier und Peter Hertel

23. Juni: Jeder kann etwas tun, mit Gábor Lengyel – Rabbiner und Nothelfer der Flüchtlinge

24. August: Warum schwieg Papst Pius XII.? Der christliche Antisemitismus und die Folgen mit Peter Hertel (Bildpräsentation: Christiane Buddenberg-Hertel)

25. September: Eine Melodie singt mein Herz, mit dem Gernsheim-Duo, Anna Gann (Sopran) und Naoko Christ-Kato (Klavier)

4. November: Zukunft wächst aus Erinnerung: Die christlich-jüdischen Beziehungen seit 1965, mit Hanspeter Heinz

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